Im März musste alles unter ziemlichem Zeitdruck geschehen. Inzwischen ist der erste Höhepunkt der Corona-Krise überstanden, und es gibt auch mehr Wissen über das Virus. Um vorbereitet in den Herbst und in eine mögliche zweite Wellen zu gehen, stellten der Präsident der Caritas Österreich, Michael Landau, Ex-Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat (ÖVP) und Patientenanwalt Gerald Bachinger am Mittwoch bei einer Pressekonferenz ihr Fünf-Punkte-Programm für einen gestärkten Pflegebereich vor. "Wir sollen und müssen das Zeitfenster jetzt nutzen", betonte Landau.

"Aus unserer Sicht wird eine Ampel nicht genügen: Wir brauchen Schnellstraßen, wenn es um Testungen und Schutzausrüstung geht. Wir benötigen Rettungsgassen, wenn wir von medizinischer Grundversorgung abseits der Spitäler sprechen. Leitplanken, um mit der notwendigen Rechtssicherheit durch die Krise zu manövrieren. Und wir brauchen klare Regeln, wenn es um die Frage geht, wie die Kosten dieser Gesundheitskrise geschultert werden können", sagte Landau als Einführung in das Fünf-Punkte-Programm.

Als erster Punkt wird eine bundesweite Corona-Pflege-Taskforce gefordert, die mit verbindlichen Richtlinien und klaren Vorgaben für ein schnelles Handeln und Rechtssicherheit sorgt. "Wir brauchen eine Strategie im Kampf gegen das Virus und nicht neun verschiedene pro Bundesland", so der Caritas-Präsident.

Zentrale Beschaffung von Schutzausrüstung

Weiteres wird die zentrale Beschaffung von Schutzausrüstung verlangt. Engpässe am Weltmarkt seien bereits spürbar. Deshalb soll auch für den Notfall Vorsorge getroffen werden. Es sei das größere Risiko, keine Schutzmaßnahmen lagernd zu haben, als zu viele zu haben, sagte Rauch-Kallat. Auch müsse es regional Kapazitäten geben, um Schutzausrüstung schnell zu produzieren. "Wir dürfen uns nicht von anderen Kontinenten abhängig machen", betont die Ex-Ministerin.

Als dritter Punkt wird eine bundesweite Teststrategie gefordert. Es brauche eine schnelle Verfügbarkeit und schnelle Ergebnisse. "Je schneller wir testen, desto weniger Zeit geben wir dem Virus", so Rauch-Kallat. Auch sollen Hochrisikogruppen und Schlüsselarbeitskräfte vorrangig getestet werden.

Außerdem müsse die medizinische Grundversorgung sichergestellt werden. Dazu benötigt man einen überregionalen und verbindlichen Versorgungsplan, sagte Bachinger. "Die Bevölkerung muss wissen: Wer macht wie, was, wo?" Eine Grundversorgung in der Pflege sei ebenfalls nötig. "Wenn alte und pflegebedürftige Menschen angehalten sind, Spitäler nach Möglichkeit zu meiden, dann müssten Spitäler und Ärzte eben in die Pflegewohnhäuser kommen", fordert der Patientenanwalt. Dass die telefonische Krankschreibung wieder abgeschafft, wird kritisiert er. Er will nicht nur einen Beibehalt, sondern fordert auch einen Ausbau durch Onlineordinationen, wo Patienten per Video in Kontakt mit einem Arzt treten können.

Letzter Punkt ist die finanzielle Sicherstellung. Landau begrüßt zwar die Einrichtung von Hilfsfonds und Unterstützungszusagen, jedoch sei noch nicht klar, wie Pflegeeinrichtungen zusätzlich angefallene Personalkosten stemmen sollen. "Auch die Zahlung einer Corona-Prämie für systemrelevante Berufe ist noch nicht in allen Bundesländern gesichert", so Landau.

"Was wollen Heimbewohner?"

Was die Freiheitsrechte der Bewohner von Pflegewohnhäusern angeht, sieht Landau ebenfalls den Bund gefordert. "Was nicht funktionieren kann, ist die Leiterinnen und Leiter der Häuser in dieser Situation im Stich zu lassen." Es brauche "hier keinen Fleckerlteppich, sondern einheitliche, klare, verbindliche Regelungen". Patientenanwalt Bachinger will mehr auf Autonomie und Eigenverantwortung setzen. Man müsse auch fragen: "Was wollen die Heimbewohner?"

Österreich sei im internationalen Vergleich bis jetzt ziemlich gut durch die Krise gekommen. "Es gibt in Österreich einen gewissen Grundwasserspiegel der Solidarität", so Landau. Achtsamkeit und die Vorbereitung auf eine mögliche zweite Welle würden jedoch weiter gelten. Laut einer Studie der Österreichischen Agentur für Ernährungssicherheit ist ein Drittel alles Corona bedingten Sterbefälle in Österreich auf Pflegewohnhäuser zurückzuführen. "In anderen Ländern mag die Quote deutlich höher sein, doch diese Zahl macht deutlich: Wir müssen Lehren aus den vergangenen Monaten ziehen und die Abwehrkräfte der Pflege noch weiter stärken", so Rauch-Kallat.