Justizministerin Alma Zadic (Grüne) will das derzeit im Bundeskriminalamt liegende gesamte Ibiza-Video "so schnell wie möglich" dem Untersuchungsausschuss übermitteln. Wie Zadic im Gespräch mit der APA sagt, ist die Justiz aber noch nicht im Besitz der Aufnahmen. Sie will daher am Dienstag mit Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) sprechen. Das Ibiza-Video hatte Mitte Mai 2019 zum Platzen der ÖVP-FPÖ-Bundesregierung geführt, weil laut den Aufnahmen der damalige Vizekanzler Heinz-Christian Strache einer vermeintlichen Oligarchenichte unter anderem Vorteile bei Auftragsvergaben in Aussicht gestellt hat.

Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) hat am Freitag sowohl das Innen- als auch das Justizministerium schriftlich aufgefordert, das im April beschlagnahmte Ibiza-Video an den parlamentarischen Ibiza-Untersuchungsausschuss zu übermitteln. Das Innenministerium sieht diesbezüglich die Justiz in der Pflicht. Auf APA-Anfrage verwies eine Sprecherin Nehammers auf die Verfahrensordnung, laut der das Justizministerium die Unterlagen der Strafverfolgungsbehörden dem Ausschuss vorlegen muss: "Wenn sie von uns wollen, dass wir es weitergeben, machen wir es sofort."

Justizministerin redet mit Innenminister Nehammer

Zadic will daher am Dienstag mit Innenminister Nehammer sprechen. "Es ist mir ein Anliegen, dass dem Untersuchungsausschuss so schnell wie möglich alle relevanten Unterlagen zur Verfügung gestellt werden", so die Ministerin. Sie verweist allerdings darauf, dass das Bundeskriminalamt das Video bisher nicht an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet hat und die Justiz daher noch nicht im Besitz der Aufnahmen ist.

Das Justizministerium hat die Kollegen im Innenressort bereits am 29. Jänner per Erlass aufgefordert, alle für den Untersuchungsausschuss relevanten Unterlagen den zuständigen Staatsanwaltschaften zu übermitteln. Weil dies im Fall des Ibiza-Videos noch nicht geschehen ist, drängt die Ministerin das Bundeskriminalamt nun, dies nachzuholen. Dabei müsste das Innenministerium laut Zadic auch prüfen, ob mit der Übermittlung Persönlichkeitsrechte verletzt werden.

Alternativ könnte das Bundeskriminalamt das Video auch in Form eines regulären Ermittlungsberichts an die Staatsanwaltschaft schicken. In diesem Fall müsste die Justiz dann die Frage der Persönlichkeitsrechte bewerten - gemeinsam mit der Frage, ob die Übermittlung des Videos an das Parlament möglicherweise die Ermittlungen gefährden könnte.

Neue ÖVP-Attacke auf Korruptionsstaatsanwaltschaft

Indessen rückte der ÖVP-Fraktionschef im U-Ausschuss, Wolfgang Gerstl, am Pfingstmontag aus, um die schon länger im Visier der ÖVP stehende Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) zu attackieren. Gerstl behauptete in einer Aussendung, dass Revierkämpfe zwischen WKStA und Staatsanwaltschaft Wien die Lieferung des Videos ans Parlament verzögert hätten. Inhaltlich erläutert hat Gerstl seinen Vorwurf allerdings nicht.

Zadic nahm die Staatsanwaltschaft diesbezüglich in Schutz: "Ich verstehe nicht, warum die WKStA dafür zuständig sein soll, das Video dem Untersuchungsausschuss vorzulegen. Zuständig ist die Oberstaatsanwaltschaft und das Video ist weder bei der Staatsanwaltschaft Wien noch bei der WKStA."

Die Verfahrensrichterin im Ausschuss, Ilse Huber, rechnet jedenfalls mit einer raschen Übermittlung des Videos an die Abgeordneten, wie sie am Montag im ORF-Radio sagte. Sobotka setze sich für die rasche Lieferung ein. "Dann wird es noch hier aufbereitet und dann müsste die Einsicht möglich sein", sagte Huber.

FPÖ und Neos verärgert über Ringen um Video

Kritik am Regierungs-internen Tauziehen um die Lieferung des Ibiza-Videos an das Parlament kommt von FPÖ und NEOS. Beide Parteien drängten am Montag darauf, das Video im U-Ausschuss zu erhalten. Im Innenministerium geht man indessen davon aus, dass die Justiz das Video auch ohne formale Übermittlung durch das Bundeskriminalamt weiterleiten könnte.

Der freiheitliche Fraktionsführer im U-Ausschuss, Christian Hafenecker, bezeichnet den Machtkampf zwischen dem Innenressort und der Justiz über die Herausgabe des Videos als "skandalös". "Es ist für die Ausschussmitglieder notwendig, sich so schnell wie möglich ein ungefiltertes Bild machen, um für die Befragungen am Donnerstag optimal vorbereit zu sein", meinte Hafenecker in einer Aussendung.

Ähnlich die NEOS, deren Fraktionsführerin Stephanie Krisper das Innenministerium in der Pflicht sieht. Dass die "Soko Tape" des Bundeskriminalamtes die Korruptionsstaatsanwaltschaft nicht über die Beschlagnahmung des Videos informiert habe, sei "nicht nur unfassbar, sondern auch rechtswidrig". Das Innenressort solle nun klären, welcher Geheimhaltungsstufe das Video unterliege und dieses weiterleiten: "Das Video liegt aktuell physisch nur beim Innenministerium, nur dieses kann das Video daher dem U-Ausschuss übermitteln- und ist dazu verpflichtet."

Innenressort sieht die Justiz am Zug

Letzteres weist man im Innenministerium zurück. Dort heißt es, dass auch die Staatsanwaltschaft auf das Video zugreifen könne. Dass die Justiz zur Vorlage an den U-Ausschuss zuständig sei, sei in der Verfahrensordnung klar geregelt. Auch der Chef der Finanzprokuratur Wolfgang Peschorn betont in einer der APA vorliegenden schriftlichen Einschätzung, dass die Pflicht zur Vorlage die Justiz treffe. Diese müsse auch darüber entscheiden, ob die Weiterleitung an den Ausschuss Ermittlungen gefährden würde und daher ein sogenanntes "Konsultationsverfahren" mit dem Parlament nötig ist.

Gegen die Übermittlung an den Ausschuss plädiert dagegen das Team Strache. Die neue Partei des früheren FP-Chefs und Ibiza-"Hauptdarstellers" Heinz-Christian Strache meint, es wäre rechtsstaatlich höchst bedenklich, wenn der Ausschuss das Video eher sehen könnte, als die Beschuldigten und die Staatsanwaltschaft: "Strache selbst ist naturgemäß an einer restlosen Aufklärung dieser Causa interessiert, allerdings ortet er auch die Gefahr eines weiteren Missbrauchs", heißt es in einer Aussendung. Denn das Video könne auch die voyeuristischen Bedürfnisse mancher Medien bedienen. (apa)