Hilde S., 84 Jahre alt, lebte seit ihrer Jugend in ihrem Haus im Mühlviertel. Sie war gerne zu Hause – obwohl sie mittlerweile in die kleine Einliegerwohnung übersiedelt war und ihre Tochter mit ihrer Familie im Hauptteil des Hauses lebte; obwohl sie einen Rollator brauchte, um durch die Wohnung zu tigern; obwohl sie Pflegegeld der Stufe vier benötigte, um sich eine Pflegekraft, die sie bei der Morgentoilette unterstützte zu finanzieren und eine Demenz langsam spürbar wurde.

Es funktionierte auch, bis Hilde S. an einem der beiden Tage, an denen ihre Tochter in der Woche arbeitete, stürzte. Die 84-Jährige kam nicht wieder alleine auf ihre Beine, das Telefon war außer Reichweite. Also lag sie am Boden, bis ihre Tochter nach ihrer Arbeit kam und ihr half. Da fiel das Wort "Heim" zum ersten Mal. Weil Hilde S. das nicht wollte, versuchte ihre Tochter eine stundenweise Betreuung an den Arbeitstagen für sie zu organisieren. Mit dem Ergebnis, dass das für die Familie nicht finanzierbar war. Ein Tageszentrum für eine stundenweise Betreuung gab es nicht in der Gemeinde. Hilde S. musste schließlich doch ins Pflegeheim übersiedeln – obwohl sie sonst noch fit genug gewesen wäre, um weiterhin zu Hause zu bleiben.

Diakonie Österreich-Direktorin Maria Katharina Moser schildert Hilde S. Geschichte, um damit zu illustrieren, dass die beiden Säulen in der Pflege, die mobile zu Hause und die stationäre in Heimen nicht ausreichen, um den Bedarf, die Bedürfnisse und Wünsche älterer Menschen zu erfüllen.

Problemfelder in der Pflege

Bei Hilde S. handelt es sich um ein prototypisches Beispiel für viele Ältere schon heute, von denen es in Zukunft noch mehr geben wird. Heute sind 5,5 Prozent der Bevölkerung über 80 Jahre alt, 2050 11,5 Prozent. Und diese älteren Menschen wollen solange wie möglich zu Hause leben.

Das erste Problem dabei ist: Die zusätzliche Betreuung zu Hause lässt sich im Moment nur mit enormem zeitlichen und finanziellen Aufwand in den Familien organisieren. Und: "Es geht zu Lasten der Gesundheit der pflegenden Angehörigen", sagt Moser. Es verringert auch das Einkommen. Meistens sind es Frauen.

Problem zwei: Das Angebot orientiert sich heute an der Finanzierung. Bei mobilen Pflegestunden und Pflegeheimen sind die Finanzströme klar geregelt. Eine flexible Betreuungsmöglichkeit, etwa ein stundenweiser Aufenthalt in einem Pflegeheim am Tag; das ausschließliche Übernachten im Heim für sonst fitte, aber demente Ältere oder dass eine kleine Gruppe älterer aus einem Ort einen Teil des Tages gemeinsam mit einer Betreuerin verbringen, sind im System nicht so einfach umzusetzen.

Problem drei: Der physische und psychische Gesundheitszustand von älteren Menschen verschlechtert sich häufig mit dem Verlassen ihres sozialen Umfelds und einer Übersiedelung ins Pflegeheim.

Woraus sich Problem vier ergibt: Die Finanzierung der Pflege im Heim wird durch das vorzeitige, fachlich eigentlich noch nicht notwendige Übersiedeln, nochmals teurer – könnte sich die mit Alternativen im Sinne aller hinausgezögert werden. Laut Moser braucht es deshalb einen "Motor, der Druck erzeugt" im Zuge der Pflegereform. "Die eine oder andere Lücke zu schließen, reicht nicht aus".

Autonomie auch im Alter

Den Motor sieht die Diakonie in SING, was für "Seniorenarbeit innovativ gestalten" steht, einem neuen Pflege-Dienstleistungs- und Finanzierungskonzept. "SING orientiert sich an den Bedürfnissen der Pflegebedürftigen", sagt Moser. Mittel würden dabei effizienter für das von den Pflegebedürftigen Gewünschte und Notwendige eingesetzt. SING orientiert sich an drei Prinzipien: Mehr Autonomie für ältere Menschen auch im Alter ist das erste; ein besser als heute auf die Bedürfnisse der zu Pflegenden abgestimmtes Dienstleistungsangebot das zweite. Prinzip drei stellt nennt sich Sozialraumorientierung. Damit ist das bessere Ineinandergreifen des informellen Netzwerks älterer Menschen aus der Familie, im Freundeskreis und der Nachbarschaft mit professionellen Pflege- und Betreuungsangeboten gemeint.

