Fast ein Monat nach ihrem Verschwinden ruft die damals 16-jährige Samra K. ihre Schwester aus der Türkei an. Es gehe ihr gut, teilt sie ihr mit. Danach wird es wieder still. Seit 10. April 2014 waren zwei Wiener Mädchen, Samra K. und ihre 15-jährige Freundin Sabina S., abgängig. Die beiden Teenager, Töchter bosnischer Kriegsflüchtlinge, hatten sich nach Syrien aufgemacht, um sich dem Kampf des Islamischen Staat (IS) anzuschließen. Durch die veröffentlichten Fahndungsfotos wurden sie zum Gesicht eines Phänomens jener Zeit, als sich in Europa, auch in Österreich, sehr junge, oft hier aufgewachsene Menschen der Terrormiliz anschlossen.

Heute, sechs Jahre danach, sind den Sicherheitsbehörden 331 "Foreign Terrorist Fighters" mit Österreich-Bezug bekannt. Es sind Menschen, die nach Syrien gereist sind oder reisen wollten, um für den Islamischen Staat zu kämpfen oder im ersehnten Kalifat zu leben. Gut ein Drittel dieser Gruppe hat die österreichische Staatsbürgerschaft. Von diesen 331 wurden laut Auskunft des Innenministeriums 62 Menschen daran gehindert, nach Syrien einzureisen. Von den 269 IS-Kämpfern in Syrien und im Irak seien rund 70 ums Leben gekommen, etwa 100 seien nach wie vor in der Region. Etwa 100 Personen seien mittlerweile wieder zurückgereist, von diesen sind derzeit 72 in Österreich aufhältig, hält das Innenministerium fest.

Romantische Verklärung

Der Terrorismusexperte Nicolas Stockhammer von der Universität Wien schätzt die Zahl der "Foreign Terrorist Fighters", denen die Einreise nach Syrien geglückt ist, etwas höher ein. "Mindestens 320" hätten es tatsächlich in die Region geschafft. Die dort Verbliebenen würden in Auffanglagern festgehalten werden. Islamismus wurde in der Frühphase des IS von vielen Jugendlichen romantisch verklärt. Die Radikalisierung fand dabei offline wie online statt, in einigen Moscheen, aber auch in Kinderzimmern via Internet. Über Freundeskreise verbreitete sich die Ideologie dann oft wie ein Lauffeuer.

Der IS wurde zu einer Art Jugendphänomen, Teenager in Wien teilten Fotos mit dem IS-Gruß, ein gen Himmel ausgestreckter Finger. Besonders häufig waren Menschen mit Migrationshintergrund anfällig, wie eben auch die beiden Mädchen Samra und Sabina. Aber auch bei autochthonen Österreichern fanden die Thesen des Islamischen Staats Anklang. Jugendzentren waren damals so etwas wie ein Seismograf dieser Entwicklung.

Rückkehrer werden beobachtet

Ilkim Erdost ist Geschäftsführerin vom Verein Wiener Jugendzentren. Sie sagt, dass der IS unter Jugendlichen kein Thema mehr ist. "Es gibt hier kein Gefahrenpotenzial mehr", sagt sie aufgrund ihrer Beobachtungen. "Es lässt sich nicht sagen, ob es wieder zu solchen Entwicklungen kommen könnte." Warum heute der Dschihadismus weniger populär sei, habe unterschiedliche Faktoren: "Die Lage im Nahen Osten ist heute nicht vom IS dominiert, zumindest spielt der IS nicht mehr die dieselbe geopolitische Rolle. Auch haben die Berichte aus den IS-Gebieten abschreckend gewirkt." Sollte es ein erneutes Aufflammen des islamistischen Enthusiasmus geben, würden dies die Sicherheitsbehörden nicht mehr unvorbereitet treffen, sagt Erdost.

Die zurückgekehrten Mitglieder der Terrormiliz werden auch genau beobachtet. Man wisse, wo die Rückkehrer sind, beobachte die Szene und die Personen, sagt ein Sprecher des Innenministeriums. Wo sich diese Personen aufhalten, wird aus polizeitaktischen Gründen nicht bekanntgegeben. Laut Stockhammer werden einige Personen eng und auch physisch bewacht, andere vor allem mit technischen Hilfsmitteln wie etwa einer Handyüberwachung.

