Lässt sich das Virus auch ohne Lockdown bremsen?

Bisher nur in der Theorie. Sars-CoV-2 wird vor allem durch Superspreadings angetrieben. Epidemiologische Berechnungen ergaben, dass bis zu 80 Prozent aller Ansteckungen von nur 10 Prozent der Infizierten verursacht werden. Dabei spricht man von Überdispersion, und das sollte die Eindämmung durch kluges, schnelles Contact Tracing ermöglichen.

In der Realität haben fast alle Länder Europas Probleme bekommen. In Dänemark, Finnland und Norwegen ist das Infektionsgeschehen noch unter Kontrolle, allerdings ist auch in diesen Ländern ein Anstieg zu verzeichnen. Es gibt aber kein Land, das nur mit gutem Contact Tracing durch die Pandemie kommt, also ohne verordnete Kontaktbeschränkungen wie dem Schließen von Schulen und Lokalen, Reiserestriktionen und Ausgangssperren.

Die epidemiologische Bedeutung einer Übertragung in der präsymptomatischen Phase ist nicht gänzlich geklärt, doch es ist plausibel, dass diese Phase eine wesentliche Rolle spielt. Da jedoch "gesunde" Infizierte nur schwer zu finden sind, ist das Verhindern oder zumindest das Beschränken von Settings, in denen es zu Superspreadings kommen kann (Indoor, eng, viele Menschen, schlecht belüftet, laut), unverzichtbar.

Was ist das Ziel der Maßnahmen in Österreich?

Da sich das Virus direkt von Mensch zu Mensch überträgt, bietet nur der Nicht-Kontakt vollständigen Schutz. Bei allen physischen Kontakten lässt sich nur die Übertragungswahrscheinlichkeit reduzieren. Darauf zielte die Politik bei den Lockerungsmaßnahmen ab. Darunter fallen die Maskenpflicht, Hygienekonzepte für Veranstaltungen, Maximalkapazitäten und auch der verordnete Ein-Meter-Abstand.

Dass das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes nicht nur das Risiko einer Ansteckung senkt, wenn zwei Personen miteinander reden, sondern auch in der Gesamtheit epidemiologisch einen Nutzen hat, wurde unter anderem von Thomas Czypionka, Gesundheitsökonom beim IHS, dargelegt.

Parallel haben sich seit Sommer die Sozialkontakte wieder intensiviert. Die Menschen kehrten ins Büro zurück, gingen in Lokale, holten Feiern nach. Dazu kommt, dass selbst gute Präventionskonzepte für Veranstaltungen nur unmittelbar dort greifen. Doch die Besucher fahren in öffentlichen Verkehrsmitteln zu diesen Events, drängen sich im Theaterfoyer oder gehen nach dem Fußballmatch auf ein Bier, aus dem dann drei werden. Selbst bei reduzierter Übertragungswahrscheinlichkeit kann es in der Summe der Kontakte doch zu viele Ansteckungen kommen.

Die bisherigen Maßnahmen, etwa die Beschränkung von Veranstaltungen, hat nicht den gewünschten Effekt gehabt. Die jüngsten Verschärfungen dürften wohl auch zu spät gekommen sein bzw. hat sich das Tempo des Wachstums erhöht. Früher als gedacht gehen die Kapazitäten in den Spitälern zur Neige, sie müssen auf Kosten anderer Patienten erweitert werden. Das ist der Grund, weshalb die Regierung am Samstag weitreichende Maßnahmen zur Kontaktreduktion vorstellen wird. Die Risikobewertung der konkreten Situation, zum Beispiel ein Kinosaal, steht dabei nicht mehr im Vordergrund. Es geht generell um eine deutliche Abnahme der direkten Kontakte.

Was ist nun anders als im März?

Erstens hat sich die gesetzliche Grundlage geändert. So kann eine Ausgangsbeschränkung nur mehr für zehn Tage durch einen Beschluss des Hauptausschusses des Nationalrats verhängt (und verlängert) werden. Zweitens besteht viel mehr Wissen über das Virus. So wurden im März aufgrund der überragenden Rolle von Kindern bei Grippe-Epidemien sofort die Schulen geschlossen. Die Bedeutung von Kindern in der Corona-Pandemie ist zwar noch nicht restlos geklärt, doch vor allem präpubertäre Kinder dürften eine weitaus geringere Rolle spielen als bei der Grippe.

