Die Reaktionen auf die sexistische Äußerung des Tiroler Landeshauptmann-Stellvertreter Josef Geisler (ÖVP) nehmen nach wie vor kein Ende. Der Politiker warf der WWF-Aktivistin Marianne Götsch bei einer Kundgebung in Innsbruck gegen das Kraftwerk Tumpen-Habichen "widerwärtiges Luder" an den Kopf. Nun fordert auch das Frauennetzwerk Medien, dass mit Sexismus in der Politik Schluss ist - und verleiht dem Politiker ein "Rosa Handtaschl". 

Mit dieser "Trophäe" weist das Frauennetzwerk Medien auf Äußerungen von Personen des öffentlichen Lebens hin, deren Frauenbild von offensichtlichem Sexismus geprägt ist. Bewertet werden unterschwellige Angriffe, herabwürdigende Aussagen, klischeehafte Darstellungen oder Ignoranz gegenüber Frauen und ihren Leistungen. Zu den bisherigen Preisträgern zählen Felix Baumgartner für seine sexisitischen Äußerungen gegenüber der Puls4-Info-Chefin Corinna Milborn, der damalige ORF-Chefredakteur Werner Mück, der den Anblick einer profilierten Redakteurin als eine "Beleidigung für die Zuseher" bezeichnete oder  Gunnar Prokop, der mit seinem Sager "Die Frau gehört in die Kuchl, soll die Kinder erziehen und aus" traurige Berühmtheit erlangte.

"Luder ist und bleibt ein Schimpfwort"

"Eigentlich hätte der sexistische Sager alleine schon für das Handtaschl gereicht, aber Geisler und sein Büro zeigten mit ihrem Verhalten danach, dass sie offensichtlich nicht wissen, was Sexismus ist und dass diese Misogynie nicht mit fadenscheinigen Erklärungen kleinzureden ist", heißt es der Begründung des Frauennetzwerks Medien. "Egal ob aggressiv gebrüllt oder mit einem Lächeln auf den Lippen wie bei Geisler, Luder ist und bleibt ein Schimpfwort. Es ist auch kein Zufall, dass dieses nicht gegenüber Männern, sondern eben gegenüber Frauen verwendet wird."

Mit Sexismus seien sowohl diskriminierendes Verhalten als auch sexistische, abwertende Äußerungen gegenüber Frauen gemeint, richtet sich der Vorstand des Frauennetzwerks an den ÖVP-Politiker. "Dass Sie Ihrem Gegenüber kein Kompliment machen wollten, zeigt sich auch am Zusatz widerwärtig", auf der Suche nach Synonymen für das Wort seien nur weitere negative Synonyme zu finden, "von abstoßend und unausstehlich über unerträglich und abscheulich bis hin zu ekelerregend".  Die Netzwerk-Frauen empfehlen dem Politiker "eine Nachschulung in respektvollem Umgang mit Frauen", außerdem solle die Tiroler ÖVP sowie die Landesregierung überdenken, "wen sie Tirols Frauen als politische Vertretung und Buben wie Männern als Vorbild zumuten wollen".

Kritik aus den eigenen Reihen mehrt sich

Nach Kritik und Rücktrittaufforderungen zahlreicher Vertreterinnen und Vertreter von SPÖ, Neos und der Tiroler Liste Fritz, melden sich zunehmend mehr kritische Stimmen aus den Reihen der Grünen und Geislers eigener Partei, der ÖVP. Die Grüne Bundesklub-Obfrau Sigrid Maurer schrieb etwa auf Twitter: "Wem so etwas so leicht über die Lippen kommt, dem erscheint die Herabwürdigung von Frauen wohl generell ein probates Mittel." Auch die grüne Tiroler Landesrätin Gabriele Fischer und die grüne Frauensprecherin und Landtagsvizepräsidentin Stephanie Jicha forderten "sichtbare Konsequenzen" ein. "Dieser Auftritt war skandalös und darf nicht ohne sichtbare Konsequenzen bleiben", zitierte die "Tiroler Tageszeitung" in ihrer Online-Ausgabe Fischer. Geisler müsse sein Handeln und Denken ernsthaft hinterfragen und sich damit auseinandersetzen, ob er diese Entgleisung und den Schaden, den er angerichtet hat, durch politisches Handeln im Sinne der Gleichstellung, des Gewaltschutzes, des Feminismus, der Frauen wieder gut machen könne.

Auch ÖVP-Politikerinnen kritisierten Geisler. Karoline Edtstadler, Staatssekretärin im Innenministerium, sagte in der "ZiB2" des ORF am Sonntag-Abend, man könne über Geislers Beschimpfung nicht einfach hinweggehen. "Gewalt gegen Frauen beginnt sehr oft bei Worten", betonte Edtstadler unter Verweis auf die Tötung zweier Frauen in Kärnten am gestrigen Samstag. "Wir haben das jetzt wieder gesehen bei einem Doppelmord, das kommt nicht von heute auf morgen. Keiner wird von heute auf morgen zum Mörder, sondern da geht es ganz früh los, was in der Gesellschaft los ist und wie 'mann' Frauen gegenüber tritt." Für sie sei die Sache ein Anlass, dass man sich gesamtgesellschaftlich des Themas "wieder intensiv anzunehmen". Für einen Rücktritt spricht sie sich nicht aus, das sei eine Sache der Tiroler Landespolitik. Deren oberste Instanz, Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP), hatte Geislers Sager in der ORF-Pressestunde zwar als "inakzeptable Entgleisung" bezeichnet, aber auch klar gestellt, dass der an dem Politiker festhält: "Ein Rücktritt ist nicht angedacht."

Scharf mit Geisler ins Gericht ging am Montag auch die ehemalige ÖVP-Frauenministerin Maria Rauch-Kallat. "Er sollte sich überlegen, ob er richtig an diesem Platz ist", richtete sie ihrem Parteifreund im Ö1-"Mittagsjournal" aus. Rauch-Kallat nannte Geislers Verhalten "absolut inakzeptabel" und "respektlos". Etwas milder war da die jetzige Ressortchefin Susanne Raab (ÖVP). Sie verurteilte den "Luder"-Sager zwar erneut deutlich, den Rücktritt wollte sie Geisler aber nicht nahelegen. Sie habe mit ihm gesprochen, so Raab. Der Politiker sei sich seines Fehlers bewusst. (red, apa)