Soros muss weg, Rothschild muss weg, Rockefeller muss weg", schreit die junge Frau im Video aus voller Kehle und klatscht dabei in die Hände. "Illuminati müssen weg, Freimaurer müssen weg." Hinter ihr ein ganzer Tross an Demo-Teilnehmern, die zwischen den Geschäften der Kärntner Straße gegen die Corona-Maßnahmen und die Bundesregierung demonstrieren.

Der Name der jungen Frau ist Christina Kohl. Sie ist 24 Jahre alt, war Flugbegleiterin - ihr bisheriger Arbeitgeber, die AUA, kündigte sie nach Auftauchen des Videos. Und sie wird bei der Wien-Wahl im Oktober auf Listenplatz 17 des "Team HC Strache" von Ex-FPÖ Chef Heinz-Christian Strache antreten. Team-HC-Strache-Generalsekretär Christian Höbart sah im Video keinen Grund für Konsequenzen und bezeichnete Kohl als "lupenreine Demokratin".

Eine Frau, die in einem einzigen skandierten Satz sämtliche Zielobjekte der gängigsten antisemitischen Verschwörungsmythen nennt, als Kandidatin bei der Wien-Wahl? Auf der Liste eines Mannes, der vor kurzem noch Vizekanzler war? Neben den Eigenheiten der Kandidatenliste des "Teams HC" zeigen die Ideen der Landtagskandidatin nicht zuletzt eines: wie präsent Verschwörungsmythen - gerade rund um den Corona-Lockdown - in Teilen der Gesellschaft geworden sind.

Kürzlich veröffentlichte der "Spiegel" ein Video, in dem der Teilnehmer einer sogenannten "Hygienedemo" in Deutschland einem Reporter erklärt, die Unicef fungiere als "Transporteur", um "den Eliten" Kinder zuzuführen. Was die dann mit den Kindern machten, fragt der Reporter. "Essen", sagt der Mann. Außerdem: Quälen. Deren Blut trinken. Die Kinder kämpfen lassen. "Der Verlierer wird gefressen."

Voll von gängigen Antisemitismen

Der Mann im Video ist augenscheinlich Anhänger der "QAnon"-Bewegung, die regelmäßig krude Verschwörungsmythen aufbringt und über diverse Internetkanäle verbreitet. Die bekannteste Theorie: Die "Eliten" dieser Welt würden im großen Stil Kinder gefangen halten und töten. Das, um den Kindern einen Stoff namens Adrenochrom abzuzapfen, aus dem sich Politiker, Banker und Hollywoodstars einen "Verjüngungstrank" brauen würden. Wahlweise auch, um die Kinder für ihre pädophilen Neigungen zu missbrauchen, aus purer Lust an der Folter oder als Opfer satanistischer Kulte.

So skurril diese Verschwörungserzählungen für die meisten Menschen anmuten - zuletzt nahm der Einfluss der vor allem in den USA sehr präsenten QAnon-Mythen auch im deutschen Sprachraum zu. Als Verstärker fungierten Prominente wie Sänger Xavier Naidoo oder Koch Attila Hildmann, die die Verschwörungsideologien mittels ihrer hohen Reichweiten in sozialen Medien in breitere Gesellschaftsschichten transportierten.

Wer in den Kanal Naidoos im Messengerdienst Telegram abtaucht, dem offenbaren sich verschwörungsmythische Welten: Neben Nachrichten, wonach die erste Mondlandung eine Lüge gewesen sei und es "keinen Weltraum" gebe (Naidoo ist Anhänger der Idee, die Erde sei eine Scheibe), reihen sich wilde Vorwürfe gegen Politiker wie die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble oder Ex-US-Präsident Barack Obama. Dazu gesellen sich die für die Szene typischen Antisemitismen, allerlei Weltverschwörungsideen rund um Bilderberger, Illuminaten und Satanisten, wirre religiös verbrämte Aussagen - und die bekannten QAnon-Erzählungen inklusive Leugnung der Existenz des Coronavirus.

Aber wer oder was ist QAnon? Im Wesentlichen handelt es sich um ein Internetphänomen, das sich zunehmend auch in der analogen Welt manifestiert - etwa auf deutschen "Hygienedemos" gegen Corona-Maßnahmen und besonders intensiv bei Veranstaltungen von US-Präsident Donald Trump. Ihren Ursprung nahm die lose Bewegung im Oktober 2017 mit einem anonymen Posting im Diskussionsforum 4chan, das für die Verbreitung radikaler wie unbelegter Inhalte bekannt ist. Ein Nutzer, der sich selbst "Q clearance patriot" nannte, behauptete in einem wirren Text unter anderem, dass die einstige US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton bald verhaftet werden würde.

