Vieles ist noch ungewiss, allmählich zeigt sich aber ein klareres Bild: Immer mehr Details zum Terroranschlag in der Wiener Innenstadt werden bekannt. Innenminister Karl Nehammer (ÖVP), der Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, Franz Ruf, sowie der Wiener Polizeipräsident, Gerhard Pürstl, informierten über die Ermittlungen und die aktuelle Lage zum Anschlag in Wien.

Die "Wiener Zeitung" gibt einen Überblick zum aktuellen Stand.

Wie ist die Tat verlaufen?

Der Anschlag begann am Montag gegen 20 Uhr im Ausgehviertel Bermuda-Dreieck am Wiener Schwedenplatz. In der Gegend waren am letzten Abend vor dem Corona-Abend und bei mildem Wetter zahlreiche Menschen unterwegs. Der Attentäter war mit einer automatischen Langwaffe, einer Faustfeuerwaffe und Machete bewaffnet. Außerdem trug er einen Sprengstoffgürtel, der sich als Attrappe herausstellte.

Der genaue zeitliche Ablauf des Anschlags konnte am Dienstag noch nicht geklärt werden. In der Wiener Innenstadt gab es sechs bestätigte Tatorte: Ausgangspunkt war die Seitenstettengasse in unmittelbarer Nähe der Synagoge, der Morzinplatz, das Salzgries, der Fleischmarkt, der Bauernmarkt und der Graben.

Fest steht, dass ein Opfer beim Fleischmarkt getötet wurde, ein weiteres am Franz Josefs Kai. Auf einen Polizisten feuerte der Terrorist ebenfalls am Franz Josefs Kai. Am Ruprechtsplatz tötete er eine Kellnerin. An derselben Adresse wurde der Attentäter später von Polizeikräften erschossen.

Nach Beginn des Attentats langten mehrere Notrufe bei der Polizei ein. Die Exekutive setzte eine Alarmmeldung ab. Es kam zu einer Schießerei zwischen Polizei und Attentäter. Neun Minuten danach, um 20:09, wurde der Täter laut Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) "neutralisiert".

Nach der Auswerung der Videos wurde am Mittwoch die Ein-Täter-Theorie bestätigt. Insgesamt seien der Polizei mehr als 20.000 Videos übermittelt worden, sagte Nehammer.

Welche Informationen gibt es zu den Opfern?

Insgesamt vier Menschen hat der 20-Jährige Attentäter bei seinem Anschlag am Montagabend in Wien erschossen. Dabei handelt es sich um einen 39-jährigen Österreicher sowie eine 44-jährige Österreicherin und zwei ausländische Staatsbürger - eine 24-jährige Deutsche und einen 21-jährigen Mazedonier. Insgesamt 13 weitere Opfer erlitten Schussverletzungen, sagte Manfred Reinthaler, Vorstand der Pressestelle der Wiener Polizei am Mittwoch der APA.

Bei der 24-jährigen handelte es sich um eine Kellnerin, sie wurde vor einem Lokal am Ruprechtsplatz erschossen. Der 21-jährige Mazedonier wurde an der Ecke Fleischmarkt/Bauernmarkt erschossen, der 39-jährige Österreicher vor einem Fast-Food-Lokal am Schwedenplatz. Außerdem erlag eine 44-jährige Frau ihren Schussverletzungen im Spital.

Dazu zählten die Behörden weitere 23 Verletzte im Alter von 21 bis 43 Jahren. Unter ihnen sind laut Reinthaler sieben Frauen. 13 Verletzte - inklusive des 28-jährigen Polizisten - erlitten Schussverletzungen, die anderen zogen sich beispielsweise durch Splitter Wunden zu oder auf der Flucht. Der Großteil der Verletzten sind Österreich, aber auch Staatsbürger aus Deutschland, der Slowakei, Luxemburg, Afghanistan, Bosnien und Herzegowina befinden sich unter ihnen. Nach Angaben des Polizeisprechers wurde ein großer Teil der Verletzten bereits in häusliche Pflege entlassen. Laut dem Wiener Gesundheitsverbunds wurden am Mittwoch noch drei Verletzte auf Intensivstationen behandelt, ihr Zustand war stabil. Zehn weitere Betroffene wurden noch auf Normalstationen behandelt.

