Es ist ein eindeutiges Ergebnis: 92,6 Prozent von 94 abgegebenen Stimmen der Grazer Grünen haben am Samstag für Judith Schwentner als Spitzenkandidatin für die Grazer Gemeinderatswahl gestimmt. Diese dürfte im Winter 2021/2022 stattfinden. Schwentner nahm die Wahl an. Insgesamt waren 130 Grazer Grüne Mitglieder wahlberechtigt. Die Veranstaltung war weitgehend online, nur ein paar Politiker waren im Saal.

Dazu gehörte aber niemand geringerer als Vizekanzler Werner Kogler, der seine Schützenhilfe für Schwentner persönlich abgab:  "Liebe Judith, nimm es, tu es, mach's." Denn die Städte der Zukunft seien grün. Wien sei besser geworden, Innsbruck könne sich sehen lassen. "Da geht was", so Kogler, wenn es grüne Regierungsbeteiligungen gibt. In Graz hätte man momentan noch was "echt rechtes, eine echte rechte Koalition". In punkto Vernetzung von Ökologie und sozialer Gerechtigkeit sei man dort "an falschen Adresse". Ziel sei daher eine "echte grüne Regierungsbeteiligung". Das werde die Auseinandersetzung werden, sagte Kogler für die Grazer Gemeinderatswahl voraus, die voraussichtlich im Winter 2021/2022 stattfinden wird.

Der Vizekanzler kritisierte Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) und seine "Seifenblasen, die dann zerplatzen". Diese würden nur dazu dienen, die Prospekte zu füllen. "Von der Häufigkeit von Prospekten kann man nicht auf die Sinnhaftigkeit der Projekte schließen", sagte Kogler und sprach von Ankündigungspolitik. "Aber er (Nagl, Anm.) kann sich von einem Meister der Luftgitarre noch zu einem Umsetzer wandeln. Dafür ist es nie zu spät."

Dass sie selbst einmal die Spitzenkandidatin wird, hätte sich Judith Schwentner  noch vor ein paar Jahren nicht gedacht. "Ich hatte Bedürfnis nach Abstand von der Politik, aber so kann man sich irren. Nach vielen Gesprächen bin ich sicher, dass ich am absolut richtigen Ort bin."

"Ich bin soweit. Ich bereite mich mit euch auf den Umbruch vor. Gemeinsam mit euch will ich die Gemeinderatswahl schlagen und gewinnen, wenn ihr mir heute eure Unterstützung gebt. Die Zukunft der Stadt ist grün, die Zukunft von Graz ist grün. Die Zukunft von Graz sind wir", so Schwentner.

Die grüne Stadträtin meinte, dass die Gesellschaft vor einem massiven Umbruch stehe: "Klimakrise, Digitalisierung, Corona, immer mehr Menschen haben keine Arbeit, sind auf der Flucht, die Gesellschaft ist zunehmend polarisiert, viele können das Wort Krise nicht mehr hören und wenden sich ab. Daher ist es entscheidend, wohin wir steuern, und wie und wer steuert. Besonders in Städten. Dort ist das Leben dicht, die meiste Energie wird da verbraucht, und da wird am meisten gebaut."

Es sei zu viel Raum für Autos und zu wenig für Menschen, und zu viel Beton. Klimakrise treffe vor allem jene am meisten, die keinen Garten haben, die in Durchfahrtsstraßen wohnen, in wenig begrünten Bezirken. "Schlechte Luft macht krank, und in Graz wird nicht darauf reagiert", so Schwentner weiter.

Der Umbruch sei eine große Herausforderung und Chance: "Welches Graz wollen wir? Eine Stadt für wenige oder eine für alle?" Die Grünen seien bereit. Sie sehe ihre Aufgabe darin, "unterwegs zu sein, mit Grazerinnen und Grazern zu reden und die Stadt immer neu kennenzulernen, allen zuzuhören, unabhängig von Adresse, Einkommen, Bildung oder Beruf". Das gelinge nicht, "wenn man sich im Rathaus einbunkert, sondern nur, wenn man die Fenster aufreißt, Türen aufmacht und rausgeht".

Schwentner kritisierte, dass Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) mit seiner Regierung "die Blauen salonfähig" mache. "Die ÖVP und christlich-sozial, das war einmal." In Graz herrsche mutlose, rechte Politik, die für Baulobby und Autoverkehr arbeite. Postenschacher sei an der Tagesordnung. "Viele spüren es: Die ÖVP kann Stadt schon lange nicht mehr, das schadet Graz."

Schwentner nannte ihre vier Zutaten für Graz: eine Begrünungsoffensive - etwa durch die 17 grünen Meilen, für die sie sich seit einem Jahr einsetzt. Zweitens mehr Platz für alle: Der öffentliche Raum müsse neu verteilt werden - weniger Autos, mehr Platz für Straßenbahnen, Busse, Kinder und Ältere. Drittens brauche es mehr Plan, denn der fehle gerade: eine nachhaltige Stadtentwicklung und sinnvolles Bauen. Viertens brauche es mehr Miteinander: "Offenheit für das Neue und ernsthafte Bereitschaft, das gute Leben, das wir haben, zu teilen."(apa)