Acht getötete Schafe im September in Tirol - dass es ein Wolf war, wurde soeben anhand einer DNA-Analyse an der Bissstelle bestätigt. Zehn Schafsrisse im Gemeindegebiet von Navis (Bezirk Innsbruck-Land) im August, ein weiterer in Pfunds (Bezirk Landeck), zwei in Kühtai (Bezirk Imst). Schafs- und Ziegenrisse im Mai, Juni und Juli. Für die beträchtliche Anzahl an getöteten Nutztieren im heurigen Jahr in Tirol waren offenbar acht Wölfe aus drei Herkunftspopulationen verantwortlich. Diese seien in fünf Bezirken genetisch nachgewiesen worden, hieß es vom Land Tirol. Sie kamen aus der italienischen Population, der mitteleuropäischen Tieflandpopulation und der dinarischen Population. Zwei der Wölfe waren demnach weiblich (Fähen) und sechs männlich (Rüden).

Im Vorjahr wurden laut der Umweltschutzorganisation WWF 103 Schafe gerissen. Das Lieblingsfressen des Wolfes sind zwar Rehe, Hirsche und Wildschweine - Ziegen und Schafe sind aber leichter zu erbeuten. Aus Furcht vor Nahrungsknappheit tötet der Wolf mehr Tiere, als er fressen kann.

Die Zeit der Wolfs-Romantik müsse nun endgültig vorbei sein, sagte dazu Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP). Gerade in Tirol, wo es eine Kombination aus beengtem Siedlungsraum, kleinstrukturierter Berglandwirtschaft, Almwirtschaft und Tourismus gebe, funktioniere ein Miteinander von Mensch, Nutztier und Wolf nicht. "Ich bin der Meinung, dass der Wolf bei uns keinen Platz hat", sagte Platter - und forderte eine Senkung des Schutzstatus auf EU-Ebene. Nur dann wäre eine Entnahme von Wölfen, also das Bejagen zum Beispiel sogenannter Problemwölfe, möglich.

Wolf ganzjährig geschont

Aktuell ist es nämlich so, dass der Wolf ganzjährig geschont ist und nicht geschossen werden darf. Das hat freilich seinen Grund: Nachdem 1882 der letzte Wolf, der in Österreich geboren worden war, erschossen wurde, galten Wolfsichtungen als etwas Besonderes, Seltenes. 2016 hat sich die Situation allerdings gedreht. Damals gab es erstmals wieder Nachwuchs im Land und das erste heimische Rudel in Allentsteig in Niederösterreich.

Mittlerweile hat sich die Anzahl der Wolfsrudel auf drei erhöht. Zu jenem in Allentsteig kamen weitere in Harmanschlag und Gutenbrunn (ebenfalls in Niederösterreich) hinzu. In Vorderweißenbach in Oberösterreich werde ein weiteres Rudel vermutet, sagt WWF-Wolfsexperte Christian Pichler.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch
Ein Rudel, das fünf bis zwölf Tiere einer Familie umfasst, benötigt etwa 25.000 Hektar Lebensraum. Österreichweit habe es zudem Sichtungen von 14 Einzelwölfen gegeben, womit insgesamt 30 bis 35 Wölfe hier lebten, heißt es vom WWF. Geschlechtsreife Jungtiere verlassen das elterliche Territorium, um ein eigenes Rudel zu gründen.

Die Anzahl der Wölfe in Österreich werde "natürlich in Zukunft steigen", sagt Pichler. Wir seien von Wölfen umzingelt: In Deutschland gebe es 400 bis 500 Individuen und in Italien bereits 1000 bis 2000.

Der Wolf kehrt also europaweit zurück - zum Leidwesen der Bauern. Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Alpenländer wurden daher bereits aktiv und haben in der Vorwoche eine Resolution für eine Neubewertung des Schutzstatus des Wolfs durch die EU-Kommission unterzeichnet. Zudem soll über den europäischen Bauernverband eine EU-weite Bürgerinitiative gestartet werden. Gespräche darüber sollen bereits laufen. Für die Initiative bräuchte es aktive Unterstützer aus sieben EU-Ländern und insgesamt eine Million Unterschriften - in jedem Land eine vorgeschriebene Mindestanzahl. In Österreich wären es 13.395. Wird die Anzahl der nötigen Unterschriften erreicht, müsste die Initiative zumindest von der EU-Kommission und dem EU-Parlament behandelt werden.

Eine aktuelle Anfragebeantwortung des EU-Umweltkommissars Virginijus Sinkevicius hatte allerdings schon im August unmissverständlich klargestellt: Die Europäische Union will am strengen Schutz der Wölfe nicht rütteln. Regionale "wolfsfreie Zonen" seien nicht möglich, hieß es.

Mehrere österreichische EU-Abgeordnete hatten sich erkundigt, ob wolfsfreie Zonen im Alpenraum möglich seien oder an eine Aufweichung des Schutzes gedacht werde. Beides verneinte der litauische Kommissar eindeutig. Dafür gebe es mehrere Gründe. Einerseits gebe es Möglichkeiten des Herdenschutzes und finanzieller Entschädigungen, zudem könnten sich Zonen dieser Art negativ auf den Erhaltungszustand der Art auswirken. Dieser werde auf der Ebene der einzelnen biogeografischen Regionen innerhalb eines Mitgliedstaats bewertet - für Österreich lag er erst vor einem Jahr bei "ungünstig bis schlecht".