Was ist über den Täter bekannt?

Der Attentäter Kujtim F., der bei dem Anschlag in der Innenstadt von der Polizei erschossen worden ist, war 20 Jahre alt. Laut Innenministerium handelt es sich zweifelsfrei um einen Anhänger des IS. Er wurde am 25. April 2019 zu 22 Monaten Haft verurteilt. F. hatte versucht, nach Syrien auszureisen und sich dem IS anzuschließen. In der Türkei wurde er von den Behörden aufgegriffen, am Grenzübertritt nach Syrien gehindert, festgenommen und zurück nach Österreich geschickt.

Dienstagabend wurde bekannt, dass die Terrormiliz IS den Anschlag für sich reklamiert. Ein "Soldat des Kalifats" habe die Attacke mit Schusswaffen und einem Messer verübt und am Montagabend in der Innenstadt rund 30 Menschen getötet oder verletzt, darunter auch Polizisten, teilte der IS am Dienstag auf seiner Plattform Nashir News mit.

"Er stammte aus einer vollkommen normalen Familie. Für mich war das ein Jugendlicher, der das Pech gehabt hat, an die falschen Freunde zu geraten. Wäre er nicht in eine Moschee, sondern zum Boxen gegangen, wäre er Boxer geworden", meinte der Wiener Strafverteidiger Nikolaus Rast. Er hat F. bei dessen Terror-Prozess verteidigt. "Ich hätte das nie für möglich gehalten, dass er zum Attentäter wird", sagte Rast.

Der Strafverteidiger vermutet, dass F. sich als Teenager in einer Moschee, die er regelmäßig besuchte, radikalisiert hatte. Sein ehemaliger Mandant sei ein orientierungsloser Jugendlicher gewesen, der einen Platz im Leben gesucht habe, meinte Rast.

Er soll regelmäßiger Besucher jener Moschee gewesen sein, die bereits mehrmals in Zusammenhang mit der radikal-islamischen Szene genannt wurde. Dabei soll es sich um ein Objekt in der Hasnerstraße in Wien-Ottakring handeln, wie am Mittwoch mehrere Medien berichteten. Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) distanzierte sich gegenüber der APA von der Moschee, diese stehe nicht unter der Kontrolle der Glaubensgemeinschaft, hieß es.

In der besagten Moschee sollen sich unter anderem der Islamist Mohamed M. sowie der als IS-Terrorist zu neun Jahren Haft verurteilte Lorenz K. regelmäßig aufgehalten haben. Ob der Attentäter von Wien jemals Kontakt mit den beiden hatte, ist derzeit noch nicht bekannt. Laut IGGÖ soll der Täter "nicht aus unserer unmittelbaren Religionsgemeinschaft" gekommen sein.

Im Dezember 2019 wurde F. vorzeitig aus der Haft entlassen. Ein Verfahren zur Aberkennung seiner Staatsbürgerschaft scheiterte.

Spuren des Attentäters führen in die Schweiz, wo am Dienstag in Winterthur zwei Personen festgenommen worden waren, die in engem Kontakt mit ihm gestanden sein sollen. Wie die slowakische Polizei am Mittwoch in einem Facebook-Posting bestätigte, soll der 20-Jährige im Sommer versucht haben, dort Munition zu kaufen. Der Versuch sei gescheitert. Unmittelbar danach wurden aber laut der slowakischen Polizei die österreichischen Kollegen informiert. Ein Sprecher des Innenministeriums hatte dies am Dienstagabend gegenüber der Süddeutschen Zeitung bestätigt. Gegenüber der APA gab es am Mittwoch dazu zunächst keine Stellungnahme.

