Nicht nur die schnell wechselnden Corona-Maßnahmen sorgen für Verwirrung in der Bevölkerung, auch die Testungen hinterlassen viele Fragezeichen - und zunehmend Ärger. Lange Wartezeiten bei der offiziellen 1450-Hotline, noch längere Wartezeiten auf Testergebnisse, Lücken bei der Verständigung von Kontaktpersonen. Vom von der Regierung ausgegebenen Ziel, wonach ein Testergebnis binnen 48 Stunden vorliegen soll (24 Stunden von der Meldung bis zum Test, 24 Stunden bis zum Ergebnis, 24 Stunden bis zur Rückverfolgung und Information der Kontakte), weicht die Realität jedenfalls oftmals deutlich ab.

Wenn es um die Verbesserung dieser Situation geht, herrscht unter Expertinnen und Experten in einem Punkt weitgehend Einigkeit: Die Zukunft der Testmaßnahmen liegt zu einem großen Teil in Antigen-Tests. Der entscheidende Vorteil dieser Methode: Ein Ergebnis liegt bereits rund 30 Minuten nach einem Mund- oder Nasen-Rachenraumabstrich vor. Damit liefert der Antigen- im Vergleich zum gängigen PCR-Tests schnellere Klarheit. Einen Nachteil hat er allerdings auch: Die Verlässlichkeit der Testergebnisse hat sich zwar in den vergangenen Wochen stark verbessert, reicht aber aktuell noch nicht zur flächendeckenden Anwendung aus.

Superspreader gut erkennbar

Die einstige Gesundheitsministerin und jetzige SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner verwies in den vergangenen Tagen bereits mehrmals auf die Antigen-Tests, die bei gezieltem Einsatz "der Schlüssel bei der Verhinderung eines starken Infektionsanstiegs in den Wintermonaten" seien. Daniela Schmid, leitendende Epidemiologin bei der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) und Sprecherin der Corona-Kommission, stimmt dem im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" zu. Zwar liege die Sensitivität eines Antigen-Tests aktuell bei nur rund 47 Prozent - eine Corona-Infektion kann er also nur mit einer Fifty-Fifty-Quote nachweisen. Die Qualität der Tests steigt aber rasch und dürfte einen gezielten Einsatz im Herbst und Winter ermöglichen. Eine verbesserte Testpraxis wird sehnsüchtig erwartet, auch wenn der Sieben-Tages-Schnitt der Neuinfektionen in den vergangenen Tagen wieder ein wenig gesunken ist - auf zuletzt 664 am Dienstag (siehe Grafik).

Die bisherige Testpraxis sei oft ineffizient gewesen, weil Erkrankte mit Symptomen mitunter deutlich zu lange auf Testergebnisse gewartet hätten, sagt Schmid - während man gleichzeitig tausende Gastronomiebetriebe ohne konkreten Verdacht getestet habe. Schmid plädiert darauf, die vorhandenen Ressourcen zielgerichteter einzusetzen. Konkret bedeutet das laut der Ärztin: Erstens müssten Personen mit Symptomen - so wie vorgesehen - innerhalb von 24 Stunden getestet werden. Zweitens müssten Kontaktpersonen so rasch wie möglich identifiziert werden. Sobald in Quarantäne, sei ein Test bei diesen beschwerdefreien Personen nicht unbedingt binnen 24 Stunden nötig. Drittens müsse der Fokus sinnvollerweise auf gezieltes Testen in Risikogruppen verlegt werden. Erkranke in einem Hotel in Kärnten eine Person, sei es sinnvoller, in diesem Betrieb beim gesamten Personal einen Test zu machen, als "irgendwo im Burgenland fünf andere Hotels zu testen", sagt Schmid.

In einem solchen Konzept dürfte den schnellen Antigen-Tests künftig eine entscheidende Rolle zukommen - trotz Nachteilen in der Genauigkeit gegenüber PCR-Tests. Denn: Nicht jeder Corona-Positive ist auch tatsächlich ansteckend. Nach Tag acht der Erkrankung wird bei einem Corona-Infizierten etwa davon ausgegangen, dass er nicht mehr ansteckend ist. Entscheidend für die Ansteckungswahrscheinlichkeit ist die aktuelle Viruslast des Infizierten. Und bei hoher Viruslast würde auch der ungenauere Antigen-Test sehr zuverlässig anschlagen, sagt Schmid. Superspreader wären damit gut identifizierbar.

