Eltern von Schulkindern in Wien waren Dienstagfrüh ein bisschen ratlos. Am Montagabend hatten sie noch aus den Medien erfahren, dass in der Bundeshauptstadt die Corona-Ampel von Gelb auf die nächsthöhere Warnfarbe Orange geschaltet wird. Das hätte zumindest für Oberstufenschüler Heimunterricht nach dem bisherigen Ampelsystem bedeutet. Heimunterricht wird es aber vorerst auch bei Orange nicht geben, stellte das Bildungsministerium am Dienstagvormittag fest.

Bildungsminister Heinz Faßmann gab dann um 13 Uhr eine Erklärung ab. Trotz der Umstellung der Corona-Ampel auf orange in sieben Bezirken "bleiben die Schulen gelb und die Unis ebenso". Man folge hier der Empfehlung der Ampelkommission. Das Infektionsgeschehen zeige, dass es "epidemiologisch vertretbar" sei, die Bildungseinrichtungen offen zu halten.

202 positive Corona-Fälle in Schulen

Ursprünglich hatte es geheißen, dass Oberstufen in "orangen" Bezirken auf Heimunterricht wechseln können. Seit dem Schulstart habe man bis dato insgesamt 202 nachgewiesene Infektionsfälle unter Schülern und 28 unter Pädagogen gezählt, sagte der Minister. Nur vier Prozent der Fälle stünden mit Schulen in Verbindung, es gebe keine Cluster und nur sehr selten Übertragungen in dem Bereich, der hier eine "nachgeordnete Bedeutung" habe, sagte Faßmann im Hinblick auf Schüler unter zwölf Jahren.

Man habe sich daher in Absprache mit Experten dazu entschieden, "Maßnahmen von der Ampelfarbe zu entkoppeln". Schüler, Lehrer und Eltern bräuchten jetzt vor allem Stabilität und nicht tägliche Veränderungen. Auch die Universitäten könnten ihre bisherigen Planungen für das Anfang Oktober beginnende Wintersemester unter den bisherigen Voraussetzungen fortsetzten.

Faßmann konstatierte allerdings, dass es bei der raschen Testungen von Verdachtsfällen an Schulen "ein Problem" gebe. Es sei ein "empirisches Faktum: Es dauert zu lange", sagte der Minister. Zuletzt war vor allem von Schulen in Wien das lange Warten auf Testergebnisse kritisiert worden . Es gehe nicht an, dass bei Verdachtsfällen "Klassen im Schwebezustand" belassen würden, wenn man sich gleichzeitig ansehe, dass etwa am Wiener Biocenter bestehende Testkapazitäten nicht ausgenutzt werden. Er werde darauf hinwirken, dass derartige Ressourcen ins System eingespeist werden, betonte der Minister und verwies auf ein Ende September startendes Test-Monitoring an Schulen.

Zwei Gründe für Nein zu Heimunterricht

Für das Nein zum Heimunterricht gibt es vor allem zwei Gründe. Das Bildungsministerium hat schon am Montag betont, dass von Schulen bisher keine Bildung von Corona-Clustern ausgegangen sei. In Wiener Schulen wurden in der ersten Woche nach dem Schulbeginn insgesamt 70 positive Corona-Fälle gemeldet, in Niederösterreich waren es 31, im Burgenland zwei.

Der zweite Grund ist, dass die türkis-grüne Bundesregierung und Minster Faßmann möglich lange einen normalen Schulunterricht aufrecht erhalten wollen, vor allem ohne Heimunterricht oder gar großflächigen Schulschließungen. Bisher wurden lediglich einzelne Klassen und auch Lehrer in Quarantäne geschickt. Hintergrund dafür sind auch Erfahrungen, dass sich der Heimunterricht heuer beim Corona-Lockdown ab Mitte März vor allem für Schüler aus sozial benachteiligten Familien und Familien mit Migrationshintergrund häufig negativ ausgewirkt hat.