Der "Kurier" berichtete am Mittwoch online, dass das Wiener Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (LTV) den Hinweis im Oktober erhielt. Der 20-Jährige soll bei seiner Fahrt in die Slowakei außerdem von einem weiteren Mann begleitet worden sein. Laut "Süddeutscher Zeitung" wurde für die Reise offenbar ein Auto verwendet, das auf die Mutter eines der Polizei bekannten Islamisten angemeldet ist.

Warum wurde er vorzeitig aus der Haft entlassen?

Während der Ermittlungen und nach seiner Verurteilung wurde F. laut Rast von einem Bewährungshelfer und dem Verein Derad betreut, der auf die Deradikalisierung radikalislamistischer Straftäter spezialisiert ist. Offenbar wurde er Ende 2019 als nicht mehr gefährlich eingestuft. Denn sonst wäre seine vorzeitige, bedingte Haftentlassung mit 5. Dezember nicht bewilligt worden. Gegen Auflagen wurde er auf freien Fuß gesetzt und bekam einen Bewährungshelfer sowie eine Betreuung des auf Deradikalisierung spezialisierten Vereins Derad beigestellt.

Innenminister Nehammer kritisierte, dass der Attentäter vorzeitig, bedingt aus seiner Freiheitsstrafe entlassen worden war. Der 20-Jährige habe es geschafft, "das Deradikalisierungsprogramm der Justiz zu täuschen", sagte Nehammer. Gegenüber dem Bewährungshelfer habe er sich "besonders bemüht" gegeben, so Nehammer. Bei den Terminen mit Derad sei er bestrebt gewesen, nach außen hin dem Bild eines in die Gesellschaft integrierten jungen Mannes zu entsprechen. In Wahrheit habe der 20-Jährige aber "ganz bewusst das System zerstören" wollen, hielt der Innenminister fest.

Justizministerin Alma Zadic (Grüne) hat die vorzeitige Entlassung des Wiener Terror-Attentäters verteidigt. Wie gesetzlich vorgesehen, sei er am 5. Dezember 2019 nach zwei Dritteln Haft bedingt entlassen worden, unter Auflage regelmäßiger Kontakte zu Neustart und Derad. Das Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung sei informiert worden.

Der Täter wurde, berichtete Zadic in einer Aussendung, am 12. Jänner 2019 in eine Justizanstalt eingeliefert und anschließend in U-Haft genommen. Am 25. April 2019 wurde er zu einer Freiheitsstrafe von 22 Monaten verurteilt, insbesondere, weil er versucht hatte, nach Syrien auszureisen und sich dort dem IS anzuschließen. Dieses Urteil hat das Oberlandesgericht Wien mit Rechtsmittelentscheidung vom 12. Juli 2019 bestätigt.

Wie gesetzlich vorgesehen, wurde er am 5. Dezember 2019 nach zwei Dritteln der Haftzeit vorzeitig mit drei Jahren Probezeit bedingt entlassen. Grundsätzlich würden bedingte Entlassungen nach zwei Drittel der Haftzeit ausgesprochen, wenn die Voraussetzungen vorliegen - und zwar unter Auflage einer Probezeit von drei Jahren zur spezifischen Behandlung, Betreuung und laufender Kontrolle. Damit könne über die Haftzeit hinaus auf den Täter eingewirkt werden. Bei voller Abbüßung der Haftstrafe - was im konkreten Fall eine Entlassung im Juli 2020 bedeutet hätte - gebe es keine Möglichkeit für solchen Einfluss auf den Täter, betonte Zadic.

Wie verlaufen die Ermittlungen?

Noch in der Nacht auf Dienstag wurde die Wohnung des Attentäters mit Sprengstoff geöffnet und eine Hausdurchsuchung durchgeführt. Zudem gab es auch im Umfeld des Täters umfangreiche Großrazzien. Insgesamt wurden am Dienstag 18 Hausdurchsuchungen durchgeführt. "Die Beweismittel werden aktuell gesichtet und ausgewertet", sagte der Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, Franz Ruf.

Das Innenministerium überprüft auch das Bekennerschreiben des IS, welches Dienstagabend bekannt wurde. Es könne noch nicht gesagt werden, ob dieses echt sei oder nicht.

