Der massive Anstieg von Neuinfektionen mit Sars-CoV-2 in Österreich - vor allem in Wien - hat zu Gerüchten über ein Wien in Orange geführt. Am Donnerstagabend erfuhr die APA aus der Corona-Kommission, dass auf eine Empfehlung zur Orange-Färbung verzichtet wurde, jedoch sind bundesweit striktere Vorgaben bei Maskenpflicht und Veranstaltungen zu erwarten.

Wien bleibt von den Empfehlungen her ebenso gelb wie Graz und der Bezirk Kufstein. Neu dazu kommen Innsbruck-Stadt und Schwaz in Tirol, sowie die niederösterreichischen Bezirke Korneuburg und Wiener Neustadt, hieß es. Linz werde dagegen wieder grün geschaltet, so die Empfehlung. Auch der Bezirk Freistadt, der aufgrund eines Clusters um eine Moschee hohe Fallzahlen aufweist, ist grün.

Maskenpflicht auch außerhalb von Apotheken und Banken

Aus dem Umfeld von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) hieß es vor der Sitzung der Ampel-Kommission, der Regierungschef erwarte sich "schärfere Maßnahmen", um die Infektionszahlen nicht weiter in die Höhe schnellen zu lassen. Diesem Drängen zusammen mit jenem aus Wien wurde offenbar nachgegeben: So sollen alle Veranstaltungen österreichweit auf Gelb-Niveau gestellt werden. Das heißt, indoor sind 2500 Plätze (ohne zugewiesene Plätze 100), outdoor 5000 Plätze möglich. Zudem soll die Maskenpflicht auch außerhalb des Lebensmittelhandels und von Apotheken und Banken österreichweit in geschlossenen Räumen ausgeweitet werden.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) hatte schon am Donnerstagvormittag, bevor die Rekordzunahme von 664 Infektionsfällen vermeldet wurde, keine " Indizien, dass es in Richtung orange geht." Was die Kommission am Abend beschließt, sei wie ein "Sachverständigengutachten" für die politische Entscheidungen, die dann getroffen werden, erklärte Anschober. Die Empfehlungen der Kommission bespreche er innerhalb der Regierung, das sei "keine Solo-Entscheidung" des Gesundheitsministers, unterstrich Anschober. Jeden Freitag um 11.00 Uhr gibt es dann eine Pressekonferenz.

Wiens Krisenstab empfiehlt Maske in Handel und Gastro

Der medizinische Krisenstab der Stadt Wien empfiehlt eine Reihe von Maßnahmen, um den Anstieg der Coronavirus-Infektionen wieder zu bremsen. Er spricht sich etwa für eine Ausweitung der Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes im gesamten Handel aus. In Lokalen soll die Maske an der Bar und am Weg zum Tisch nötig sein. Auch in Sozialräumen von Firmen soll es Verschärfungen geben.

Wien kann derartige Maßnahmen jedoch nicht umsetzen. Man hoffe nun auf österreichweite Regelungen oder dass der Bund die Möglichkeit schaffe, regional derartige Maßnahmen umzusetzen, betonten Bürgermeister Michael Ludwig und Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (beide SPÖ) in einer Pressekonferenz. Hacker hatte bereits gestern, Donnerstag, strengere Maßnahmen gefordert.

Gesetzliche Verankerung fehlt noch

Aktuell standen vor der zweiten Schaltung vier Regionen auf Gelb (mittleres Risiko): neben Wien auch Linz, Graz und der Bezirk Kufstein. Tirols LH Günther Platter (ÖVP) ging am Donnerstag bereits von einer Ampelschaltung von Grün auf Gelb für die Landeshauptstadt Innsbruck aus. Auch in Graz nahm man an, dass die steirische Landeshauptstadt wohl weiterhin Gelb bleiben dürfte.

Damit die Corona-Ampel zum Werkzeug werden kann, fehlt noch ihre vollständige gesetzliche Verankerung. Erst mit der Novellierung des Epidemiegesetzes und des Covid-19-Maßnahmengesetzes können alle Regeln aufgrund der vier Farbstufen von grün bis rot rechtlich durchgesetzt werden. Ein Beschluss ist für den 23. September geplant. Bis dahin soll die Lockerungsverordnung angepasst werden, etwa zur Ausweitung des Mund-Nasen-Schutzes auf alle Geschäfte in gelben Regionen. Sie soll nun endlich am morgigen Freitag vorliegen.

Neues Testverfahren

Täglich rund 100.000 Personen könnten österreichweit zukünftig auf das Sars-CoV-2-Virus getestet werden, meinen indes Experten. Die Kosten pro Test würden unter fünf Euro liegen, so die Pläne einer Expertengruppe. Im Zentrum dieser Idee steht die RT-LAMP-Methode, die belastbare Covid-19-Nachweise in rund 35 Minuten liefert. Bis diese Schnelltestvariante zur Anwendung kommen kann, wird es aber noch dauern.

Hinter der Abkürzung RT-LAMP verbirgt sich der Terminus "Loop-mediated isothermal amplification". Diese Methode hat Vorteile gegenüber dem derzeit für den Nachweis einer Covid-19-Infektion eingesetzten PCR-Test: die notwendige Vervielfältigung des Virus-Erbguts geht einfacher und rascher vonstatten.

Für den gängigen PCR-Nachweis einer akuten Infektion muss das in Form von RNA vorliegende Erbgut des Coronavirus SARS-CoV-2 in DNA umgewandelt und dann vielfach vermehrt werden. Letzteres erfolgt mittels eines Enzyms. Damit dieses aber seine Arbeit tun kann, müssen die robusten DNA-Doppelstränge für den jeweils nächsten Verdoppelungsschritt aufgeschmolzen werden. Daher wird die Probe immer wieder auf 95 Grad Celsius erhitzt. Das erfordert viel Know-how beim Fachpersonal, teure Präzisionsgeräte und letztendlich Zeit - nämlich drei bis vier Stunden, wie es in dem gestern, Donnerstag, vorgestellten Papier der Arbeitsgruppe unter dem Dach der Forschungsplattform "Covid-19 Future Operations" heißt, die die Politik in Sachen Corona-Maßnahmen berät. (apa)