Wie geht's Österreich? Dieser Nationalfeiertag ist zweifellos ein besonderer. Nicht nur, weil das Land gerade dabei ist, sich wieder in den "Minimalmodus" zu begeben, und auch die Heeresschau am Heldenplatz coronabedingt nicht stattfindet, hat die Covid-Krise in gewisser Weise auch dazu geführt, dass sich das Land und viele seine Bürgerinnen und Bürger in den vergangenen Monaten tiefergehend mit dem Funktionieren der Republik auseinander gesetzt haben.

Anlässlich des 26. Oktober fragten wir bei Meinungsträgern nach, was gut und was schlecht läuft in diesem Land.

1. Was läuft gut in Österreich?
2. Was läuft schlecht?
3. Was ist die größte Herausforderung, vor der Land und Leute stehen?
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Stephanie Gräve
ist seit 2018 Intendantin am
Landestheater Vorarlberg

1. Die Kultur! Das ist eine tolle Erfahrung: wie selbstverständlich Kunst und Kultur Teil des Lebens sind. Selbst in diesen unsicheren Zeiten strömen die Menschen in die Theater, Konzerte und Museen. Die Kultur genießt hohe Wertschätzung bei der Bevölkerung, ist nicht nur ein nice to have, das in der Krise gleich über Bord geht. Im Gegenteil: man sehnt sich geradezu nach dem Kulturerlebnis.

- ©anja koehler | andereart.de
©anja koehler | andereart.de

2. Die Kultur! Das wiederum ist die andere Seite: so sehr das kulturelle Leben auch in der Bevölkerung verankert ist – es findet in der Krise leider viel zu wenig Rückhalt bei der Politik. Die Nöte und Notwendigkeiten der Institutionen und der freien Künstlerinnen und Künstler stehen sehr weit unten auf der politischen Agenda.

3. Der gesellschaftliche Zusammenhalt, denn das scheint mir die größte Gefahr in dieser Zeit: dass die Gesellschaft bricht. Dass die sozialen Gegensätze größer werden, dass uns jede Solidarität abhanden kommt, dass jede und jeder nur die eigene Existenz zu retten versucht. Dass wir gegeneinander in der Krise kämpfen, statt miteinander gegen die Krise. Um dem Bruch entgegen zu wirken, kann die Kultur eine große Rolle spielen: indem sie Vergemeinschaftungsereignisse schafft.

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