Genau das ist entscheidend, um einen schnellen Anstieg der Covid-19-Ansteckungen zu verhindern. Jene Corona-Positiven, bei denen der Antigen-Test nicht anschlage, seien infektionsepidemiologisch und sogar klinisch praktisch irrelevant, sagt Schmid. Denn ihre Viruslast ist zu gering, um andere Menschen großflächig anzustecken. Mit PCR-Tests könnte dann immer noch in bestimmten Gruppen präziser "in die Tiefe" getestet werden. Ebenso könnten Personen, die sich bereits in Quarantäne befinden, zusätzlich mit dem PCR-Verfahren getestet werden, um falsch positive Fälle zu identifizieren. Insofern sind die Antigen-Tests "nicht als Ersatz, sondern als wichtige Ergänzung" für PCR-Tests zu sehen, sagt Schmid.

Auch Public-Health-Experte Martin Sprenger, der im Frühjahr aus dem Corona-Krisenstab des Gesundheitsministeriums ausschied und die Corona-Politik der Bundesregierung seither immer wieder kritisierte, hält einen Fokus auf Antigen-Tests für sinnvoll. "Wir nennen das Point-of-Care-Testing", sagt er zur "Wiener Zeitung". "Testen am Punkt der Versorgung" also. Der erste Versorgungspunkt sei in der Regel die Hausarztpraxis, sagt der Mediziner - dass Corona-Tests künftig beim Hausarzt möglich sind, beschloss der Nationalrat am Mittwoch im Rahmen der Novelle zu den Corona-Gesetzen.

"Standard wurde verletzt"

Die Durchführung der Antigen-Tests beim niedergelassenen Arzt hält Sprenger auch für den entscheidenden Vorteil. Denn dort werde die Testung mit dem Standard einer ärztlichen Untersuchung und medizinischen Diagnostik kombiniert. "Diesen Standard haben wir in den vergangenen sieben Monaten bei der Diagnose von Covid-19 verletzt", sagt Sprenger. Man habe es einem PCR-Test allein überlassen, eine "Diagnose" zu stellen. Auch Sprenger verweist darauf, dass ein positiver PCR-Test nicht automatisch bedeute, dass der Patient tatsächlich erkrankt sei. Dank der Schnelligkeit des Antigen-Tests sei ein Ergebnis noch während der ärztlichen Konsultation verfügbar. "Der Arzt kann das dann auch in seiner Bedeutung einordnen."

Sprenger hatte zuletzt vielfach kritisiert, dass die Zielsetzungen der Bundesregierung und deren konkrete Strategie in der Corona-Pandemie zu unklar sei - und insbesondere nicht öffentlich nachvollziehbar. Entscheidend ist laut dem Arzt, dass auch die Antigen-Tests nur als Teil einer Teststrategie zu sehen seien. So wie die Maskenpflicht nur Teil eines Maßnahmenpakets ist. Dennoch spreche man ständig von der Maske als Einzelmaßnahme, statt sich mit der größeren Strategie dahinter zu beschäftigen, sagt Sprenger: "Wir reden über das Zahnrad statt über das Uhrwerk."

Mangelnde Vergleichbarkeit

Ein anderes Problem bei den bisherigen Testungen erlangte dagegen jüngst mehr Aufmerksamkeit: Die Vergleichbarkeit zwischen den Bundesländern war kaum gegeben. Zuletzt gab es etwa in Wien viermal so viele Tests pro 100.000 Einwohner wie in Salzburg, das Schlusslicht bei der Anzahl der Tests war. Bald stellte sich zudem heraus, dass selbst die Testzahlen nur schwer vergleichbar sind. So fließen etwa in Salzburg nur die behördlich angeordneten Tests ins Epidemiologische Meldesystem (EMS) ein, nicht aber die privaten. Konkret: Negative private Tests werden nicht ins EMS eingespeist. Die Forderung nach bundesweit einheitlichen Standards wurde deshalb immer lauter.

"Das ist auch die Forderung der AGES", sagt Schmid. Sinnvoll sei ausschließlich, dass jedes Bundesland die behördlich angeordneten Tests in eine einheitliche Datenbank meldet. Aktuell würde in den Ländern jeweils etwas anderes angegeben oder in den Vordergrund gestellt, "um selbst möglichst gut dazustehen". Mangels Aussagekraft sei deshalb für die Corona-Ampel die Positivenrate der Bundesländer nicht verwendet worden. "Die aktuelle Positivenrate ist schlicht falsch", sagt auch Sprenger. So scharf seine Kritik an den Unklarheiten der heimischen Corona-Strategie, so optimistisch ist er aber rund um die Aussicht auf bald einsetzbare Antigen-Tests: "Damit haben wir die Chance, zumindest diesen Teil der Teststrategie noch einmal vollkommen neu und sauber aufzusetzen", sagt er. "Und damit die Versorgungsqualität, aber auch das Risikomanagement weiter zu verbessern."