Drittens, und anderes als im März, sind die Kollateralschäden der Kontaktbeschränkungen mehr im Fokus. Das betrifft Verwerfungen im Bildungssystem, aber auch die Wirtschaft, weshalb Geschäfte offenbleiben. Dadurch soll der ökonomische Schaden begrenzt werden. Die Maßnahmen betreffen in den meisten Ländern vorwiegend den Freizeitbereich. Die Hoffnung ist, dass sich aber auch darüber hinaus die Kontakte reduzieren, wieder verstärkt von daheim gearbeitet wird und sich auch im schwer zu reglementierenden und schwer zu kontrollierenden Privatbereich die Zahl der Sozialkontakte reduzieren.

Wie lange wird die Phase dauern?

Bei der Lockdown-Phase im Frühjahr hat es in den einzelnen Ländern in Europa unterschiedlich lange gedauert, bis sich die Zahlen deutlich gesenkt haben. In Österreich passierte das rascher als etwa in Belgien, obwohl dort die (offiziellen) Infektionszahlen bei Lockdown-Beginn niedriger waren. Es ist offenbar nicht trivial, wie gut Lockdowns wirken. Tschechien hat zum Beispiel im Herbst die Trendwende noch nicht wirklich geschafft, obwohl dort sogar Schulen und die meisten Geschäfte geschlossen sind.

Die Wirksamkeit steht und fällt mit der Akzeptanz und der Mitwirkung. Übertretungen können zwar sanktioniert werden, aber schon im ersten Lockdown hat das Abstrafen von Sonnenanbetern auf einer Parkbank oder einem Jogger, der erlaubterweise lief, aber verbotenerweise einen Klimmzug machte, für Aufregungen gesorgt. Es ist jedenfalls damit zu rechnen, dass die Phase der verordneten Kontaktbeschränkung zumindest einige Wochen dauern wird - unabhängig vom vorläufigen Plan, diese Maßnahmen Ende November wieder aufzuheben.

Wie geht es dann langfristig weiter?

Wenn die Infektionszahlen wieder deutlich gesunken sind, kann wieder das zuletzt weitgehend zusammengebrochene Contact Tracing greifen. Der Anteil abgeklärter Fälle ist in nur einer Woche von 60 auf 43 Prozent gesunken. In den kommenden Wochen müssen die zuständigen Bundesländer dennoch weiter in den Ausbau der personellen Ressourcen investieren. Das Kontaktpersonenmanagement muss sich auch professionalisieren. In diesem Punkt hat die Politik versagt, wenngleich auch gutes Contact Tracing allein offenbar nicht ausreicht.

Eine Hoffnung bringen auch die Antigen-Schnelltests, die derzeit auf den Markt kommen - und in großen Mengen aufgekauft werden. Wien hat die Anschaffung von zwei Millionen solcher Tests verkündet. Eine interne Untersuchung im LKH Graz hat ergeben, dass, erstens, einige angebotene Test nicht das halten, was die Hersteller versprechen, zweitens jedoch, dass sie gut darin sind, Personen mit hoher Viruskonzentration zu finden. Das sind meistens präsymptomatische Personen, da nach Krankheitsausbruch die Viruslast recht schnell abfällt.

Derzeit wird auch geprüft, ob die Antigentests, bei denen derzeit noch ein Rachenabstrich notwendig ist (und damit geschultes Personal), auch mit Gurgeln funktionieren. Das würde dann auch die Anwendung im Hausgebrauch ermöglichen - vor dem Besuch der Großmutter; vor dem Weihnachtsfest; vor der Silvesterparty.

Ob durch diese Tests potenzielle Superspreader, die man bisher meist nur zufällig findet, künftig früh entdeckt werden können? Es passiert, dass die Tests manchmal auch hochinfektiöse Personen übersehen. Das kann im Einzelfall tragisch enden, für das gesamte Infektionsgeschehen muss das noch nicht dramatisch sein. Man muss es aber bedenken.

Die Antigentests sind jedenfalls höher skalierbar, doch gibt es auch da Grenzen. Die Vorstellung, dass sich dadurch wieder ein normales Veranstaltungsleben etablieren wird, Besucher von Länderspielen, Konzerten und Diskotheken am Eingang massenweise getestet werden können, ist vorerst ferne Zukunftsmusik. Dazu reichen die Kapazitäten nicht. Doch es könnte, kombiniert mit anderen Testsystemen, in jenen Bereichen, in denen Kontakte nur schwer beschränkt werden können (Spitäler, Pflegeheime, Schulen, Fabriken), das Risiko von Covid-Clustern deutlich reduziert werden.