Eigentlich geht es um Begrifflichkeiten - und in Folge um viel mehr als das. Konkret ist es die "eine den Mund- und Nasenbereich abdeckende mechanische Schutzvorrichtung". Dies e ist laut der Covid-19-Lockerungsverordnung des Gesundheitsministeriums vom 30. April zu tragen, wenn man zum Beispiel öffentliche Orte in geschlossenen Räumen oder Massenbeförderungsmittel betritt oder im Kundenbereich arbeitet. Davor war von gut abdeckenden mechanischen Schutzvorrichtungen die Rede. Mit dem Fallen des Adjektivs "gut" sind nun zum Beispiel auch Gesichtsvisiere erlaubt.

Die Erklärung "eine den Mund- und Nasenbereich abdeckende mechanische Schutzvorrichtung" lässt allerdings vieles offen. Und zwar in jeder Hinsicht. Denn mit dem Voranschreiten der Covid-19-Pandemie und der anwachsenden Anzahl an "Schutzvorrichtungen" wurden die Gesichtsvisiere im Gegenzug immer kleiner - und lassen nun dem Virenverkehr und damit einer möglichen Ansteckung freien Lauf.

Selbst das österreichische Gesundheitsministerium dürfte mehr von der Effizienz der Masken als von jener der Plexiglas-Visiere überzeugt sein, rät es doch auf seiner Homepage bereits von Letzteren ab: "Laut Covid-19-Maßnahmenverordnung ist jede Schutzvorrichtung erlaubt, die den Mund- und Nasenbereich abdeckt. Basierend auf neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen empfehlen wir allerdings, einen eng anliegenden Mund-Nasen-Schutz statt eines Visiers oder eines Kinnschutzes zu tragen", ist hier zu lesen.

Ministerium: "Rückhaltewirkung von Visieren deutlich schlechter"

Visiere und Kinnschutzvorrichtungen seien nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand nicht gleich gut wie eine Maske zum Beispiel aus Vlies, die eng anliegt. Denn: "Aktuelle Studien weisen darauf hin, dass die Rückhaltewirkung von Visieren auf ausgestoßene respiratorische Flüssigkeitspartikel deutlich schlechter ist." Die Situation werde laufend evaluiert, heißt es auf Nachfrage.

Die Leiterin des Instituts für Hygiene und Angewandte Immunologie an der Medizinischen Universität Wien, Miranda Suchomel, hält Minivisiere sogar für "absolut sinnlos". "Es ist schön, dass man den Mund und die Mimik sieht und freier atmen kann, aber da könnte man gleich überhaupt nichts tragen. Das hätte genau den gleichen Effekt", sagt Suchomel zur "Wiener Zeitung".

Wenn schon ein Visier, dann sollte es seitlich bis hinter die Ohren und tief genug bis unter das Kinn reichen und auch die Augen bedecken. Nur dann könnten die Nieströpfchen - des Trägers und seines Gegenübers -, die unter Umständen Coronaviren enthalten, abrinnen und später mit Seifenwasser abgewaschen werden. Bei den reduzierten Varianten aber "atmen und sprechen wir seitlich und unten oder bei Kinnschildern oben raus", so Suchomel. Selbst in den großzügiger gefertigten Varianten sieht Suchomel keinen gleichwertigen Maskenersatz, weil sie nie dicht mit der Haut abschließen.

Umweltmediziner Hans-Peter Hutter, der Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie an der MedUni Wien ist, sieht das ähnlich. "Ein Visier ist kein abgekapselter Raum. Und je kleiner dieses Ding ist, desto mehr Öffnungen und Möglichkeiten gibt es, dass die Aerosole vorbei können", sagt er. Gerade in der Gastronomie, wo Visiere aufgrund des besseren Tragekomforts häufig zum Einsatz kommen, sei das mitunter fatal. Denn wenn der Kellner die Speisen bringt, könne der Mindestabstand von einem Meter kurzzeitig nicht eingehalten werden, "er beugt sich herunter, atmet aus", sagt Hutter. "Der Schutz ist bei einem Visier aber nicht genauso gegeben wie bei der Maske."

Hutter empfiehlt daher, wieder auf Masken zurückzugreifen. Auch das Robert-Koch-Institut, das kontinuierlich die aktuelle Covid-19-Lage in Deutschland erfasst, rät von Visieren ab. Eine aktuelle Studie von Forschern des japanischen Forschungsinstituts Riken hat ebenfalls ergeben, dass selbst die Hälfte der Tröpfchen, die größer als 50 Mikrometer sind, von Visieren nicht abgehalten wird. Im Zuge der Simulation wurden Luftströmungen mit zehntausenden Tröpfchen unterschiedlicher Größe kombiniert - jene, die kleiner als fünf Mikrometer waren, konnten fast zu 100 Prozent entweichen.

Masken aus
Vliesstoff am effektivsten

Masken aus Vliesstoff, zu denen zum Beispiel die gängigen, blauen Einwegmasken zählen, waren demnach am effektivsten und hielten die Viren auch besser ab als jene aus Baumwolle oder Polyester. Einen 100-prozentigen Schutz gebe es freilich nie, sagen dazu Suchomel und Hutter. Wichtig sei aber in jedem Fall, auch die Masken richtig - also über Mund und Nase - zu tragen, mindestens einmal täglich zu wechseln, bei Durchfeuchtung trocknen zu lassen und die passende Größe zu wählen. Durch eine Maske werde die Viruslast im Raum jedenfalls reduziert, weil die großen Tröpfchen in dieser hängen bleiben.

Die gewöhnliche Maske aus Vlies, Stoff oder Polyester als Mund-Nasen-Schutz dient allerdings ausschließlich dem Fremdschutz, weil von außen ausgehustete Viren aus den zerstäubten Tröpfchen durch die Stoffporen dringen können. Besserer Fremd- und Selbstschutz ist mit den dicht sitzenden Schutzmasken der Klassen FFP1 bis FFP3 aus partikelfilterndem Material des Gesundheitsbereichs gegeben. Verfügen diese über ein Ausatemventil, ist allerdings wiederum nur der Träger geschützt: Denn Viren gelangen über das Ventil ungehindert nach draußen.

Und dennoch: Wenn auch Masken eine unterschiedliche Qualität haben und mit der Größe der Visiere deren Schutz zunehmend schwindet, so haben sie laut Suchomel zumindest einen Effekt: einen symbolischen. "Man wird daran erinnert, Abstand zu halten", sagt sie. Eine Schutzvorrichtung im weitesten Sinn also.