Zwei Regierungsmitglieder, eine Aussage: "Kein Grund für Alarmismus." Sowohl Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) als auch Tourismusministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) waren am Freitag um Beruhigung bemüht, wobei sich Anschober auf den generellen Trend bezog und Köstinger auf die neuen positiven Corona-Fälle in zwei Tourismusbetrieben am Wolfgangsee. Allerdings, beruhigend sind die aktuellen Entwicklungen auch nicht gerade. Samstagmittag wurden 29 Fälle in St. Wolfgang gezählt.

Dabei ist es weniger die Zahl der Neuinfektionen, die Anfang Juli einen Sprung nach oben tat. Weder diese Zahl noch das tägliche Wachstum galoppieren davon. Das ist die gute Nachricht. Es ist auch keine wirkliche Neuigkeit, dass es in dieser Phase der Epidemie immer wieder Clusterbildungen gibt - so wie am Freitag bei zwei Häufungen von Infektionen in Tourismusbetrieben in St. Wolfgang. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich die Mitarbeiter aus verschiedenen Hotels beim gemeinsamen Fortgehen in zwei Bars angesteckt haben. Insgesamt sollen nun mehr als 500 Personen aus dem erweiterten Umfeld der Infizierten getestet werden.

Das etwas Beunruhigende sind drei kleine Beobachtungen, eine virologische und zwei epidemiologische. Die MedUni Wien registriert seit einigen Wochen einen starken Anstieg von Rhinoviren. Das allein wäre kein Problem, denn diese Viren lösen in der Regel Schnupfen aus und sind maximal unangenehm. Es ist aber ebenfalls eine Tröpfcheninfektion. "Das bedeutet, dass diese Übertragungswege offen sind", sagt die Institutsleiterin Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl.

Rhinoviren funktionieren schon anders, sie sind auch ansteckender als das neue Coronavirus, daher ist der starke Anstieg nicht so direkt auf Sars-CoV-2 anwendbar, also tatsächlich kein Grund für Alarmismus. Aber eben auch nicht für Beruhigung. Die Virologie der MedUni hat nämlich auch eine zweite Beobachtung gemacht. Sie überwacht das virologische Geschehen in Österreich durch sogenannte Sentinelpraxen. Das sind Ordinationen in ganz Österreich, die bei Patienten mit offensichtlichen Infekten Proben nehmen und an die MedUni zur Analyse schicken. So kann man jedes Jahr auch ermessen, wann die Grippesaison beginnt und wann sie endet.

Sentinelpraxen schlugen
erstmals wieder an

Diese Proben werden seit dem Frühjahr nicht nur auf gängige Viren, sondern auch auf Sars-CoV-2 getestet. Und bis etwa Mitte April wurde das Coronavirus auch vereinzelt gefunden, danach nicht mehr. Bis zur Vorwoche. Da kam eine Probe nach Wien ins Labor, die sich positiv auf Corona herausstellte. Nur ein einziger Fall, bei dem aber der Patient selbst keinen Corona-Verdacht hatte. Diese Woche waren es dann schon drei.

Es ist gut möglich, dass es sich dabei um einen Zufall handelt und in den kommenden Wochen gar keine Fälle mehr aus den Sentinelpraxen auftauchen. Und Grund für Alarmismus sind drei Fälle eben wirklich nicht. Doch auch hier gilt: Es ist auch kein Grund für Beruhigung.

Die Gesundheitsagentur Ages, die seit Wochen die Daten der Länder aufarbeitet und Cluster-Analysen erstellt, hat bisher9297 Fälle von insgesamt 20.133 zu Clustern zuordnen können. Das heißt, bei etwa der Hälfte der Fälle eruieren können, von wo und wem das Virus stammt. Diese 9297 Infizierten (seit Februar) verteilen sich auf 1000 Cluster.

Der Haushalt als primärer
Ort der Ansteckung

Zu Beginn der Epidemie in Österreich war ein Großteil reiseassoziiert. Das ist logisch, da das Virus bekanntlich aus Wuhan stammt und in heimischen Skigebieten wütete. Ebenso logisch ist, dass es danach, beim Lockdown, nur mehr lokale Fälle gab. Die Grenzen waren zu. Seit Mitte Juli sind wieder verstärkt reiseassoziierte Cluster aufgetreten, wie Daniela Schmid, Epidemiologin bei der Ages, am Freitag erklärte.

Die gute Nachricht ist, dass es seit Mitte April in Pflege- und Seniorenheimen, wo besonders vulnerable Gruppen wohnen, relativ wenige Fälle gab. Der Anteil an allen rund 3000 Infizierten seit Mitte April beträgt nur 4,2 Prozent. Das war davor anders. Fast die Hälfte aller Infektionsfälle entfallen derzeit auf den Haushalt, bei den Clustern, also den Infektionshäufungen, sind es sogar mehr als 70 Prozent.

Auch das ist keine schlechte Nachricht, weil es auf ein funktionierendes Containment deutet. Gelingt es, Infizierte schnell zu entdecken und zu isolieren, können diese nur mehr den eigenen Haushalt anstecken. Daher ist ein hoher Anteil von Haushalts-Ansteckungen epidemiologisch wünschenswert, zumal sich solche Cluster auch viel leichter aushungern lassen.

Allerdings lassen sich nicht immer die Fälle tatsächlich zuordnen. Bei etwa der Hälfte aller Infektionen war dies der Fall. Und dieser Anteil ist zuletzt etwas größer geworden, wie Schmid bestätigt. Das ist die schlechte Nachricht, da es auf ein Infektionsgeschehen hinweist, das unter der Wahrnehmungsschwelle liegt. Dass nicht alle Infektionen zugeordnet werden können, ist aber normal. Das ist immer so. Es ist nur die Tendenz, die etwas leicht Beunruhigendes hat. Auch hier gilt: Kein Grund für Alarmismus.

Dass aber die schönen Wochen vorbei sind, in denen die Inzidenz so niedrig war, dass man beinahe wirklich sorglos sein konnte (und etliche auch waren), ist nicht erst seit Freitag klar. Jetzt gehe es darum, die Lage bis Herbst zu stabilisieren, sagt Anschober. Deshalb auch die jüngsten Verschärfungen bei der Maskenpflicht. Der größere Hebel für die Epidemiekontrolle ist derzeit wohl das individuelle Verhalten. "Wir müssen uns wieder stärker auf die Abwehr der Pandemie konzentrieren."