Isolation, rund um die Uhr zuhause und Angst, zu erkranken oder die Arbeit zu verlieren: Die Corona-Krise ließ vermutlich kaum jemanden unberührt - einige traf sie aber besonders hart und löste in der Folge eine weitere, mitunter folgenschwere Krise aus: "Für Suchtkranke ist dieser Stress, und dass sie ihr gewohntes Leben mit seiner Tagesstruktur aufgeben mussten, doppelt schwierig", sagt Suchtexperte Michael Musalek, Psychiater und Psychotherapeut und Leiter des Anton Proksch Instituts in Kalksburg. Ganz unabhängig davon, ob die Suchtkranken legale oder illegale Substanzen konsumieren - wobei bei Letzteren die Frage der Verfügbarkeit hinzukam.

Die dramatische Situation, in die zahlreiche Suchtkranke bereits geschlittert seien, werde sich zunehmend verschärfen, sagt Musalek. Eine psychosoziale Pandemie zeichne sich ab. Diese sei immer zeitverzögert - aber dafür umso gravierender. "Bei der viralen Pandemie spricht man von Wochen oder Monaten. Bei der psychosozialen Pandemie sind es Monate bis Jahre."

Nach einem Rückfall wieder ins Leben zu finden, ist langwierig und schwierig. Der Alkoholkonsum habe seit Beginn des Lockdowns Mitte März jedenfalls deutlich zugenommen und steige weiter, sagt Musalek. "Einerseits sind die Hemmnisse in der Isolation nicht so groß, zum Glas zu greifen, und es passiert mitunter auch aus einer gewissen Fadesse heraus. Andererseits ist bei Ängsten und Existenzbedrohungen Alkohol ein probates Mittel, um die Anspannung zu verlieren." Das Fatale daran: "Wenn die Wirkung des Alkohols nachlässt, muss man sofort wieder trinken."

Ordinationen blieben fast leer

Die Schwelle, Hilfe zu suchen, ist allerdings hoch, es dauere bis zu sechs Jahre lang, sagt Musalek. Werden Lockdown und soziale Isolation auch noch offiziell verschrieben, "wird das genutzt, nicht in Behandlung zu gehen, wodurch man in seiner Sucht gefangen bleibt".

Am deutlichsten habe sich das darin gezeigt, dass die meisten Ordinationen für Psychiatrie während des Lockdowns nahezu leer gewesen seien, obwohl sie - genauso wie das Anton-Proksch-Institut - geöffnet hatten. Und auch in die Krankenhäuser seien weniger Suchtkranke gekommen, ergänzt Kurosch Yazdi, Vorstand der Klinik für Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin am Kepler Universitätsklinikum. Das liege aber freilich auch daran, dass die meisten anfangs nur Akutbehandlungen durchführten. Grundsätzlich begibt sich laut Yazdi selbst in Nicht-Krisenzeiten nur ein Bruchteil der suchtkranken Menschen in Behandlung.

Die Anonymen Alkoholiker hätten unmittelbar nach dem Beginn der Ausgangsbeschränkungen auf Online-Treffen umgesattelt, sagt Teilnehmer Harald zur "Wiener Zeitung". Einige seien in dieser Zeit neu dazugekommen. "Jede Krise birgt die Gefahr, flüchten zu wollen, sich nicht spüren zu wollen", sagt Harald. Mittlerweile fänden die Treffen wieder in ihrer gewohnten, realen Form, allerdings mit höchstens zehn Teilnehmern statt. Kommen mehr, gibt es laut Harald sogenannte Springer, "die gehen, um jemandem den Platz zu überlassen, der es dringender braucht". Er selbst sei ein solcher Springer.

Darknet-Drogenkauf gestiegen

Jene, die illegale Drogen konsumieren, waren mit einem zusätzlichen Problem konfrontiert: Aufgrund der Grenzschließungen waren vor allem Opiate, aber auch Crystal Meth, das fast ausschließlich aus Tschechien kommt, kaum verfügbar - und daher um vieles teurer. "Viele sind auf Amphetamine (wie Crystal Meth synthetisch hergestellt, Anm.) umgestiegen", sagt Yazdi, "oder es kam zu einem kalten Entzug."

Ewald Lochner, Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien, kennt die Situation nur zu gut. "Der Suchtmittel-Kauf im Darknet ist dadurch gestiegen", sagt er. Vor allem von Amphetaminen. Eine von der Fakultät für Kriminalwissenschaften der Universität Lausanne in der Schweiz durchgeführte Analyse ergab, dass seit Mitte März auch die Zahl der Cannabis-Käufe über eine einschlägige Webseite massiv zugenommen hat: und zwar von 50 auf rund 300 pro Woche allein bei in der Schweiz ansässigen Verkäufern. "Checkit!", die Info- und Beratungsstelle zum Thema Freizeitdrogen in Wien, prüft anonym, kostenlos und vertraulich über das Darknet erworbene Substanzen auf deren Inhalt.

Wien habe ein gut ausgebautes Substitutionsprogramm, betont Lochner: 90 Prozent der rund 7000 Betroffenen seien in dieses eingebunden. Und: Selbst während des Lockdowns konnten diese niederschwellig mit den Medikamenten versorgt werden, weil das Suchtmittelgesetz - vorerst befristet bis 31. Dezember 2020 - dahingehend geändert wurde, dass Rezepte per Telefon verschrieben und direkt bei der Apotheke abgeholt werden können. Der Gang vom Haus- zum Amtsarzt fällt damit weg. Schaffen Patienten nicht einmal den Weg zur Apotheke, bringen Teams der Sucht- und Drogenkoordination Wien das Substitutionsmittel direkt nachhause. Suchtkranke sind aufgrund eines geschwächten Immunsystems zudem besonders gefährdet, an Covid-19 zu erkranken.

Hohe Drogenkriminalität

Die Drogenkriminalität ist indes weiter angestiegen - allerdings schon vor der Corona-Krise. Das Bundeskriminalamt veröffentlichte diese Woche die Zahlen für 2019, wonach im Vergleich zum Jahr davor die Zahl der Anzeigen nach dem Suchtmittelgesetz 2019 um 5,6 Prozent gewachsen ist. Das sei ein Höchststand, hieß es. Dem Suchtmittelbericht zufolge ist der Zuwachs von 41.044 Anzeigen (2018) auf 43.329 nicht nur auf Schwerpunktaktionen, sondern auch auf vermehrte Internet-Bestellungen und somit Aufgriffe von Suchtmittel-Postsendungen zurückzuführen.

2019 stellte die Polizei rund 95 Kilogramm Heroin, 87 Kilogramm Kokain, 1368 Kilogramm Cannabisprodukte, 78.000 Stück Ecstasy, 122 Kilogramm Amphetamin, 30 Kilogramm Metamphetamin und 272 Kilogramm Khat sicher. Cannabis behält damit seine dominante Rolle. An zweiter Stelle stehen mit mehr als 150 Kilogramm synthetische Rauschmittel. Mit 13.136 Anzeigen nach dem Suchtmittelgesetz gab es die meisten in Wien.

Von Jänner 2016 bis Ende 2019 stellten Polizei und Zollverwaltung rund 9100 Sendungen mit Drogen sicher. Diese enthielten 232 Kilogramm sowie 67.300 Stück Suchtmittel. Die Folgeermittlungen haben laut Bericht ergeben, dass diese ausschließlich über Darknet-Marktplätze bezogen worden waren. Etwa 75 Prozent dieser in Österreich sichergestellten Briefe und Pakete kamen aus den Niederlanden.