Von hundert Covid-19-Patienten benötigen fünf ein Spitalsbett. Ein Patient muss intensivmedizinisch betreut werden. Im Moment befinden sich laut der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) 431 Covid-19-Patienten auf der Intensivstation, es werden stetig mehr - etwa 2.000 Betten gibt es. Zwischen 90 und 95 Prozent von diesen sind aber laut Intensivmedizinern schon im Normalbetrieb mit Patienten belegt: Die eklatante Zunahme von Neuinfektionen (laut Ages rund 6.500 am Freitag bei knapp 74.000 aktiven Fällen, 1.318 Menschen sind bereits gestorben) sei ein Problem, wenn man bestmögliche Betreuung liefern möchte, und die Intensivstation die teuerste Ressource in einem Krankenhaus.

Die Frage, was passiert, wenn es schließlich mehr Patienten mit dem gleichzeitigen Bedarf an Intensivmedizin als Intensivbetten gibt, gewinnt bedrohlich an Aktualität. Und mit ihr die Angst, womöglich selbst einmal als Covid-19-Patient nicht adäquat behandelt werden zu können. Christiane Druml beleuchtet dieses Szenario aus bioethischer Sicht. Sie spricht sich dafür aus, dass transparent vermittelt wird, warum welche Maßnahmen beschlossen werden, damit sie die Menschen auch einhalten - und es erst gar nicht zu kritischen Entscheidungssituationen in den Spitälern kommt.

Christiane Druml ist Juristin und Bioethikerin und seit 2007 Vorsitzende der österreichischen Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt. Seit 2012 ist sie Direktorin des Josephinums - Ethik, Sammlungen und Geschichte der Medizin - sowie Inhaberin des Unesco-Lehrstuhls für Bioethik an der Medizinischen Universität Wien. - © BKA
Christiane Druml ist Juristin und Bioethikerin und seit 2007 Vorsitzende der österreichischen Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt. Seit 2012 ist sie Direktorin des Josephinums - Ethik, Sammlungen und Geschichte der Medizin - sowie Inhaberin des Unesco-Lehrstuhls für Bioethik an der Medizinischen Universität Wien. - © BKA

"Wiener Zeitung":Am Tag vor dem zweiten Lockdown gab es den Terroranschlag in Wien: Die Angst vor dem Coronavirus wurde am Montagabend durch die Angst vor dem Terror nahezu überdeckt.

Christiane Druml: Ich habe derzeit fast mehr Sorge vor dem Coronavirus als vor einem weiteren Terroranschlag. Denn das Virus kann von Menschen kommen, mit denen man eng verbunden ist. Es ist nicht der Feind, den man mit der Waffe in der Hand erkennt.

Ist auch jene Angst berechtigt, dass es aufgrund der steigenden Anzahl an Neuinfektionen bald zu wenige Intensivbetten geben wird?

Beim zweiten Lockdown wird es ja nun - anders als beim ersten im Frühling - so gehandhabt, dass der Betrieb im Krankenhaus nicht von vornherein heruntergefahren wird, was andere notwendige Operationen betrifft. Außerdem muss man davon ausgehen, dass es eine ganze Anzahl anderer Patienten zum Beispiel mit einem Herzinfarkt oder einer Transplantation gibt, die auch in Normalzeiten die Intensivstationen bereits bis zu 95 Prozent belegen. Zwischen diesen und den Covid-19-Patienten wird kein Unterschied gemacht. Ob jemand ein Intensivbett bekommt, ist immer in Bezug auf die Dringlichkeit und Behandlungsnotwendigkeit zu sehen.

Ist jedes Bett auf der Intensivstation gleich aufwendig und teuer? Durchschnittlich spricht man ja von rund 1.600 Euro pro Bett und Tag.

Speziell bei Covid-19 kommen mehrere Aspekte dazu. Dadurch, dass es so infektiös ist, muss man die Intensivbetten in irgendeiner Form voneinander trennen. Außerdem müssen die Ärzte eine ganz andere Form des Schutzes in Bezug auf Kleidung und Hygiene berücksichtigen als bei nicht infektiösen Patienten - Covid-19-Patienten sind dadurch um vieles aufwendiger. Auch der pflegerische Aufwand ist um vieles höher. Die Betten sind also die eine Sache, wir haben aber seit längerem auch einen chronischen Mangel an ausgebildeten Pflegekräften. Und: Covid-19-Patienten haben eine wesentlich längere Liegedauer als andere, die oft nur ein paar Tage zur Überbrückung auf der Intensivstation liegen. Das kommt hier alles erschwerend hinzu.