Praktisch angewandt bedeutet SING, dass Menschen insbesondere in den Pflegestufen drei, vier und fünf Pflege- und Betreuungsleistungen, bei denen die teurere professionelle Heimpflege noch nicht notwendig ist, Leistungen selbst zukaufen können – von einem Teil des Pflegegelds, das demnach für solche Sachleistungen fix reserviert werden würde.

Kern des Konzepts ist ein sachleistungsbezogener Autonomiebeitrag. Konkret bedeutet das etwa, dass von 689,80 Euro Pflegegeld der Stufe vier wie von Hilde S. 340 Euro mit dem Faktor von 3,69 aufgewertet würden. Von den dann rund 1250 Euro könnte sie selbst entscheiden, ob sie Betreuungsstunden zu Hause, einige Stunden in einem Tageszentrum oder Therapie zur Mobilisierung ihrer Muskeln und des Gehirns gegen das Voranschreiten der Demenz bezahlen möchte. Der Rest bleibt als Eigenmittel etwa für den Einkauf für die Pflege notwendiger Produkte frei verfügbar übrig. In den untersten beiden Pflegestufen ist der Aufwertungsfaktor mit 2,4 und 2,7 deutlich niedriger, genauso wie in den obersten beiden sechs und sieben mit 2,1 und 1,6. Der Sinn dahinter ist die Anreizwirkung: Damit wirklich nur jene, die zwar professionelle Unterstützung zu Hause benötigen, aber noch nicht so viel, wie sie Heime anbieten, mehr Leistungen als heute zukaufen.

Innovativ durch den Pflegedschungel gelotst

Da die Auswahl und Kombination der notwendigen Pflege- und Betreuungsdienstleistungen Hilde S. und ihren Angehörigen alleine nicht zuzumuten ist, bräuchte Fachpersonal dafür. Hier schweben der Diakonie sogenannte Pflegelotsinnen und -lotsen vor. Diese sollten unabhängig von Pflegeorganisationen und regionalen Finanzierungsstellen sein. Fachfrauen und -männer mit sozialarbeiterischer Ausbildung oder vormalige Pflegekräfte, die viel Erfahrung in ihrem Bereich mitbringen. Moser erhofft sich, dass diese spannende Aufgabe auch für die vielen Pflegekräfte, die sich, um sich nicht mehr im engen Korsett des aktuellen Systems aufreiben zu lassen, dann wieder zurückkehren und sich dieser spannenden Aufgabe widmen wollen. "Das kann auch eine Aufgabe für die letzten Berufsjahre sein, so Pflegearbeit körperlich zu anstrengend wird." Die Pflegelotsinnen und -lotsen sind Vernetzungsschnittstelle zwischen Pflegedienstleistern und den Personen, die sie brauchen. Sie erheben den Bedarf regional, stimmen das Angebot, das es dafür braucht, mit den Organisationen und Gemeinden ab, bringen die Auswahl wieder zurück zu den zu Pflegenden.

Das Konzept wurde bereits vom Wirtschaftsforschungsinstitut durchgerechnet. Es ist zwar in den ersten Jahren des Ausrollens teurer, mittel- und langfristig aber führt es zu einer Dämpfung der Nachfrage nach teuren Altenheimplätzen. Die Stadt Linz hat sich bereit erklärt, das Projekt in einem Stadtteil mit 40.000 bis 50.000 Einwohnern zu erproben. Das Sozialministerium kennt das durchgerechnete Konzept bereits. Als nächste Schritte versuchen Moser und Plank nun Verbündete bei anderen Pflegeorganisationen zu finden, um die politische Zusage für das Pilotprojekt und die Finanzierung mit Bundes- und Landesmitteln zu erreichen. Hilde S. wird von so einem neuen Angebot zwar nicht mehr profitieren, so es denn umgesetzt wird – womöglich aber andere, die im Alter Unterstützung bei der Bewältigung ihres Alltags brauchen.