Die Volkshilfe Österreich führte im Juni eine Umfrage unter armutsbetroffenen Familien in ganz Österreich durch. "Wir wollten wissen, wie es armutsbetroffenen Familien und ihren Kindern gerade geht", erläutert Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe Österreich. Und stellt nun fest: "Wie schlecht sie ihre eigene Lebenssituation seit Corona einstufen, hat selbst uns erschüttert." 

50 Prozent der 100 telefonisch Befragten haben ihre aktuelle Lebensqualität während der Coronakrise mit den negativen Schulnote 4 und 5 beurteilt. Vor Corona verteilte keine dieser Familien für ihre Lebenssituation ein "Nicht Genügend" und sieben Prozent bewertete diese mit einem Vierer. Aufgrund der Sample-Größe kann die Umfrage nur bedingt als repräsentativ gelten. Sie bietet dennoch einen guten Indikator für die Problem- und Stimmungslage von armutsbetroffenen Familien in Österreich. "Eine enorm hohe Steigerung, die ein bezeichnender Gradmesser für den verstärkten Benachteiligungseffekt von armutsbetroffenen Kindern in der Krise ist", heißt es in der Aussendung der Volkshilfe.

Mehr Sorgen um die Zukunft

Mehr als Dreiviertel aller Befragten (79 Prozent) gab an, sich jetzt noch mehr Sorgen über die Zukunft zu machen. Über die Hälfte (55 Prozent) sorgen sich auch, dass ihre Kinder in der Schule nicht gut abschließen werden. Auf die Hälfte der befragten Familien (51 Prozent) hat sich die Corona-Krise finanziell negativ ausgewirkt. Ein recht hoher Prozentsatz, wenn man bedenkt, dass ihr Einkommensniveau schon vor Corona unter der Armutsgefährdungsschwelle lag.

Auf die Frage, ob und wie sich die Emotionalität ihrer Kinder in der Corona-Krise verändert hat, gaben jeweils mehr als die Hälfte der Eltern an, dass ihre Kinder trauriger (74 Prozent), einsamer (57 Prozent) oder aggressiver (53 Prozent) waren als zuvor.

Vielen fehlte Wissen zur Unterstützung beim Home-Schooling

Rund zwei Drittel aller Betroffenen, die befragt wurden, beschrieb die Situation, dass ihre Kinder während der Krise nicht mehr in die Schule beziehungsweise den Kindergarten gehen konnten, als sehr bis ziemlich belastend. Viele berichten von finanziellen Problemen, wegen der Mehrkosten durch das Home Schooling. Neben den bekannten Herausforderungen, wie fehlenden Laptops oder Internetzugang, sowie Mangels an Lernraum, nannten die Meisten (58 Prozent), dass ihnen das Wissen fehle, um ihren Kindern bei den Aufgaben helfen zu können. Auch der Mangel an Zeit, um den Kindern zu helfen wurde als häufiges Problem genannt (38 Prozent). Beides verweist auf den Zusammenhang zwischen Armut und Bildung, sowie die intergenerationale Weitergabe von Armut.

Volkshilfe fordert nachhaltige Unterstützung für armutsbetroffene Familien

Der beschlossene Bonus von 360 Euro für jedes Kind, ist als Einmalzahlung für armutsgefährdete Familien ist laut Fenninger vollkommen unzureichend. Die weiteren 30 Millionen Euro aus dem Familienkrisenfonds, seien zwar eine wichtige akute Hilfe für Familien in Not, ließen aber ebenso eine regelmäßige, nachhaltige Unterstützung für armutsbetroffene Familien vermissen. "Kurzarbeit, Rekordarbeitslosigkeit und neue Sozialhilfe stellen einen gefährlichen Brandbeschleuniger für die Ausbreitung von Kinderarmut in Österreich dar. Einmalzahlungen können diesen Brand nicht stoppen. Dazu braucht es nachhaltige Unterstützung. Oder wir zementieren den prekären Status von über 300.000 Kindern auch für die kommenden Jahre weiter ein", so Fenninger.

Im Forderungskatalog der Volkshilfe ist von einer staatlichen Kindergrundsicherung, der Erhöhung des Arbeitslosengeldes 75 Prozent und gezielter finanzieller Förderung statt einem Gießkannenprinzip die Rede. Außerdem setzt man bei Bildung an, fordert unter anderem eine Garantie des mittleren Bildungsabschlusses für alle Kinder, einen bundesweiten Ausbau von Schulsozialarbeit, und inklusive Angebote im Herbst, um die Zementierung der Bildungsungleichheit zu verhindern. 

Corona-Krise zeigt Schwächen neuer Sozialhilfe

Das Armutsnetzwerk Oberösterreich macht darüber hinaus darauf aufmerksam, dass das in Ober- und Niederösterreich bereits umgesetzte neue Sozialhilfe-Gesetz die Situation der von Armut betroffenen Menschen zusätzlich verschlechtert. "Geringere Richtsätze für Erwachsene und Kinder, Anrechnung der Wohnbeihilfe, eine uneinheitliche Vollzugspraxis der Bezirksverwaltungsbehörden bei der Berechnung des Wohnaufwandes von Haushaltsgemeinschaften führen dazu, dass Haushalte mit Sozialhilfe teilweise um mehrere hundert Euro monatlich weniger haben im Vergleich zur bedarfsorientierten Mindestsicherung", heißt es in der Aussendung. 

"Diese Verschlechterungen erzeugen massiven Druck für Betroffene. Eine starke Mindestsicherung wäre ein solider Schutz gegen Armut, eine wichtige Investition in soziale Gerechtigkeit, Zukunftsperspektiven und Demokratie, mindestens so wichtig wie der 5G-Ausbau und gerade in der derzeitigen COVID-19-Krise elementar", meint Josef Pürmayr, vom Armutsnetzwerk. (red)