Die Kommission erarbeite derzeit Richtlinien, mit denen die "Richtlinie zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen" (die "Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie" oder kurz FFH-Richtlinie) klarer ausgelegt und die Bestimmungen leichter angewandt werden können, so Sinkevicius. Eine der Bestimmungen listet auf, wann einzelne Wölfe getötet werden dürfen. Denn jeder Abschuss eines Problemwolfes muss laut Sinkevicius im Einzelfall geprüft werden.

Genau das ist aktuell im Salzburger Pongau der Fall: Die Bezirkshauptmannschaft St. Johann hat heuer im Juni die Entnahme jenes Wolfes genehmigt, der im Vorjahr zumindest 24 Schafe im Großarltal gerissen hatte. Naturschützer haben aber Beschwerde dagegen erhoben, die Sache liegt beim Landesverwaltungsgericht.

Tirol erwägt Klage vor EuGH

Auch Tirol will weiter am Schutzstatus des Wolfes rütteln und erwägt eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof. Dabei gehe es um die Gleichbehandlung Österreichs gegenüber anderen Staaten, in denen der Wolf einen geringeren Schutzstatus genieße, sagte Landeshauptmannstellvertreter Josef Geisler (ÖVP). In Finnland, Polen oder Griechenland etwa sei die Entnahme eines Wolfes leichter. Eine Klage müsse natürlich sehr gut mit Gutachten untermauert werden, so Geisler, "aber da sind wir dran".

Österreichs Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne) hat sich währenddessen ebenfalls gegen eine Aufweichung des Schutzstatus des Wolfs ausgesprochen und argumentierte dabei im völligen Gleichklang mit EU-Umweltkommissar Sinkevicius. Um die Koexistenz von Wölfen und Almwirtschaft zu ermöglichen, seien Herdenschutzmaßnahmen unumgänglich.

Der WWF stimmte zu und sprach von einem "wichtigen politischen Signal". Seit 2012 gebe es einen breit abgestimmten Managementplan, wie man die natürliche Rückkehr der Wölfe gut meistern könnte. Dieser wurde von einer länderübergreifenden Koordinierungsstelle für große Beutegreifer erarbeitet, die Vertreter der Jägerschaft, Interessengruppen und das Umweltministerium eingerichtet hatten. Dafür brauche es aber auch eine ausgewogene Beratung und gezielte Förderung für Präventionslösungen, sagte WWF-Experte Pichler. Zum Beispiel für den Herdenschutz durch den Einsatz von Elektrozäunen, Hunden oder Hirten. Die Förderungen in den Bundesländern dafür sind unterschiedlich, das Land Salzburg etwa ersetzt bis zu 80 Prozent der Kosten.

Entschädigung uneinheitlich

Bleibt noch die Frage, wer für den entstandenen Schaden durch Schafs- und Ziegenrisse aufkommt. Die Antwort ist nicht einfach und vor allem nicht einheitlich. Denn der Wolf gilt als Wild, fällt in die Bereiche Naturschutz und Jagd - und ist Ländersache. "Die Bundesländer haben großteils Töpfe für Entschädigungszahlungen eingerichtet", sagt Markus Fischer von der Landwirtschaftskammer (LK) Österreich.

Albin Blaschka, Geschäftsführer des Vereins "Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs", der seit dem Vorjahr eine Mittlerfunktion zwischen Bund und Ländern innehat, präzisiert: "In der Steiermark und in Salzburg gibt es eine Entschädigung vom Land, in Kärnten werden Schäden aus dem Wildschadensfonds beglichen. In Tirol erhält der Landwirt eine Entschädigung durch die Haftpflichtversicherung des Tiroler Jägerverbandes, wenn genetisch nachgewiesen wurde, dass ein mit Ohrmarkennummern gekennzeichnetes Nutztier durch einen großen Beutegreifer gerissen wurde."

Darüber hinaus werde eine Entschädigung durch das Land Tirol in Fällen geleistet, in denen kein direkter Nachweis erbracht werden kann, der Riss aber sehr wahrscheinlich von großen Beutegreifern verursacht wurde. Diese Wahrscheinlichkeit werde anhand der Schaden- beziehungsweise Kadaverbeurteilung und aller vorliegender Daten bewertet. Eine österreichweit einheitliche Lösung wird laut Blaschka angestrebt.

Die Kosten für ein Schaf sind unterschiedlich. So ist ein Zuchtschaf bis zu 2000 Euro wert, ein Nutzschaf zwischen 100 und 200 Euro. Bei der Anzahl von rund 450.000 Schafen, die derzeit in Österreich leben, ist der Anteil der durch den Wolf gerissenen von wie gesagt 103 im Vorjahr zwar gering. Den Landwirten mache aber vor allem die Unsicherheit zu schaffen, sagt Blaschka, wie es bei einer voranschreitenden Rückkehr des Wolfes weitergeht.