Bei der Sitzung der Ampel-Kommission am Donnerstag ist beschlossen worden, dass das gesamte Bundesgebiet auf Rot geschaltet wird. Mit Ausnahme von Kärnten, das ab morgen, Freitag, auf Orange gestellt wird, gehen auch sämtliche Bundesländer auf Rot, wie die Nachrichtenagentur Apa am Donnerstagabend aus Kreisen der Ampel-Kommission erfuhr.

Auf regionaler Ebene dominiert ebenfalls Rot. Rotlicht gilt uneingeschränkt für Wien, wo nicht nach einzelnen Bezirken differenziert wird, und für sämtliche Bezirke in Salzburg und Oberösterreich. In Tirol leuchten acht Bezirke in Rot, lediglich der Bezirk Reutte springt auf Orange. In der Steiermark herrscht mit einer Ausnahme - dem Bezirk Murau, der Gelb erhält - auch Rot vor.

Ähnliches gilt für das Burgenland, wo lediglich der Bezirk Güssing nicht Rot, sondern Orange bekommt. Orange sind in Niederösterreich die Bezirke Hollabrunn, Horn, Mistelbach und Scheibbs, der Rest soll auf Rot geschaltet werden. In Kärnten bekommt Spittal an der Drau Gelb, die Bezirke Villach-Stadt, Villach-Land, Klagenfurt-Stadt und Feldkirchen Orange. Der Rest erhält Rot. In Vorarlberg wird die Region Montafon-Brandnertal Rot, die Region Bregenzerwald/Kleinwalsertal Orange und das Große Walsertal sowie Klostertal/Arlberg Gelb.

Gespräche vor weiteren Maßnahmen

Der Grund für die rote Ampelschaltung sind die stark steigenden Corona-Zahlen. Innerhalb von 24 Stunden sind laut Gesundheits- und Innenministerium 4.453 Neuinfektionen registriert worden, die meisten in Niederösterreich. Das ist der bisher höchste Wert seit Ausbruch der Pandemie.

Die Regierung besprach am Donnerstag in einer Expertenrunde die Lage bezüglich der Intensivkapazitäten in Österreichs Krankenhäusern. Bei einer anschließenden Pressekonferenz erklärte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), dass am Samstag neue Verschärfungen bekannt gegeben werden. Zuvor wird die Regierung am Freitag mit den Sozialpartnern Gespräche führen, am Samstag dann mit den Parlamentsparteien und den Landeshauptleuten. Weitere Details wurden nicht genannt.

"Unsere Kapazitäten sind so wie in jedem Land beschränkt", sagte Kurz zu den Auslastungen in den Spitälern. Bei rund 6000 Neuinfektionen pro Tag komme man längerfristig an die Kapazitätsgrenze: "Das ist eine Situation, die werden wir nicht zulassen."

Anschober: "Akuter Handlungsbedarf"

Eine Überlastung des Gesundheitssystems würde nicht nur bedeuten, dass geplante Operationen verschoben werden müssten, sondern im Extremfall auch, dass Ärzte entscheiden müssen, wem geholfen wird oder nicht, sagte Kurz. In Frankreich müsse man bereits Krebsoperationen verschieben. "Wir haben in den Niederlanden und Tschechien die Situation, dass Patienten nicht mehr im eigenen Land versorgt werden können", so der Bundeskanzler.

Für das Allerheiligen-Wochenende verwies Kurz auf die Empfehlung, soziale Kontakte zu reduzieren und auf Familienzusammenkünfte zu verzichten. Kurz appellierte erneut an die Bevölkerung, die Maßnahmen mitzutragen: "Die Schritte, die wir als Bundesregierung setzen können, ist ein Teil, das andere ist das Mitmachen der Bevölkerung."

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) rechnet mit bis zu 5.800 Neuinfektionen pro Tag in der kommenden Woche. Setzte sich dieser Trend so fort, könne "eine Überschreitung der Kapazitätsgrenzen Mitte, Ende November eintreten", sagte Anschober. Deshalb gebe es nun "akuten Handlungsbedarf, um diese Entwicklung zu stoppen". Problematisch sei, dass derzeit der Altersschnitt steigt und vermehrt Infektionen in Alters- und Pflegeheimen auftreten.

2.000 Intensivbetten in Österreich

Herwig Ostermann, Geschäftsführer von Gesundheit Österreich, erläuterte, dass von 100 Neuerkrankten derzeit im Schnitt eine Person auf eine Intensivstation kommt und dort im Schnitt 12,5 Tage versorgt werden muss. Die Patienten werden "rasant mehr". Anfang bis Mitte November werden laut Prognose 400 bis 500 Patienten auf Intensivstationen liegen, sagte Ostermann. Diese sind auch "versorgbar". Im Schnitt gibt es 2.000 Intensivbetten in Österreich, belegt werden können laut Ostermann diese mit 1.800 Menschen. Ungefähr 60 Prozent davon benötigen die Betten akut, also nach Unfällen oder wegen nicht verschiebbarer Eingriffen. Somit gebe es ein Potenzial von 700 Betten, die in einem Notfall für Patienten zur Verfügung gestellt werden können.

Klaus Markstaller, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI), betonte, dass eine Erweiterung der Intensivkapazitäten kurzfristig nicht möglich sei. Werde die Intensivmedizin bei Neuinfektionszahlen über 6.000 an ihre Grenze gebracht, "dann wären wir nicht mehr in der Lage, bestmögliche Medizin bereitzustellen", warnte Markstaller.

Die Opposition war über den Regierungsauftritt empört. Die Neos wollen vor dem Gespräch am Samstag zu möglichen neuen Corona-Maßnahmen erst einmal genaue Kenntnis über die Zahlen erlangen. Die Regierung solle den Parteien erst einmal alle Daten der AGES zukommen lassen, forderte Vizeklubchef Nikolaus Scherak am Donnerstag. Jede einzelne Maßnahme brauche Evidenz, müsse verhältnismäßig sein sowie mit den Grundrechten im Einklang stehen.

Die stark gestiegene Zahl an Coronavirus-Patienten hat inzwischen in einigen Bundesländern zu Befürchtungen geführt, dass die Auslastungsgrenzen regional bald erreicht werden könnten. Am Donnerstag befanden sich 1.692 Menschen in Spitalsbehandlung, das sind um 192 Menschen mehr als noch tags zuvor. (apa)