Um in der Corona-Krise Arbeitsplätze zu sichern, fordern Soziologen eine Arbeitszeitverkürzung mit staatlichen Zuschüssen. Entsprechende Modelle stellten die beiden Sozioökonominnen Stefanie Gerold von der TU Berlin und Miriam Rehm von der Universität Duisburg-Essen, sowie Jörg Flecker, Professor für Soziologie an der Uni Wien, am Dienstag bei einer Pressekonferenz der Initiative "Diskurs. Das Wissenschaftsnetz" vor.

Die meisten vorliegenden Studien kämen zum Ergebnis, dass Arbeitszeitverkürzungen eine geeignete Maßnahme seien, um Stellenabbau zu verhindern, sagte Gerold. Entscheidend sei aber die Art der Umsetzung. Denn käme es aufgrund der Reduktion der offiziellen Arbeitszeit zu vermehrten Überstunden oder Arbeitsverdichtung, trüge das nicht zur Sicherung von Beschäftigung bei.

Diskrepanz zwischen gesetzlicher und tatsächlicher Arbeitszeit

Um die höheren Kosten für Unternehmen durch kürzere Arbeitszeiten auszugleichen, schlug Gerold staatliche Zuschüsse vor. So würden weder Firmen zu stark belastet werden, noch müssten die Beschäftigten die Kosten alleine tragen. Die Sozioökonomin verwies auf das Beispiel Volkswagen. 1993 plante der Autobauer aufgrund einer Überproduktion einen großflächigen Stellenabbau. 30.000 Arbeitsplätze konnten aber schließlich gesichert werden, weil die Beschäftigten ihre Arbeitszeit von 36 auf 28,8 Stunden reduziert und auf 16 Prozent ihrer Einkommen verzichtet hätten.

"Es gab hier einen relativ hohen Einkommensverlust. Im Gegenzug konnten Beschäftigte ihre Jobs behalten", sagte Gerold. Als Möglichkeit, starke Einkommensverluste zu vermeiden, verwies sie auf das österreichische Solidaritätsprämienmodell des Arbeitsmarktservice (AMS).

Flecker verwies auf den sehr unterschiedlichen Personalbedarf verschiedener Branchen. Er schlug deshalb vor, statt der Sozialversicherungsbeiträge der Arbeitgeberseite auf eine Wertschöpfungsabgabe umzustellen. Entscheidend seien zudem Regeln, um sicherzustellen, dass die Arbeitszeit auch tatsächlich verkürzt werde. So gebe es etwa in Dänemark und Norwegen kaum Diskrepanz zwischen kollektivvertraglich vereinbarten und tatsächlichen Arbeitszeiten. In Frankreich sei dagegen die tatsächliche Arbeitszeit nach Einführung der 35-Stunden-Woche bald wieder auf 39 Stunden angestiegen.

Geschlechtergerechte Gestaltung

Rehm betonte zudem, dass die Corona-Krise die bestehende Tendenz verstärkt habe, wonach Frauen mehr unbezahlte Sorgearbeit leisteten als Männer. Weil sie den Großteil der Pflege- und vor allem Kinderbetreuungspflichten übernahmen, reduzierten Frauen die Erwerbsarbeit in der Pandemie deutlich stärker als Männer. Nicht wenige seien auch ganz aus der Erwerbsarbeit herausgefallen. Rehm forderte deshalb, eine Arbeitszeitverkürzung geschlechtergerecht zu gestalten.

Dazu schlug sie eine Viertagewoche vor. An den um 20 Prozent gestiegenen Kosten durch Reduktion der Arbeitszeit um ein Fünftel, könnten zehn Prozent die Arbeitnehmer selbst und fünf Prozent die Unternehmen tragen. Weitere fünf Prozent könnten nach dem von Rehm vorgestellten Modell durch staatliche Zuschüsse finanziert werden.