Die Journalistin und ehemalige Lehrerin Melisa Erkurt hat mit ihrem Buch "Generation Haram" einen Nerv getroffen. Als Kind selbst aus Bosnien nach Österreich gekommen, leiht sie darin den Verlierern des Bildungssystems ihre Stimme. Ein Gespräch über soziale Herkunft, Eltern, die nicht bei Hausaufgaben helfen können, und verstummende migrantische Stimmen.

Wiener Zeitung": In Ihrem Buch kommen Sie zum Befund, dass Kinder mit Migrationshintergrund vom heimischen Bildungssystem aussortiert werden. Auf welchen Wegen?

Melisa Erkurt: Kinder mit Migrationshintergrund haben einen Stempel. Erst recht, wenn sie auch aus einer Arbeiterfamilie stammen. Sie schaffen es selten an höhere Schulen, es gibt strukturelle Diskriminierung. Gewisse Schultypen sind nicht für Kinder mit Migrationshintergrund vorgesehen. Und Studien zeigen, dass ein Mehmed anders benotet wird als ein Max. Dabei wird gerne so getan, als sei das ein individuelles Problem. Es wird erwartet, dass die Mama zu Hause bei den Schulaufgaben hilft. Eltern mit Migrationshintergrund haben aber oft zu schlechte Deutsch-Kenntnisse dafür. Dazu kommt die individuelle Komponente, wenn etwa Lehrer und Mitschülerinnen Kinder aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder Hautfarbe anders behandeln.

Aspekte, die die Mehrheitsgesellschaft oft nicht sehen kann, weil sie sie nicht aus eigener Erfahrung kennt?

Von Menschen aus Arbeiterfamilien höre ich oft, sie hätten ja dasselbe strukturelle Problem. Sie können das tatsächlich am besten nachvollziehen, denn Bildung wird in Österreich vererbt. Aus Arbeiterkindern werden wieder Arbeiter. Wenn du aber schon aufgrund deiner Klassenzugehörigkeit diskriminiert wirst, stell dir vor, du hast auch noch Migrationshintergrund, vielleicht eine andere Religion und Hautfarbe. Da geht es um Mehrfachdiskriminierungen, mit denen ein siebenjähriges Volksschulkind von der ersten Woche an zu leben hat.

Welche Gegenmittel schlagen Sie vor?

Das Bildungssystem ist von autochthonen Akademikern gemacht. Wir sollten es von unten wie von oben völlig neu angehen. Von oben muss Bildungspolitik diverser werden. Da müssen Leute sitzen, die die Lebenswelten der Schülerinnen und Schüler verstehen. Auch von unten braucht es eine neue Struktur: ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr und eine sinnvolle Ganztagsschule mit attraktiven Angeboten.

Als zentrales Problem identifizieren Sie mangelnde Deutschkenntnisse vieler Kinder. Die türkis-blaue Bundesregierung beantwortete das mit Deutschförderklassen. Ein praktikabler Weg?

Auch in dieser Bundesregierung saßen nur Menschen mit Deutsch als Erstsprache. Ich bin in Bosnien geboren. Wie habe ich in Österreich Deutsch gelernt? Von anderen Kindern. Die "Deutsch für Ausländer"-Kurse, die ich damals in der Schule hatte, haben wenig gebracht. Aber natürlich muss die Regierung etwas tun. Das Thema auf sich selbst beruhen zu lassen, kann keine Lösung sein. Es wäre nur sinnvoll, auch Expertinnen und Experten heranzuziehen, die die Lebensrealität dieser Kinder verstehen. Wir sprechen ständig von der Gefahr der Parallelgesellschaften. Deutschförderklassen sind aber nichts anderes als ein Mikrokosmos der Parallelgesellschaften: Die Kinder kommen dort hinein und verlieren den Bezug zu ihrer eigentlichen Stammklasse.

Aber wie sollen die Deutschkenntnisse der Kinder dann verbessert werden?

Unsere Lehrer-Ausbildung ist nicht für mehrsprachige Kinder ausgerichtet. Sie funktioniert noch immer so, als würden Lehrer nur in Klassen kommen, in denen jeder perfekt Deutsch spricht und man gleich einmal Goethe liest. Die Ausbildung muss reformiert und an die Herausforderungen angepasst werden. Ich glaube aber auch, dass das Fach Deutsch alleine nicht mehr reicht. Ich bin für ein zusätzliches Fach wie Lesen und Literatur, in dem Lesekompetenzen noch auf einer zusätzlichen Ebene geübt werden.

Die wegen Corona geschlossenen Schulen werden den Deutsch- und Bildungs-Graben in nächster Zeit allerdings weiter vertiefen.

Das ist eine Katastrophe. Die soziale Schere geht damit weiter auf. Es ist gut, dass man da jetzt hinschaut. Nur: Wenn selbst eine Pandemie nicht zur Veränderung im Bildungswesen führt, was dann?

In Ihrem Buch beschreiben Sie eindringlich, wie Sie selbst sich noch bei Ihrer Diplomverleihung an der Uni Wien fremd fühlten, wie jemand, der nicht dazugehört. Woran liegt das?

