Erst liefert das Hilfswerk konkrete Fördermaßnahmen und den Nutzen von mehr frühkindlichem Spracherwerb. Dann gibt es Lob für das Geplante im türkis-grünen Regierungsprogramm zum Thema, um schließlich doch mehr Geld für Kindergärten zu fordern.

Doch zurück zum Beginn: Martina Genser-Medlitsch, pädagogische Expertin im Hilfswerk Österreich, die unter anderem den Bereich Kinder leitet, zeigt anhand der mittlerweile 25 Jahre alten US-amerikanischen Studie von Betty Hart auf, dass es einen Unterschied von 32 Millionen Wörtern schon bei Vierjährigen gibt: Je nachdem, ob sie in einer Durchschnittsfamilie wöchentlich in Summe 62.000 Wörter zu hören bekommen oder in einer, wo mit 215.000 Wörtern pro Woche weit mehr geredet wird.

"Durch das Sprechen wird die Vorstellungskraft gestärkt, auch das Zuhören und Verstehen", sagt Genser-Medlitsch. Auch das kognitive Bewusstsein des Kindes entwickle sich, die Auseinandersetzung mit der Umwelt sei aktiver. Sprache habe auch soziale Auswirkungen: "Sich selbst mitteilen zu können, stärkt auch das Einfühlungsvermögen in andere."

"Kinder mit hoher Sprachkompetenz werden in Gruppen besser wahrgenommen und bekommen mehr Aufmerksamkeit." Der frühkindliche Spracherwerb bringe Kindern Vorteile noch bis zur vierten Klasse Volksschule. Weil Kinder mit guter Alltagssprache auch die Bildungssprache besser erlernen, beeinflusse das laut Genser-Medlitsch auch den späteren beruflichen Erfolg.

Für Eltern hat das Hilfswerk einen Ratgeber mit dem Titel "Sprechen macht schlauer!" entwickelt. "Intuitiv können wir das alles, wir sprechen mit Babys zum Beispiel langsamer, melodischer, betonter", sagt sie. Eltern könnten darüber hinaus darauf achten, grammatikalisch korrekt zu sprechen, den Kindern bewusst Zeit zum Antworten lassen oder über Bestätigungen korrigieren. Sagt das Kind etwa: "Wir haben Blumengießen getan", lautet die Korrektur: "Genau, wir haben die Blumen gegossen."

Institutionelle Förderung

Als Anbieter von Kinderbetreuungseinrichtungen für rund 20.000 Kinder betont Roland Wallner, Stellvertreter der Hilfswerk-Geschäftsführung auch den institutionellen Part beim Spracherwerb, "dafür braucht es Zeit, mehr Personal. Wenn der Betreuungsschlüssel nicht ideal ist, weil die Pädagogin ab 10 auch mit dem Kochen des Mittagessens beschäftigt ist, wirkt sich das auch auf den Spracherwerb aus."

Wallner spendet den Regierungsplänen von einem Beirat für Elementarpädagogik, über einen einheitlichen Bildungs- und Betreuungsrahmen bis hin zur Qualitätssicherung viel Lob.

Das Verhältnis Personal zu Kindern liege im Moment in manchen Bundesländern bei 1:3 in anderen bei 1:15. Höchstens 1:8 ist für das Hilfswerk sinnvoll, wofür es 4000 bis 6000 zusätzliche Pädagoginnen und Pädagogen braucht. Dazu eine einheitliche Ausbildung für das Assistenzpersonal, auch die ist im Moment zersplittert. "Das ist ein kleiner Skandal, neun Bundesländer kochen in der Elementarpädagogik bekanntlich jeweils ihren eigenen Brei." Für all das fordert das Hilfswerk künftig statt 0,6 Prozent des BIP künftig ein Prozent an Investitionen jährlich, das sind 1,5 Milliarden Euro mehr als im Moment. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 0,8 Prozent.