Wochenlang hat die Statistik Austria die Todesursachen aller gestorbenen Personen im März und April ausgewertet. Das ist insofern eine mühsame Tätigkeit, da die Totenscheine in Österreich nach wie vor händisch ausgefüllt werden. Und zwar von Ärzten, die kalligrafisch als berüchtigt gelten. Die einzige Auffälligkeit ist: Covid. 588 von insgesamt 15.107 Sterbefällen in diesen zwei Monaten gehen auf das Coronavirus zurück, also rund 4 Prozent.

Insgesamt verzeichnete die Datenbehörde im März und April keine statistisch signifikante Übersterblichkeit. Die Zahl der gestorbenen Personen lag um 1 Prozent über jener der Vorjahre. Die Analyse liefert aber auch darüber hinaus erste Antworten auf einige der vielen Fragen, die der Lockdown und mögliche Nebenwirkungen aufwarf.

Da sich die Zahlen nur auf zwei Monate beziehen, ergeben sich für die einzelnen Todesursachen bisweilen sehr niedrige Werte und umso größere Schwankungsbreiten. Demnach lag keine einzige der genannten Todesursachen im März und April außerhalb des Normalbereichs. Also gar keine Auffälligkeiten trotz der Einzigartigkeit dieser Situation eines Lockdowns?

Die Daten der Statistik Austria zeigen, dass Schlaganfälle und Herzinfarkte, die auch in den vergangenen Monaten für die meisten Sterbefälle verantwortlich waren, am unteren Rand lagen. Einen dramatischen Rückgang gab es demnach nicht. Genau das registrierten allerdings die 17 Herzkatheter-Zentren in Österreich Anfang April.Damals gab es 40 Prozent weniger diagnostizierte Herzinfarkte, Neurologen berichteten Ähnliches über Schlaganfälle. 
Doch warum? Gab es tatsächlich weniger Infarkte, weil es weniger Stress, Alkohol und sportliche Überanstrengung gab? Oder blieben die Menschen mit Herzinfarkten einfach vermehrt daheim aus Angst vor einer Ansteckung im Spital? Genau das vermuteten die Ärzte damals, und die Zahlen der Datenbehörde stützen nun diese These. Allerdings warnten die Kardiologen damals auch, dass es zu einem Mehr an tödlichen Infarkten dadurch kommen würde, wenn diese unbehandelt blieben. Das gibt die Analyse der Todesursachen nicht her.

Auch andere Grunderkrankungen als angegebene Todesursache blieben eher im unteren Bereich der langjährigen Schwankungsbreite, darunter auch Diabetes. Das ist insofern relevant, da die Behandlung von chronisch Kranken durch die Covid-Krise stark beeinträchtigt war. Eine negative Auffälligkeit bei den Sterbefällen zeigt sich für März und April nicht. Das bedeutet aber nicht, dass gar kein Schaden entstanden ist durch eine mutmaßlich eingeschränkte Behandlung.

Auf der anderen Seite ist Demenz als Todesursache am oberen Ende der Schwankungsbreite angesiedelt. Dies betrifft vor allem hochbetagte Personen. Und es könnte eine Antwort sein, warum in den ersten Wochen des Lockdowns die Sterbezahlen doch überdurchschnittlich waren, obwohl der Höhepunkt der Covid-Todesfälle erst in der 15. Kalenderwoche (mit 141) erreicht wurde. Der statistische Ausschlag beginnt mit dem Lockdown und hält etwa drei bis vier Wochen an.

Eine mögliche Erklärung dafür wäre die Influenza, die zumindest Mitte März noch sehr aktiv war. Eine andere Erklärung bezieht aber die kleine Auffälligkeit der Demenz ein, die eben am oberen Rand des Normbereichs lag. Die Isolation durch Besuchsverbot in Altenheimen, eventuell aber auch eine durch den Lockdown hervorgerufene verschlechterte Betreuungssituation könnte für die meist sehr betagten Demenzpatienten tödlich gewesen sein, zumindest etwas mehr als sonst. Im Totenschein ist dann als Grunderkrankung "Demenz" vermerkt.

Sterberisiko für Covid steigt mit Alter exponentiell

Barbara Leitner von der Statistik Austria ist aber skeptisch, sie warnt vor einer Überinterpretation der Daten und hält statistische Schwankungen für wahrscheinlicher. "Interessant war, dass deutlich mehr Männer verstorben sind." Bezogen auf die Wohnbevölkerung zeigte sich, dass Männer bei Covid sogar eine doppelt so hohe Sterblichkeit aufwiesen wie Frauen, nämlich 9,1 Sterbefälle pro 100.000 Einwohner gegenüber 4,7 bei Frauen.

Die Statistik Austria sah sich auch die Begleiterkrankungen an, die standardisiert auf dem Totenschein angegeben werden. Verglichen wurden dabei Todesfälle mit und ohne Covid. Auffallend war hier nur Diabetes. Es wird zwar nicht unterschieden zwischen den Diabetes-Typen, doch es ist anzunehmen, dass es sich vor allem um Typ-2 (Altersdiabetes) handelt. Ohne Covid war bei 14,7 Prozent Diabetes als Begleiterkrankung eingetragen, mit Covid waren es 19,5 Prozent.

Auch eine Auswertung der Medizinstatistik der MedUni Wien zeigte, dass Männer bei Covid-Todesfällen überrepräsentiert sind. Eine weitere Erkenntnis der Studie: Das Risiko, an Covid zu sterben, steigt mit zunehmenden Alter exponentiell. Von den 588 an Covid im März und April gestorbenen Personen waren 364 Erkrankte 80 Jahre oder älter. Bei Frauen waren es 71 Prozent.