Die soziale Herkunft verschwindet nicht, nur weil man auf den ersten Blick aufsteigt. Erst recht nicht, wenn man in einer Gesellschaft lebt, in der man sich ständig dafür schämen muss, so zu sein wie man ist. Vielen jungen Menschen sind aufgrund ihrer Herkunft Dinge nicht vertraut, die andere automatisch von zu Hause mitbekommen. Auf sie wird auf Unis nicht eingegangen.

Generation Haram von Melisa Erkurt, Paul Zsolnay Verlag 2020. 20,60 Euro.
Generation Haram von Melisa Erkurt, Paul Zsolnay Verlag 2020. 20,60 Euro.

Mit Büchern wie Ihrem oder rund um "Black Lives Matter" verschaffen sich gerade gesellschaftliche Gruppen Gehör, das sie früher in der Öffentlichkeit nicht hatten. Fühlen sich Teile der Mehrheitsgesellschaft davon bedroht?

Der deutsche Soziologe Aladin El-Mafaalani beschreibt das in seinem Buch "Das Integrationsparadox" sehr gut: Migrantinnen und Migranten wollen plötzlich auch ihren Platz am Tisch. Es reicht ihnen nicht mehr, Bauarbeiter und Putzkraft zu sein, sie wollen jetzt dasselbe erreichen wie die Autochthonen. Ich merke, dass die Mehrheitsgesellschaft ganz verwundert ist, wenn ich Teilhabe einfordere. Die häufigste Reaktion ist: Du sei in erster Linie einmal dankbar. Man weist uns nach wie vor einen Platz in der zweiten Reihe zu. Wir werden jetzt zwar ins Haubenrestaurant gelassen, aber bekommen den Platz beim WC.

Ein klassischer Verteilungskonflikt? Weil es neue Konkurrenz gibt, etwa um Jobs?

Ich sehe das Problem eher in mangelnder Gegenwartsbewältigung. Wir glauben in Österreich oft, dass nur "Scheiß Ausländer"-Rufe rassistisch sind. Aber es gibt heute weitverbreitete Formen der Diskriminierung, die die Mehrheitsgesellschaft nicht als solche sehen würde. Denn sie will ausschließlich selbst definieren, was Diskriminierung ist und was nicht.

Apropos: Dass ein Chips-Hersteller seine "Zigeunerräder" in "Zirkusräder" umbenennt, sorgte jüngst für Empörung. Die Kabarettistin Lisa Eckhart, der Antisemitismus und Rassismus vorgeworfen werden, beherrscht gefühlt seit Wochen die Feuilletons. Was macht diese identitätspolitischen Debatten so aufgeladen?

Seit Jahrzehnten jammern Migrantinnen und Migranten nicht über die Umstände in Österreich. Sie arbeiten unter prekären Bedingungen still und leise vor sich hin. Die Message, die etwa meinem Vater vermittelt wird, ist: Er soll glücklich sein, dass er hier leben kann, sich bloß nicht beschweren. Jetzt gibt es einzelne Migrantinnen, die sich öffentlich äußern, und etwa sagen: Was Lisa Eckhart macht, finde ich nicht in Ordnung. Die Reaktion der Mehrheitsgesellschaft ist: Ihr sagt uns sicher nicht, was man sagen darf und was nicht. Die Folge ist, dass die einzelnen migrantischen Stimmen, die sich trauten, etwas zu sagen, wieder verstummen. Sobald Migranten nur für eine Sekunde den Diskurs definieren, gibt man sofort den Deckel drauf. Das ist für mich die eigentliche Cancel Culture.

Eckhart argumentiert, sie wolle gezielt über alle Gesellschaftsgruppen Witze machen. Harald Schmidt sagte: "Jede Minderheit hat das Recht, verarscht zu werden." Als Vertreterin einer Minderheit: Fühlen Sie sich eher diskriminiert, wenn man sich über Sie lustig macht, oder wenn man das nicht tut?

Für mich gibt es eine einzige Regel: Nicht nach unten treten. Wenn man seinen Witz nur dadurch erlangen kann, hat man meiner Meinung nach den Beruf verfehlt. Ein Satz, wie der Harald Schmidts, kann nur von einem weißen Mann oder einer weißen Frau stammen. Ich verstehe, wenn sich Menschen freuen, weil sie das Gefühl haben: Endlich sagt’s mal einer. Ich finde aber, sie sollten auch versuchen, Minderheiten zu verstehen. Wenn Lisa Eckhart sich über Juden lustig macht, wirkt das auch in die Gesellschaft hinein: Schau, es ist wieder Zeit, man darf das wieder machen, sie macht es ja auch.

Was würden Sie sich also von der Mehrheitsbevölkerung wünschen?

Nicht gleich in diese Abwehrhaltung zu verfallen. Auf Kritik kann man auf zwei Arten reagieren: Seine eigene Position reflektieren, sich vielleicht auch in der Kritik wiederfinden. Oder mit einem: Nein, sicher nicht - ich meine es nicht böse, deshalb kann es nicht böse sein. Gut gemeint ist aber nicht immer gut. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis migrantische Menschen eine Stimme gefunden haben. Ich würde mir einfach wünschen, dass die Mehrheitsbevölkerung mehr zuhört.