Ja, wir haben eine Covid-19-Pandemie, räumte der Infektiologe Martin Haditsch am Mittwoch vor Journalisten ein -"Sars-CoV-2 verdient es aber nicht, diesen Stellenwert zu bekommen, den es hat". Vielmehr müsse man "damit leben lernen, dass Menschen an Covid-19 sterben", ergänzte der Mediziner Andreas Sönnichsen, der am Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien arbeitet. "So wie an Verkehrsunfällen, Influenza und Zigarettenrauch." Denn selbst mit drakonischen Maßnahmen könne man dieses Virus genauso wie zum Beispiel Influenzaviren nicht ausrotten.

Gemeinsam mit dem Allgemeinmediziner und Gynäkologen Christian Fiala und dem Psychologen Christian Schubert kritisierten Haditsch und Sönnichsen, dass die zur Eindämmung der Pandemie gesetzten Maßnahmen mitunter mehr schadeten als nutzten. Die Mediziner betonten unisono, dass es sich dabei ausschließlich um deren private Meinung handle.

"Nährboden für Bakterien"

Maßnahmen wie das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes seien zum Beispiel deshalb kontraproduktiv, weil dieser meist "ein selbst gefertigter Stofflappen" sei, der zwischenzeitlich in die Hosentasche gesteckt und wieder herausgezogen werde. Wird er noch dazu nicht regelmäßig gewaschen, biete er aufgrund seines feuchten Milieus den idealen Nährboden für Bakterien.

Auch dass andere Krankheiten während des Lockdowns schlechter versorgt worden seien, habe der allgemeinen Gesundheit mehr geschadet als genutzt, sagte Sönnichsen. Besonders drastisch zeige sich das in der Übersterblichkeit an Herzinfarkten: Laut einer diese Woche veröffentlichten Erhebung der Medizinischen Universität Graz gab es in der Steiermark während des sechswöchigen Lockdowns um 80 Prozent mehr Todesfälle nach Herzinfarkten als in den vergangenen vier Jahren.

Vor allem aber seien die PCR-Tests wenig aussagekräftig, meinte Haditsch, der unter anderem Ärztlicher Leiter des TravelMedCenter Leonding ist. Denn die weltweit 400 PCR-Tests, die derzeit im Einsatz seien, um eine Infektion mit dem Coronavirus festzustellen, seien nicht für Testungen an gesunden Personen gedacht. Sie dienten eigentlich dazu, Erkrankte zu diagnostizieren. Zudem sei meist nicht bekannt, welche Sars-CoV-2 spezifischen Erbgut-Sequenzen sie eigentlich nachweisen, weil die betreffenden Agenzien (Primer) für die PCR oft nicht bekannt gegeben würden.

Das Gesundheitsministerium will das freilich nicht so stehen lassen. "Wir arbeiten mit wissenschaftlichen Fakten und evidenzbasiert", heißt es von diesem auf Nachfrage der "Wiener Zeitung". Es gebe auch zahlreiche Studien, die belegten, dass zum Beispiel das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes gerechtfertigt sei.

Mehr als 1.000 Neuinfektionen

In Österreich sind mit Stand Mittwochvormittag in den vergangenen 24 Stunden 1.029 Sars-CoV-2-Neuinfektionen gemeldet worden. Insgesamt wurden 18.589 Menschen in dieser Zeit getestet. Somit gab es laut Angaben von Gesundheits- und Innenministerium 9.519 bestätigte aktive Fälle in Österreich. Bisher sind in Österreich 830 Menschen an den Folgen einer Coronavirus-Infektion gestorben.