Das kommt nicht so oft vor: Eine Personalrochade an der Spitze einer Landespartei nach erfolgreichen Wahlen. Nach den Bürgermeister-Stichwahlen in Vorarlberg am Sonntag, bei denen die SPÖ in der Landeshauptstadt Bregenz nach 30 Jahren überraschend das Bürgermeisteramt geholt hat und damit im nahen Hard mit SPÖ-Landeschef Martin Staudinger künftig den Bürgermeister stellt, löst das ein Sesselrücken aus. Im SPÖ-Landtagsklub wurden schon am Montag die Weichen neu gestellt. Thomas Hopfner wird Staudinger im November als SPÖ-Klubchef folgen. Staudinger bekräftigte im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" aber auch, dass er 2021 den SPÖ-Landesvorsitz abgeben wird: "Das ist mein Ziel, dass man schaut, wer das Team der Zukunft ist."

Staudinger setzt damit seine Ankündigung aus dem heurigen Sommer um, dass er im Falle seiner Wahl zum Bürgermeister die SPÖ-Landesführung abgeben werde. In der als Handball-Hochburg über Vorarlberg hinaus bekannten 14.000-Einwohner-Gemeinde Hard ist der SPÖ-Landeschef mit Zweidrittelmehrheit zum Bürgermeister gewählt worden. Auf diese Funktion wird er sich künftig konzentrieren, obwohl er selbst erst 41 Jahre alt ist und erst vor zwei Jahren Vorarlberger SPÖ-Chef geworden ist.

Staudinger begründet seine Entscheidung, damit, dass die künftige Person an der Spitze der Vorarlberger Landespartei auch SPÖ-Spitzenkandidat bei der Landtagswahl im Herbst 2024 sein solle. 2025 stünden dann die nächsten Gemeinderats- und Bürgermeisterwahlen bevor. "Dass ich Spitzenkandidat für die Landtagswahlen werde, das passt nicht zusammen", sagt Staudinger im Hinblick auf die Übernahme des Bürgermeisteramtes in Hard am Bodensee. "Da möchte ich nicht bei beiden Wahlen kandidieren."

Vorsitz-Entscheidung bis zum Parteitag 2021

Sein Ziel sei es nun, "möglichst viele neue Leute zu finden", die als Bewerber für die Landtagswahlen 2024 in Frage kommen. Coronabedingt soll die Entscheidung bis zu einem Landesparteitag im kommenden Jahr getroffen werden.

Staudinger kommt aus Hard, ist gelernter Volkswirt und war unter anderem im Kabinett des früheren Sozialministers Rudolf Hundstorfer tätig. Bei der Landtagswahl im Oktober des Vorjahres konnte die Vorarlberger SPÖ mit ihm als Spitzenkandidat leicht zulegen: Die SPÖ ist nach der Neuauflage der schwarz-grünen Koalition auf Landesebene im Landtag aber weiter Oppositionspartei.

Bei den Bürgermeister-Stichwahlen gab es für die ÖVP am Sonntag arge Dämpfer, während die SPÖ mit der Erorberung von Bregenz und Hard die Zahl der roten Bürgermeister von zwei auf vier verdoppeln konnte. Schmerzvoll für die ÖVP und die positive Überraschung schlechthin für die SPÖ war, dass Ex-Landesparteichef Michael Ritsch im vierten Anlauf den Sprung auf den Bregenzer Bürgermeistersesssel geschafft hat. Er siegte in der Stichwahl gegen den seit 1998 im Amt befindlichen Stadtchef, das ÖVP-Urgestein Markus Linhart, mit 51,7 Prozent gegenüber rund 48,3 Prozent für Linhart. ÖVP-Landeshauptmann Markus Wallner bezeichnete das als "schweren Schlag".

Neuer Bregenzer SPÖ-Bürgermeister mit freiem Spiel der Kräfte

Damit ist auch die schwarz-grüne Koalition in der rund 28.000 Einwohner zählenden Landeshauptstadt Bregenz zu Ende. Denn der künftige Bürgermeister Ritsch hat bereits am Montag angekündigt, dass er mit dem freien Spiel der Kräfte im Gemeinderat regieren wolle. Dort hat die ÖVP mit 15 Sitzen vor der SPÖ mit elf Sitzen weiter die relative Mehrheit.

Wie auch in Lech am Arlberg war die Unzufriedenheit mit dem amtierenden Bürgermeister ausschlaggebend für die Abwahl von Linhart in der Stichwahl. In Bregenz ist bei diversen Projekten - etwa rund um den Neubau des Bahnhofs oder beim Seestadt-Areal  - in den vergangenen Jahren nach dem Geschmack der Einwohner offenbar zu wenig weitergegangen. Deswegen hat sich die SPÖ schon vorab Hoffnungen gemacht, die Bürgermeister-Stichwahl mit Michael Ritsch gewinnen zu können. Ritsch gibt nun im Oktober sein Landtagsmandat ab. Auf Landesebene und auch insgesamt auf Ebene der 96 Vorarlberger Gemeinden bleibt die ÖVP allerdings klar dominierende Kraft. In Feldkirch und Bludenz hat sie die Bürgermeister-Stichwahl am Sonntag für den ÖVP-Kandidaten entschieden.