Die Ausgangslage ist klar: Der wachsende Ausländeranteil in Österreich stellt das heimische Bildungssystem vor Herausforderungen. Doch wie damit umgegangen werden soll, darüber klaffen die Ansichten auseinander. Das zeigte sich am Dienstag bei der Präsentation des Integrationsberichts 2020.

Mit 2.070.100 Personen hatte im Jahr 2019 knapp ein Viertel der österreichischen Bevölkerung (23,7 Prozent) einen Migrationshintergrund. Darunter fallen Personen, die nach Österreich zugewandert sind, und jene, die zugewanderte Eltern haben. Gegenüber dem Jahr 2010 ist das ein deutlicher Anstieg von 35,5 Prozent.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Beim Anteil ausländischer Staatsangehöriger liegt Österreich mit 16,7 Prozent im europäischen Spitzenfeld: Nur Luxemburg, Liechtenstein, die Schweiz, Zypern und Malta haben einen höheren Anteil. Die größte Gruppe sind Deutsche, es folgen Rumänen und Serben. Hohe Zuwächse gab es vor allem bei afghanischen und syrischen Staatsbürgern.

Die Zunahme wirkt sich auch im Bildungsbereich aus - der "Baustelle in der Integration", so Katharina Pabel, Vorsitzende des Integration-Expertenrates. In Wien hatte 2019 bereits mehr als jeder zweite Schüler eine nichtdeutsche Umgangssprache.

Bei Erreichung der Bildungsstandards haben Schüler mit Migrationshintergrund Probleme: In Deutsch erreichten 69 Prozent den Bildungsstandard nicht oder nur teilweise, in Mathematik waren es 65 Prozent. Bei Schülern ohne Migrationshintergrund scheiterten 39 Prozent in Deutsch und 36 in Mathematik.

Pabel bezeichnet das schlechte Abschneiden der Migranten als "besorgniserregend" und "alarmierend". Auch Integrationsministerin Susanne Raab (ÖVP) sieht Handlungsbedarf. Doch wie damit umgehen?

Forderung nach Ganztagsschule

Soziologe Kenan Güngör, Mitglied des Integration-Expertenrats, setzt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" auf die Ganztagsschule. "Wir haben ein Schulsystem, das sehr auf die Arbeit der Eltern angewiesen ist. Je mehr die Eltern ihre Kinder schulisch unterstützen, desto erfolgreicher sind die Kinder."

Dieses Bildungssystem produziere "soziale Ungleichheit", meint Güngör. "Die bildungsstarken Familien kommen durch. Die Kinder weniger bildungsaffiner Eltern, die auch kein Geld für Nachhilfe ausgeben können, sind von vorneherein strukturell benachteiligt", so Güngör.

Eine für alle verpflichtende Ganztagsschule würde dabei helfen, diese Ungleichheiten auszugleichen und gleiche Voraussetzungen für alle Kinder zu schaffen.

Die Ganztagsschule ist aber höchst umstritten. Kritiker bringen etwa vor, dass Kinder dadurch von ihren Familien entkoppelt werden. Auch Raab zeigt sich von der Ganztagsschule wenig begeistert: "Man kann nicht alles an die Schulen auslagern."

Die Integrationsministerin will hingegen verstärkt die Eltern selbst in die Pflicht nehmen und auf den heuer erstmals durchgeführten Sommerschulen für Kinder mit Deutschförderbedarf und Elternkursen aufbauen. In diesen Kursen sollen Eltern aufgeklärt werden, wie sie ihr Kind in der Schule unterstützen können. Ob es ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr geben wird, dazu hält sich Raab bedeckt.

Einen Fokus will Raab auch bei den Müttern setzen, da diese als Integrationsmotoren dienen würden. Vor allem am Arbeitsmarkt haben weibliche Migranten bisher das Nachsehen. Bei den 15- bis 64-jährigen Männern aus Afghanistan, Syrien und dem Irak lag die Erwerbsquote 2019 bei 56 Prozent. Bei Frauen aus diesen Ländern betrug sie nur 17 Prozent.

Das liege auch daran, dass die Frauen oft mehr Kinder haben würden, um die sie sich kümmern müssten, sagt Güngör: "Dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht mehr arbeiten, höher." Die Fertilitätsrate lag 2019 bei in Österreich geborenen Frauen im Schnitt bei 1,36 Kindern. Bei Personen aus Afghanistan, Irak und Syrien lag sie bei 3,14 Kindern.

Güngör glaubt, dass die Ganztagsschule auch helfen würde, die Erwerbsquote der Frauen zu steigern, da sie dadurch bei der Kinderbetreuung entlastet werden würden. Daneben brauche es aber auch Investitionen in Weiterbildungs- und Kompetenzprogramme.

"Reiner Problembericht"

FPÖ-Klubchef Herbert Kickl sah fast einen "reinen Problembericht". Arbeitsmarkt und Schulen zeigten die Überforderung, die durch die Massenzuwanderung entstanden sei.

Grünen-Integrationssprecherin Faika El-Nagashi forderte, dass Chancengerechtigkeit und Partizipation ins Zentrum der Integrationspolitik gestellt werden. So seien 30,1 Prozent der in Wien lebenden Personen im wahlberechtigten Alter aufgrund ihrer Staatsbürgerschaft von der Wahl ausgeschlossen.