Es wird wieder ein bisschen lockerer werden, das hat die Bundesregierung am Freitag bekanntgegeben. Es wird noch zwei Wochen dauern, man bleibt beim bisherigen Rhythmus. Die Zahl der aktiv Erkrankten sinkt aber weiter, deshalb wird nun die Maskenpflicht gelockert. Gänzlich fällt sie nicht, und der Schutz kann natürlich auch weiterhin getragen werden.

Doch ab 15. Juni muss keine Maske mehr in den meisten Geschäften aufgesetzt werden oder in Schulen. Die Pflicht reduziert sich mit diesem Datum auf öffentliche Verkehrsmittel, den Gesundheitsbereich sowie auf Dienstleistungen, bei denen dauerhaft der Abstand von einem Meter unterschritten wird. Als Beispiel nannte Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) Friseure und Servicepersonal im Tourismus.

Die Gastronomie wird, ebenfalls in zwei Wochen, eine Erstreckung der Sperrstunde auf 1 Uhr erhalten, das Limit für vier Personen an einem Tisch fällt ebenso. Kurz sagte aber: "Wir empfehlen dringend, den Mund-Nasen-Schutz dort zu verwenden, wo es Menschenansammlungen gibt, wo es eng ist, wo der Abstand nicht eingehalten werden kann."

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) wies auch darauf hin, dass man sich nicht in falscher Sicherheit wiegen sollte, international sei das Infektionsgeschehen nach wie vor stark und bereits 5,8 Millionen Menschen weitweit an Covid erkrankt. 360.000 Menschen sind offiziell daran gestorben.

In Österreich sind die Zahlen aber seit Wochen fallend, weshalb nun eben die nächsten Lockerungsschritte angekündigt wurden – immer mit dem Hinweis versehen, dass es auch wieder in die andere Richtung gehen kann. Das passiert gerade in Südkorea, wo Museen, Galerien und Parks für zwei Wochen wieder geschlossen werden. Obwohl auch dort die Zahlen nach wie vor niedrig sind. Aber eben steigend.

Das war auch für Österreich erwartet worden durch die Öffnungsschritte. Unsicher war, um wie viel und welche Lockerungen zu welchem Ergebnis führen. Was bedeuten die Schulöffnungen? Welche Folgen hat der (langsame) Neustart der Gastronomie? Durch den raschen Lockdown im März konnte man diesbezüglich keine Erfahrungen sammeln, und auch aus anderen Ländern gab dazu so gut wie keine Erkenntnisse.

Infektionsgeschehen bleibt stabil

Heute, einige Wochen später, ist aber nicht viel mehr Wissen dazugekommen. Was allerdings eine überaus gute Nachricht ist. Denn die schrittweisen Öffnungen seit Mai haben, zumindest bis Freitag, zu keinem Anstieg der Infektionszahlen geführt. Sie bewegen sich seit Wochen zwischen 20 und 80 pro Tag. Zieht man einen Durchschnitt von vier Tagen heran, dann sinkt der sogar weiterhin.

In Schulen, Kindergärten und auch in Lokalen gab es zwar vereinzelt Fälle von Infektionen, doch es blieb jeweils bei diesen Einzelfällen. Die sind auch beherrschbar. Einen bedrohlich großen Cluster gab es nur in einem Verteilzentrum der Post, in dem viele Leiharbeiter beschäftigt waren. Zahlreiche von ihnen waren Asylwerber aus Heimen in Wien. Da die Arbeit in Verteilzentren der Post aber nie geruht hat, geht dieser Cluster nur bedingt mit den Lockerungen einher.

Diese Häufung von Infektionsfällen zeigt aber auch, welche Faktoren begünstigend wirken, nämlich Innenräume, mit vielen Menschen, die miteinander kommunizieren. Vor allem, wenn es lauter ist. Wer schreit (oder singt) dürfte im Infektionsfall auch mehr Virus ausscheiden. In mehreren Ländern hat es Massenansteckungen bei Chören und in Bars mit Musik (Kitzloch) gegeben sowie auch in lauten Fabriken, in denen viele Menschen auf engem Raum zusammenarbeiten.

Nun wurden bereits einige wissenschaftliche Studien publiziert, die darauf hindeuten, dass sogenannte Superspreader einen sehr großen Anteil am Infektionsgeschehen haben. In Österreich war ein solches Ereignis bekanntlich eine Bar in Ischgl.

Schon recht früh in der Pandemie wurde errechnet, dass die sogenannte Basisreproduktionszahl zwischen 2 und 3,5 liegt. Das heißt, dass ein Infizierter zwischen 2 und 3,5 andere ansteckt. Im Durchschnitt. Und das ist wichtig. Denn der Verdacht verstärkt sich zusehends, dass für die meisten Infektionen nur wenige Virusträger verantwortlich sind und der Großteil das Virus gar nicht überträgt. Die Zahlen in den einzelnen Studien variieren, doch sie reichen in einer Arbeit bis zu 80 Prozent Infektionen, die von nur 10 Prozent der Infizierten verursacht wurden.

Wer sind die Superspreader?

Was man schon länger weiß, ist, dass die gemessene Viruskonzentration sehr unterschiedlich sein kann. Unklar ist aber, warum das so ist. "Es gibt Variablen, die noch nicht genau bekannt sind", sagt Thomas Czypionka, Gesundheitsökonom beim Institut für Höhere Studien und selbst ausgebildeter Mediziner.

"Der Einzelne scheint aber weniger infektiös zu sein", sagt Czypionka. Das ist die gute Nachricht, denn es reduziert die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung, selbst wenn am Nebentisch zufällig einer von den aktuell (offiziell) 640 Infizierten sitzen sollte. Viele Virusträger sind offenbar nur sehr kurz und/oder sehr wenig infektiös. "So lange wir aber nicht erkennen können, wer das ist, macht es das schwierig", sagt Czypionka.

Gebäude, Gruppen, Gespräche = Gefahr

Im Moment spricht jedenfalls viel dafür, dass gewisse, aber noch unbekannte Eigenschaften des Virus im ungünstigen Zusammenspiel mit der Genetik des Wirten eine Person zum potenziellen Superspreader macht. So lange man diese potenziellen Superspreader nicht detektieren kann, werden Maßnahmen eine Rolle spielen, um zumindest zu verhindern, dass eine solche Person gleich Hunderte anstecken kann. In Fabriken wird das nicht immer zu vermeiden sein, im Freizeitbereich schon eher.

Der unter anderem an der renommierten Johns Hopkins Universität ausgebildete Salzburger Internist Franz Wiesbauer nannte die drei Faktoren Gebäude, Gruppen und Gespräche. Liegen alle drei vor, und ein Superspreader kommt auf Besuch, gibt‘s ein Problem. Bereits der relativ kleine Cluster im Verteilzentrum war schwierig, aufzuarbeiten. Es ist daher nach wie vor eine fragile Angelegenheit.

Die Regierung hat am Freitag jedenfalls klar gemacht, dass die Nachtgastronomie und Konzertlokale wohl länger nicht öffnen werden. Das betrifft auch den Publikumssport. In der kommenden Woche soll mit den Branchen die nähere Zukunft besprochen werden. "Wir werden das nicht kurzfristig lösen können", sagte der Kanzler. Das war die schlechte Nachricht. Doch für die Kontrolle der Epidemie geben die die jüngsten Erkenntnisse der Wissenschaft eher Anlass für Optimismus.