Trump als Erlöser vom satanistischen "tiefen Staat"

Im Kern von QAnon steht ein bizarrer Verschwörungsmythos, wonach Clinton, Obama und Bankier George Soros zum Zentrum eines Netzwerks gehörten, das die USA mittels Putsch in eine Diktatur verwandeln wolle. Gleichzeitig seien sie alle in einen Kinderhändlerring aus Pädophilen verstrickt. Auch die weiteren Verschwörungsideen von QAnon bauen großteils auf dem Leitmotiv auf, ein "tiefer Staat" aus mächtigen Eliten habe sich im Geheimen verbündet, um seinen triebhaften Machenschaften nachzugehen und das gemeine Fußvolk zu versklaven. Sei es mittels Gedankenkontrolle durch Chemtrails oder durch das Implantieren eines Chips im Zuge einer vorgeblichen Covid-19-Impfung.

Der amtierende US-Präsident Donald Trump ist in der QAnon-Erzählung dagegen der Held. Er stellt sich den dunklen Machenschaften der "internationalen Eliten" als Einziger mutig entgegen. Auch zahlreiche republikanische Politiker - und sogar Trump selbst - teilten folgerichtig Inhalte aus dem QAnon-Spektrum. Die Existenz des Coronavirus wird von den Verschwörungsgläubigen indessen bestritten. Man hat sich eine passendere Begründung für die Lockdowns zurechtgelegt: Sie würden in Wahrheit dazu genutzt, weltweit Kinder aus gigantischen unterirdischen Folterkellern zu befreien. Unter Federführung des amerikanischen Präsidenten, der dem grausamen Treiben bald vollständig das Handwerk legen werde.

Die weltanschauliche Verortung der QAnon-Szene ist nicht nur wegen der Heldenverehrung Trumps ziemlich deutlich erkennbar: Es ist ein Phänomen des rechten, mitunter rechtsextremen Spektrums. Feindbilder sind die demokratische Partei und ihre Vertreter, liberale "Globalisten" - und immer ganz zentral: die "internationale Bankenelite", ein altbekannter Code für Juden. Wie bei den meisten Verschwörungsideologien spielt auch bei QAnon Antisemitismus eine tragende Rolle.

Die US-Behörden stufen die QAnon-Bewegung bereits seit 2019 als Terrorismusgefahr ein. In den USA hatten sich zuvor die Täter mehrerer extremistischer und gewalttätiger Vorfälle auf QAnon berufen. Und in Österreich? QAnon sei dem Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) bekannt, heißt es aus dem Innenministerium gegenüber der "Wiener Zeitung". Ob und in welcher Form die Szene beobachtet und wie die Gruppe bewertet werde, könne man aus ermittlungstaktischen Gründen nicht mitteilen. QAnon ist zwar keine feste Organisation, sondern eine lose Bewegung. Von Überschneidungen zwischen QAnon-Gedankengut mit rechtsextremen Gruppen, die unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen, ist aufgrund der ideologischen Parallelen aber auszugehen.

"Während des Corona-Lockdowns sind die Anfragen zu QAnon bei uns in die Höhe geschossen", sagt Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen zur "Wiener Zeitung". Der Höhepunkt sei bereits in den ersten Wochen nach dem Lockdown eingetreten. Mittlerweile seien die Anfragen aber zurückgegangen. "Die Leute haben inzwischen vielleicht wieder weniger Zeit, sich stundenlang von YouTube-Video zu YouTube-Video zu klicken", vermutet Schiesser. Viel Zeit zu haben, stehe oft in Zusammenhang mit dem "Hineinkippen" in Verschwörungsmythen.

"Frustration über Komplexität der Welt"

Aber wie kann es sein, dass selbst Menschen, die zuvor keine Berührungspunkte mit Verschwörungstheorien hatten, innerhalb kürzester Zeit glauben, Hillary Clinton und Barack Obama würden dafür sorgen, dass Kinder massenhaft gefangen gehalten und gefoltert werden? Und bald darauf zweifeln, ob die Erde tatsächlich eine Kugel ist? "Es gibt eine Frustration über die Komplexität der Welt", sagt Schiesser. "Einfache Erzählungen, die plausibel klingen, werden da von vielen bevorzugt." Der Konsens, was gesichertes Wissen ist, sei zudem in einer bunten digitalen Medienwelt mit ihren zahllosen Kanälen brüchiger geworden.

Das Institut Market-Agent erhob in einer am Mittwoch veröffentlichten Studie die Standpunkte zu gängigen Verschwörungstheorien in Österreich. Drei von zehn Befragten waren der Ansicht, dass an Theorien mehr dran sein könnte, als offizielle Stellen zugeben würden. Dass etwa Bill Gates Menschen mittels Impfungen Mikrochips implantieren und sie so kontrollieren möchte, erscheint 62 Prozent als vollkommen absurd. Manch ältere populäre Verschwörungstheorie wurde für plausibler gehalten. Dass Politiker gar nicht selbst entscheiden, sondern Marionetten mächtiger Kräfte seien, hielt mit 24,8 Prozent fast ein Viertel der Befragten für denkbar. Dass Chemtrails existierten, die sich negativ auf die Menschen auswirkten, hielten 17,9 Prozent für plausibel. Dass der Einsturz des Word Trade Centers gar kein Terroranschlag war, sondern von der CIA ausgeführt wurde, immerhin noch 15,7 Prozent.