Wie viele von den Rückkehrern verurteilt wurden, darüber gibt es keine offizielle Information. Das Justizministerium verweist auf 53 Inhaftierte, die nach einem Terrorparagrafen verurteilt wurden. Dazu kommen noch 17 Personen in Untersuchungshaft. Das umfasst aber nicht nur Dschihadisten, die tatsächlich in Syrien waren. Es gibt zumindest offiziell keine eigene Kategorie bei der Justiz für IS-Rückkehrer.

Insassen, die terroristische Straftaten begangen haben, werden nicht in speziell ausgerichteten Abteilungen untergebracht. Nur zu Beginn sind sie in Isolationshaft. Eine eigene Arbeitsgruppe evaluierte im April 2019 die "De-Radikalisierung im Strafvollzug" und kam zum Schluss, dass sich die normale Form der Unterbringung bewährt hat, und zwar, damit sich auch keine speziellen Gruppen bilden. Bei dieser Arbeitsgruppe waren auch Vertreter des Vereins Derad dabei, der in den Justizanstalten mit inhaftierten Radikalisierten arbeitet.

Wie De-Radikalisierung passiert

"Wir betreiben Extremismusprävention in allen Facetten", erzählt der Extremismus-Forscher Moussa Al-Hassan Diaw, Mitglied von Derad. "Neben Forschungsarbeit zum Thema politischer Radikalisierung, arbeiten wir in der Praxis. Unsere praktische Arbeit ist sehr umfassend. Von Schulungen von Justizpersonal bis hin zu Angeboten der Aus- und Weiterbildung im Bereich der Extremismusprävention sind wir sehr breit aufgestellt", sagt er.

Ein besonderes Augenmerk legt Derad auf die Distanzierungsarbeit und De-Radikalisierung mit Verurteilten aus staatsfeindlichen Verbindungen, wie Al-Hassan Diaw erklärt. In Gesprächen mit den Radikalisierten versuchen er und sein Team möglichst viel über die Biografien der Personen, ihre Motive und ihre weltanschaulichen Überzeugungen zu erfahren. Dann werden ideologische Widersprüche aufgezeigt. In einem Fall wurde etwa ein Radikalisierter mit Migrationshintergrund gefragt, ob er freiwillig in das Herkunftsland seiner Eltern zurückkehren möchte. Er würde ja die österreichische Werteordnung, insbesondere die Demokratie, ablehnen. Der Mann sagte aber, Österreich wäre ihm dann doch lieber- der Rechtssicherheit wegen.

In der De-Radikalisierungsarbeit mit den Inhaftierten gibt es zwar gewisse Muster, die Arbeit erfolgt jedoch sehr individuell. Gewisse Erfolge können sich in Wochen einstellen oder aber auch erst nach Jahren. Das zentrale Ziel der Politik ist jedenfalls, die islamistische Gefahr, die auch Österreich jahrelang sehr beschäftigt hat, so gut es geht zu reduzieren.

Verschwörungstheorien lösen Islamismus ab

Julia Ebner, Extremismus- und Terrorismusforscherin, erklärt, dass in Online-Foren für den Islamismus ein Abflauen bemerkbar sei. "In digitalen Räumen wird europaweit vielmehr über Verschwörungstheorien in Verbindung zum Coronavirus gesprochen. Islamisten oder selbst ernannte Missionare halten sich eher bedeckt", sagt sie. Diese seien mehr auf verschlüsselten Kommunikationskanälen unterwegs. "Sie rekrutieren und indoktrinieren aber weiter. Das Selbstbewusstsein, öffentlich aufzutreten, ist jedoch spürbar zurückgegangen", stellt sie fest.

Die Corona-Krise hat den Markt für einfache Antworten neu zusammengewürfelt. Rechtsextremismus und Verschwörungstheorien erleben neue Hochphasen, das einstige Jugendphänomen der IS-Sympathie ist - derzeit - nicht mehr aktuell.

Vor elf Monaten landete ein Flugzeug aus dem irakischen Erbil in Wien mit zwei kleinen Kindern an Bord. Die Mutter ist Sabina S., die beiden Buben sind in Obsorge der Großeltern. Von Sabina und ihrer Freundin Samra fehlt jede Spur. Sie sind vermutlich ums Leben gekommen. Das Außenministerium kann weder den Tod bestätigen noch einen Aufenthaltsort nennen.