Laut Innenministerium wurden 14 Personen vorläufig festgenommen. Sie stammen aus dem Bekannten- und Freundeskreis des 20-Jährigen. Nach ersten Erkenntnissen gab es keine Hinweise, dass sie aktiv in den Anschlag involviert waren. Entgegen erster Berichte befinden sich die 14 Verdächtigen noch nicht in Untersuchungshaft. Sie würden noch immer von der Polizei einvernommen und nocht nicht in eine Justizanstalt überstellt. Dies teilte Nina Bussek, Sprecherin der Staatsanwaltschaft, der Austria Presse Agentur mit.

Die Hilfe der Bevölkerung war überwältigend", sagte Nehammer. Die Ermittler haben ein Terrabyte an Daten erhalten, insgesamt wurde bisher etwa die Hälfte der insgesamt 20.000 Videos ausgewertet.

Oberösterreichs Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) bestätigte am Dienstag in Linz eine Hausdurchsuchung und eine Festnahme in Linz. Auch St. Pölten rückte in den Fokus der Ermittlungen. An zwei Adressen in der niederösterreichischen Landeshauptstadt fanden Hausdurchsuchungen statt. Seitens der Polizei standen anschlagbezogen 1.000 Polizisten im Dienst. Die städtische Infrastruktur und öffentliche Räume wurden gesichert, zum Objektschutz stellte das Bundesheer 75 Soldaten ab.

Was haben die beiden in der Schweiz Verhafteten mit dem Anschlag zu tun?

In der Schweizer Stadt Winterthur wurden am Dienstag ein 18- und ein 24-Jähriger festgenommen. Die Oberstaatsanwaltschaft Zürich bestätigte am Mittwoch, dass diese in Terror-Verfahren involviert seien. Diese Strafverfahren der Schweizer Bundesanwaltschaft (BA) seien 2018 und 2019 im Bereich Terrorismus eröffnet worden und zurzeit noch am Laufen, erklärte Mediensprecher Christian Philipp am Mittwoch auf APA-Anfrage.

Der Ältere der beiden Verhafteten sei Beschuldigter in einem dieser Strafverfahren. Im direkten Zusammenhang mit dem Anschlag in Wien habe die Bundesanwaltschaft "derzeit kein Strafverfahren" eröffnet, betonte Staatsanwalt Philipp weiter. Ob Untersuchungshaft beantragt wird, sei noch offen. Über weitere Details und auch über die konkreten Verbindungen will die Schweizer Justiz vorerst keine Angaben machen. Die Schweizer Justizministerin Karin Keller-Sutter hatte am Dienstagabend gesagt, dass es sich bei den Verhafteten um "Kollegen" des Attentäters gehandelt habe. Es habe auch Treffen gegeben.

Wie geht es am Mittwoch weiter?

Am Mittwoch findet ein online abgehaltener Ministerrat statt und eine Sondersitzung des Wiener Stadtsenats. Am Nachmittag tagt der Nationale Sicherheitsrat. Die Schulen sollen am Mittwoch wieder normal in Betrieb sein, nachdem am Dienstag die Schulpflicht ausgesetzt war. Auch die Geschäfte in der Innenstadt, die geschlossen waren, werden wieder wie gewohnt öffnen.

Wie reagiert die Welt?

Die italienische Polizei hat die Kontrollen rund um Bahnhöfe, Flughäfen, Botschaften, Monumente und Basiliken verschärft. Laut den Behörden gäbe es zwar keine Hinweise auf drohende fundamentalistische Anschläge in Italien, es sei aber wichtig, die Sicherheitsvorkehrungen zu verschärfen. Nach dem Anschlag in Wien hatte die italienische Innenministerin Luciana Lamorgese am Dienstag den Nationalen Sicherheitsrat einberufen. Dabei wurde die Lage nach den jüngsten Anschlägen in Nizza und Wien geprüft. So verschärfte Italien die Sicherheitskontrollen an den Grenzübergängen zu Österreich, angefangen vom Brenner an der Grenze zwischen Tirol und Südtirol. An den Kontrollen beteiligt sich auch das italienische Heer.