Könnte es dadurch gerade bei diesem zweiten Lockdown zu einer kritischen Entscheidungssituation kommen, wenn nicht mehr ausreichend Ressourcen zur Verfügung stehen - und in Folge zu einer Triage-Entscheidung, wer das Intensivbett letztendlich bekommt?

Ja, denn das Problem bei Covid-19 ist, dass bei steigenden Infektionszahlen zu viele Menschen gleichzeitig erkranken und daher auch zu viele gleichzeitig Intensivmedizin und künstliche Beatmung benötigen können. Bezüglich Covid-19 hat die Bioethikkommission bereits Anfang März einen Leitfaden herausgegeben, wie man aus ethischer und rechtlicher Sicht Mangelsituationen begegnen kann - zum Glück wurde dieser bis jetzt nicht relevant, weil es noch keine Überlastung gegeben hat.

Die grundsätzliche Situation ist aber eigentlich nicht anders als bei allen anderen medizinischen Entscheidungen: Bei jedem Patienten, der auf die Intensivstation aufgenommen wird, muss erstens die Indikation für die Behandlung vorhanden sein und zweitens das Therapieziel definiert sein. Drittens braucht es die Zustimmung des Patienten zu einer Behandlung. Unter Wahrung der klinischen Verantwortung muss man diese Entscheidungen bei jeder Erkrankung treffen. Dafür muss der gesamte Mensch betrachtet werden mit all seinen Vorerkrankungen, mit seinem Alter und vor dem Hintergrund der Behandlungsmöglichkeiten.

"Mit seinem Alter": Bedeutet das, dass vor allem bei älteren Personen das Therapieziel unter Umständen nicht mehr erreichbar scheint?

Das Therapieziel hängt per se nicht vom Alter ab, sondern vielmehr von der Grundsituation. Ein 76-Jähriger kann fantastisch beisammen und gesund sein und eine wesentlich höhere Chance haben als ein schwerer erkrankter Jüngerer, die Intensivstation wieder gesund zu verlassen. Wir sind eine Gesellschaft, die sich um Junge und Alte gleichermaßen kümmert.

Inwieweit war das Abschotten älterer Menschen in Alten- und Pflegeheimen vor allem während des ersten Lockdowns vertretbar, im Zuge dessen einige einsam verstorben sind?

Das geht auf gar keinen Fall. Ich kann aus ethischer Sicht Betreuung und eine Sterbebegleitung niemals unterlassen. Das ist etwas ganz Wesentliches. Da hat man im ersten Lockdown vielleicht etwas übertrieben gehandelt. Zum Glück gibt es jetzt mehr Möglichkeiten unter Wahrung der Sicherheit, ältere Menschen zu besuchen, zum Beispiel die Antigentests, um schnelle Informationen über eine Infektion zu gewinnen.

Welche Maßnahmen sind aus ethischer Sicht im Hinblick auf die Gesundheit der Gesellschaft vertretbar?

Zum Beispiel sind Schutzimpfungen vorrangig für das Gesundheitspersonal, weil es selber geschützt werden muss und wir es uns nicht leisten können, dass dieses ausfällt. Bevor es eine Impfung gegen Covid-19 gibt, wäre die Influenza-Impfung wichtig, weil es dann insgesamt weniger Infektionen gibt und damit weniger Zweifel, ob jemand Covid-19 oder die Grippe hat. Wir haben als Bioethikkommission in Bezug auf eine mögliche Impfpflicht Folgendes gesagt: Ein Einschnitt in das Grundrecht des Privatlebens, in die persönliche Freiheit, ist dann denkbar, wenn die Maßnahme, die getroffen wird, geringfügig ist - zum Beispiel ein Stich -, die Erkrankung, die vermieden werden kann, aber schwerwiegend. Und: Wenn für die gesamte Bevölkerung etwas Gutes getan wird, ein Nutzen vorhanden ist. Das hängt aber natürlich auch damit zusammen, wie gut wirksam und verträglich diese Impfung sein wird. Die Impfung an sich ist jedenfalls das gelindere Mittel als zum Beispiel wochenlang in Quarantäne zu gehen.

Wie könnte man den Widerstand der Menschen gegen Maßnahmen wie diese gering halten?

Wir müssen leicht verständlich erklären, warum welche Maßnahmen beschlossen wurden, auf Basis welcher wissenschaftlichen Erkenntnisse und Fallzahlen. Während des ersten Lockdowns waren alle noch durch Fernsehberichte zu Covid-19-Toten und überfüllten Spitälern aus Frankreich und Italien geschockt, dadurch war es akzeptabler für alle. Jetzt müssten alle Informationen auf den Webseiten der Regierung klar nachvollziehbar für alle vorhanden sein.