Seit mehr als einer Woche erlebt Österreich einen Anstieg der Neuinfektionen. Es gibt zwar tägliche Schwankungen, doch die lassen sich durch einen Vier-Tages-Durchschnitt glätten. Und dieser Wert spricht eine eindeutige Sprache. Es geht hinauf und dies nachhaltig. Maßgeblicher Treiber dieser Entwicklung ist nach wie vor der Cluster in Linz rund um eine oder gar mehrere Freikirchen. Es ist von allen bisher aufgetretenen der bedrohlichste. Die Entwicklung in allen übrigen Bundesländern ist stabil. 

22 von 49 positive Fällen, die Oberösterreich in den vergangenen 24 Stunden verzeichnet hat, waren laut der Sanitätsdirektion dem religiösen Cluster zuzuordnen. Das heißt aber auch: 27 sind es nicht, oder zumindest nicht direkt und offensichtlich. Das könnte darauf hindeuten, dass es zu einem Eintrag in die breite Bevölkerung aus diesem Cluster gekommen ist. Doch das wird erst die weitere Entwicklung zeigen. Die Behörden haben 1400 Personen abgesondert, sie müssen zwei Wochen in Quarantäne sein. Getestet werden sie, wenn sie symptomatisch werden. Das kann einige Tage dauern oder gar nicht passieren. Es gibt bekanntlich asymptomatische Verläufe einer Infektion.

Das ist auch eines der Probleme der Containment-Strategie, bei der es darum geht, möglichst alle positiven Fälle zu entdecken, um das Umfeld schnell isolieren zu können. Damit soll verhindert werden, dass sich das Virus weiterverbreiten kann. Wie im März offenkundig wurde, ist der Sars-CoV-2-Erreger derart beschaffen, dass es zu exponentiellen Entwicklungen der Fallzahlen kommen kann. Das ist derzeit nicht der Fall. Die Wachstumsrate, also der tägliche Anstieg von Infektionen, ist relativ stabil, jedoch marginal steigend. Wobei auch das auf Oberösterreich zurückzuführen ist. Fünf aktuelle Ansteckungen in Tirol im Bezirk Landeck gehen auf zwei deutsche Wanderinnen zurück, die in einer Privatunterkunft die Beherbergungsfamilie angesteckt haben.

In Wien pendelt das Infektionsgeschehen pro Tag zwischen einem und drei Dutzend Fällen. Ein nachhaltiger Trend zu einer Verschlechterung  der Situation ist vorerst nicht auszumachen, die Lage bleibt aber angespannt und heikel. So war es vor Wochen zu einer Einschleppung in einem Pflegeheim in Wien-Liesing gekommen, 16 Bewohnerinnen und Bewohner sind gestorben. Seit zwei Wochen ist es aber zu keinen weiteren Fällen in dem Heim gekommen.

Regierung will über den Sommer Krisengesetz erarbeiten

Die Regierungsspitze zeigte sich am Freitag auch zuversichtlich, dass es gelingen wird, diesen doch größeren Cluster mit 121 direkt zuordenbaren Fällen eingrenzen zu können. "So wie es jetzt ausschaut, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir das regional einfangen können", sagte Vizekanzler Werner Kogler (Grüne). Bundeskanzler Sebastian Kurz reagierte ähnlich, er "hoffe", dass es gelingen wird, den Cluster unter Kontrolle zu bringen. Kurz mahnte aber auch mehr Tempo bei den Testungen ein. "Es zählt jede Stunde, es ärgert mich, wenn die Testung 48 Stunden dauert."

Kurz und Kogler kündigten am Freitag die Erarbeitung eines Krisen- und Katastrophenschutzgesetzes an. Es geht um ein "Lernen aus der Krise". Das meiste habe gut funktioniert, aber nicht alles, hieß es sinngemäß. Als Beispiele für das Gesetz nannte Kurz das Thema Beschaffung, diese muss in Krisenzeiten "anders funktionieren". Auch das Zusammenspiel von Bund, Ländern und Gemeinden sowie Funktionstüchtigkeit der Verwaltung müsse man sich ansehen. (sir)