Bildung und wirtschaftliche Zufriedenheit haben einen starken Einfluss auf Antisemitismus in der Gesellschaft. Das ist ein zentrales Ergebnis einer vom Institut für empirische Sozialforschung (IFES) durchgeführten Sekundäranalyse der Antisemitismus-Studie 2018 des Parlaments. Analysiert wurden außerdem verschiedene Dimensionen von Antisemitismus.

"Die Studie ermöglicht durch den Einsatz statistischer Methoden und Analysen erweiterte Blicke auf die Antisemitismus-Studie 2018 bezüglich der Einflussfaktoren auf Antisemitismus", teilte Projektleiterin Eva Zeglovits am Mittwoch mit. Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka unterstrich in einer gemeinsamen Aussendung die Notwendigkeit einer umfassenden Beforschung antisemitischer Stereotype. "Der fundierte Blick auf die Realität antisemitischer Stereotype ist unverzichtbar für deren wirkungsvolle Bekämpfung", sagte er.

Die vertiefende Studie zur Analyse antisemitischer Einstellungen macht den großen Einfluss von Bildung klar. Wer über höhere formale Bildungsabschlüsse verfügt, äußert sich in allen Dimensionen weniger antisemitisch als formal niedriger Gebildete. "Vor diesem Hintergrund ist im Kampf gegen Antisemitismus sowohl die Arbeit mit jungen Menschen zentral, als auch die Ansprache jener, die über niedrige Bildungsabschlüsse verfügen", sagte Sobotka und nannte Bildung ein "wesentliches Mittel im Kampf gegen Antisemitismus".

Junge Menschen nicht antisemitischer

Junge Menschen sind per se nicht antisemitischer eingestellt als ältere Personen, ergibt die Analyse. Dennoch sei es relevant, gerade bei jungen Menschen anzusetzen - vor allem in zwei Punkten. Denn junge Menschen, die mit ihrer wirtschaftlichen Situation und mit der Demokratie unzufrieden sind, sind ansprechbarer für Antisemitismus, heißt es in dem Bericht.

Unter arabisch- und türkischsprechenden Menschen liegt die Zustimmung zu antisemitischen Aussagen außerdem höher als in der Gesamtbevölkerung. Hier zeigt die Sekundäranalyse, dass die ökonomische Situation auf mehrere Dimensionen des Antisemitismus Einfluss hat. "Je zufriedener die Menschen mit der ökonomischen Situation ihres Haushalts sind, desto weniger antisemitisch denken sie", lautet der Befund.

Ein weiteres Ergebnis der Analyse ist, dass die klassischen Dimensionen von Antisemitismus - etwa religiöser, rassistischer oder israelbezogener Antisemitismus - in dieser Form in Österreichs Gesellschaft nicht mehr zu finden sind, erläuterte Zeglovits. Mittels einer Faktorenanalyse wurden für die Gesamtbevölkerung neue Dimensionen ermittelt.

Neue Studie für 2020 angekündigt

Angeführt wurden hier etwa der pseudorationale Antisemitismus, dessen Kern die angebliche jüdische Weltverschwörung bildet, und der affektive Antisemitismus, bei dem die Abneigung gegen Juden unverhohlen ohne scheinrationale Argumente zum Ausdruck gebracht wird. Die dritte Dimension drückt eine offene und unbefangene Haltung gegenüber Juden und Jüdinnen aus und wird im Bericht Non-Antisemitismus genannt.

Bei jungen Menschen entdeckte man im Vergleich zur Gesamtbevölkerung eine vierte wichtige Dimension, die No-History-Antisemitismus genannt wird. Sie drückt den Widerstand gegen eine Konfrontation mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen aus.

Das Parlament kündigte am Mittwoch bereits eine neue Antisemitismus-Studie für 2020 an. Der inhaltliche Fokus werde auf dem Einfluss sozialer Medien sowie fremdsprachiger Medien und auf der Affinität zu Verschwörungstheorien liegen, hieß es. Für Zeglovits sei es besonders spannend, wie sich die aktuelle Corona-Pandemie auf den Einfluss von Verschwörungstheorien auswirken könnte, sagte sie. (apa)