Während in Österreich am Samstag die Neuinfektionen mit 1235 einen neuen Rekordwert erreichten und Wien dabei im Bundesländer-Vergleich mit 511 einmal mehr Spitzenreiter war, wurde gleichzeitig deutlich, dass das Krisenmanagement nach wie vor hapert und die von der SPÖ dominierte Stadt Wien jedenfalls bis Stunden vor der Gemeinderatswahl versuchte, die Probleme vor allem im Schulbereich zu kaschieren.

Gesundheitsminister Rudi Anschober (Grüne) hatte Freitagmittag angekündigt, dass wegen der massiven Probleme Wiens bei der Nachverfolgung der Kontakte von Corona-infizierten Menschen von Gesundheitsagentur (Ages) Wien schon am Wochenende zusätzlich Personal zur Unterstützung beigestellt werde. In seinem Ressort wurde dann Samstagmittag wegen der konkreten Zahl an Hilfspersonal freundlich an die Gesundheitsagentur weiterverwiesen. Beim Krisenstab der Ages blieben aber ab Mittag drei Versuche der "Wiener Zeitung", genauere Auskunft zu erhalten bis zum Abend erfolglos. Es können aber maximal bis zu 60 Helfer sein.

Von Experten war schon zuvor beklagt worden, dass durch die Zersplitterung des Gesundheitswesens ins Österreich zwischen Bund und Ländern gerade die bei der Feststellung von Corona-Kontaktpersonen notwenige Geschwindigkeit nicht gegeben sei. Das mache sich speziell auch an Wochenenden negativ für betroffenen Einrichtungen, die mit Corona-Fällen konfrontiert sind, bemerkbar. Gerade Wien steht wegen des schleppenden Tempos bei der Nachverfolgung von Corona-Kontaktpersonen seit Wochen im Kreuzfeuer der Kritik vor allem von Seiten der türkis-grünen Bundesregierung.

Anschober: Vorerst 60 extra geschulte Mitarbeiter

Im Büro Anschobers wurde jedenfalls innerhalb von nicht einmal 15 Minuten Antwort gegeben, dass die Gesundheitsagentur Ages im Auftrag des Gesundheitsministeriums "voraussichtlich ab dem Wochenende" die Wiener Gesundheitsbehörden bei der Nachverfolgung von Corona-Fällen unterstütze. Der Verweis, die konkrete Zahl bei der Ages zu erfahren, verlief jedoch im Sand. Im Büro Anschobers gab es darüber hinaus noch eine umfassende grundsätzliche Auskunft. Demnach können alle Bundesländer bei Bedarf Unterstützung von Ages-Mitarbeitern anfordern. Bei Bedarf könnten somit "schnellstmöglich" Kontakte erfasst und isoliert werden, um eine weitere Verbreitung des Virus zu unterbinden, teilte das Gesundheitsministerium mit. Soweit die Absicht und die Theorie. In der Realität sieht es allerdings in Wien ganz anders aus: In bis zu 40 Prozent der Fälle konnten zuletzt nicht herausgefunden werden, wo die Ansteckung einer infizierten Person erfolgt ist.

Gesundheitsminister Anschober betont, dass zur besseren Nachverfolgung ein eigenes Team für die Kontaktnachverfolgung aufgestellt worden sei. Dieses werde "schrittweise ausgebaut". Er freue sich, dass die Stadt Wien mit Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) Unterstützung angefordert habe. Der Ressortchef teilte der "Wiener Zeitung" außerdem mit, dass in einem ersten Schritt 60 Ages-Mitarbeiter bereits dafür speziell geschult worden seien. Bei der Auswahl der Mitarbeiter sei besonders auch auf Mehrsprachigkeit Wert gelegt worden, es gebe daher Mitarbeiter, deren Muttersprache Türkisch oder Serbisch sei, um Sprachbarrieren bei der Kontaktnachverfolgung zu minimieren. Schon früher angebotene Hilfe durch das Bundesheer hat Wien bisher nicht angefordert, wie im Verteidigungsministerium bestätigt wurde. Mehrere andere Bundesländer mit weniger Corona-Neuinfektionen machen hingegen von der Unterstützung durch Heeressoldaten Gebrauch.

460 Mitarbeiter für Kontaktverfolgung

Trotz der von allen Experten vorhergesagten Anstiegs der Corona-Fälle ab dem Schulbeginn im Herbst war die Stadt Wien dafür offenkundig nicht ausreichend vorbereitet. Im Juli waren 170 Mitarbeiter für die Kontaktnachverfolgung im Einsatz. Im September wurde dann zwar eine Personalaufstockung um 500 Helfer angekündigt. Allerdings stehen davon fünf Wochen nach Schulbeginn erst 110 im Einsatz, berichtete ORF-online unter Berufung auf das Büro von Gesundheitsstadtrat Hacker. Insgesamt gebe es damit 460 Mitarbeiter für die Kontaktnachverfolgung. 130 weitere Mitarbeiter stünden inzwischen für den Start bereit. Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) hat allerdings Mitte September, nachdem sich die Kritik an schleppenden Corona-Tests und Nachverfolgung durch in Wien 1000 Mitarbeiter gehäuft hatte, zusätzlich angekündigt. An mangelndem Interesse kann es nicht liegen: denn es hat rund 1200 Bewerber gegeben.

Unmittelbar vor der Wiener Gemeinderatswahl an diesem Sonntag wurde der Gesundheitsstadtrat in Form einer weiteren Ankündigung nochmals aktiv. Nach einem Bericht der "Presse" sollen in den nächsten Wochen in eigenen Containern Corona-Tests durchgeführt werden, wobei die Betreuung durch den Ärztefunkdienst erfolgen wird. Bis zu 30 Container sind geplant.

Nach der heftigen Kritik von Eltern, Lehrern und Direktoren vor allem in Wiens Volks- und Mittelschulen gab man sich bezüglich der konkreten Corona-Fälle an Schulen und damit der Dramatik der Situation knapp vor der Wien-Wahl auffallend zugeknöpft. Bei einem Rundruf der Austria- Presse-Agentur am Freitag gab es von der Stadt Wien im Gegensatz zu den Bundesländern keine Zahlen. Nicht einmal das Bildungsministerium mit Ressortchef Heinz Faßmann wurde offenbar über die Corona-Fälle in der abgelaufenen Woche informiert. Auf die Frage, ob die Wiener Bildungsdirektion den Letztstand der Corona-Zahlen an den Schulen für diese Woche gemeldet habe, wurde der "Wiener Zeitung" mitgeteilt, man verfüge leider über keine aktuellen Zahlen.