Die von der türkis-grünen Bundesregierung ab 2021 geplante Einführung einer Pflegelehre in Österreich stößt im Parlamentsklub der Grünen auf deutliche Vorbehalte. Ähnlich wie etwa der Salzburger Pflegedirektor Karl Schwaiger wendet sich die grüne Senioren- und Pflegesprecherin Bedrana Ribo dagegen, dass Jugendliche zu früh direkt in die Pflege- und Betreuungstätigkeit bei Pflegebedürftigen eingebunden werden.

Das Schweizer Modell der Pflegelehre wird von den Befürwortern einer Pflegelehre etwa in der Wirtschaftskammer als Vorbild angesehen. Laut Ribo hat dieses System aber "mit einer hohen Drop-Out-Rate zu kämpfen". Sie tritt daher für einen "breiten Diskurs" ein.

Nach einem Bericht der "Wiener Zeitung" in der Vorwoche wird das von Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) besonders vorangetriebene Projekt der Pflegelehre in Abstimmung mit Gesundheits- und Sozialminister Rudi Anschober (Grüne) so vorbereitet, dass die Pflegelehre ab September 2021 beginnen kann.

Nach den politischen Vorgaben der beiden Ministerien wird eine dreijährige Pflegelehre angestrebt. Neben der grünen Senioren- und Pflegesprecherin im Parlamentsklub hat bereits zuvor die Vertreterin pflegender Angehöriger, Birgit Meinhard-Schiebel, die für die Grünen in Wien tätig ist, massive Einwände gegen die Einführung einer Pflegelehre vorgebracht. Hintergrund für das Vorhaben ist, dass damit auch der akute Mangel an Pflegepersonal bekämpft werden soll.

"Hoch sensibler Bereich"

Ribo betont, dass ein intensiver Austausch von Meinungen mit Expertinnen und Interessenvertretern im Pflegebereich notwendig sei. Danach solle ein Konzept entwickelt werden, das von allen beteiligten Gruppen in breiter Form mitgetragen werde. "Wir dürfen nicht außer Acht lassen, dass es hier um einen hoch sensiblen Bereich geht", warnt die grüne Nationalratsabgeordnete.

Darüber hinaus möchte Ribo auch eine bessere Unterstützung von Tausenden Kindern und Jugendlichen erreichen, die schon derzeit ihre Angehörigen pflegen. Diese bräuchten vor allem psychische Unterstützung für ihre schwierige Aufgabe bei der Pflege von Angehörigen. Junge Menschen zwischen 15 und 18 Jahren einer Pflegetätigkeit auszusetzen, sei eine "zusätzliche Herausforderung und oft eine Überforderung", gibt sie zu bedenken.

Fachverband begrüßt Fortschritte

Für den Obmann des Fachverbandes der Gesundheitsbetriebe in der Wirtschaftskammer, Julian Hadschieff, ist hingegen die Einführung der Pflegelehre ein wichtiger Schritt und eine weiterer "Lückenschluss" zwischen Pflichtschule und Berufsausbildung. Damit könnten künftig auch kleinere Trägerorganisationen, die sich ein eigenes Ausbildungsinstitut für die Pflege leisten könnten, ihre künftigen Mitarbeiter ausbilden.

Hadschieff ging auch auf den umstrittensten Punkt bei der Pflegelehre ein, wonach Lehrlinge nicht zu früh mit pflegebedürftigen Menschen konfrontiert werden sollten. Dieses Problem sieht er nach einer Aussprache in der Vorwoche zwischen Wirtschafts-, Gesundheits- und Bildungsministerium mit Vertretern der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen ausgeräumt. Die praktische Unterweisung bei der Ausbildung am Krankenbett soll für Pflegelehrlinge demnach nicht ab 15, sondern erst ab 17 erfolgen. Das sehe das Ausbildungskonzept vor, das die Wirtschaftskammer mit Pflegeexperten erarbeitet habe. Damit werde auch den Einwänden von Arbeiterkammer und Gewerkschaftsbund Rechnung getragen.