Die täglichen Meldungen über eine Rekordanzahl an Neuinfektionen mit dem Coronavirus reißen nicht ab. Sollte diese Anzahl in den nächsten Tagen nicht sinken, könnte das weitere, einschneidende Folgen haben: Denn dann soll eine Verschärfung der Maßnahmen kommen, kündigte Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) an. Die Frage ist also: Wann fallen die Zahlen?

Die aktuell noch steigende Anzahl ist vermutlich großteils den Infektionen vor dem zweiten Lockdown am 3. November geschuldet. Denn die Inkubationszeit, also der Zeitraum zwischen Ansteckung und Beginn der Symptome, beträgt laut der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit bis zu 14 Tage, im Mittel 5 bis 6 Tage. Am Montag zählte das Innenministerium 5.593 Neuinfektionen binnen 24 Stunden, 4.135 waren es am Montag der Vorwoche (2. November). 1.454 Menschen sind bisher mit Covid-19 verstorben.

Blickt man auf andere Länder, die schon etwas länger im Lockdown sind, so zeigt sich anhand des 7-Tages-Durchschnitts, wann die Zahlen fielen: in Slowenien zum Beispiel nach elf Tagen, in Israel nach 15, in Tschechien nach 14 Tagen. In Tschechien kam der Lockdown allerdings etappenweise. Die Schulen wurden zuerst geschlossen, die Geschäfte dann eine Woche später.

Sollte Österreichs Lockdown diese Woche keine Wirkung zeigen, ist eine zweite, schärfere Etappe jedenfalls wahrscheinlich. "Die nächsten Tage werden zu Tagen der Weichenstellung. Kommt es zu keiner Entspannung durch Wirksamkeit des Teil-Lockdowns, dann werden wir den Teil-Lockdown verschärfen müssen", sagte Anschober am Sonntag. Welche Verschärfungen konkret gemeint sind, wird vermutlich - sollte es dazu kommen - erst am Ende der Woche klar sein, wenn die Maßnahmenpakete für gewöhnlich verkündet werden. Schon jetzt sorgt aber eine mögliche Variante für heftige Diskussionen: das komplette Schließen der Schulen.

Evaluation des Fernunterrichts

Seit der Vorwoche werden ja lediglich die Oberstufenschüler zuhause im Fernunterricht unterrichtet. Die restlichen Schulen sind nach wie vor geöffnet. Am Ende der Vorwoche hatten sich Gesundheitsminister Anschober, Bildungsminister Heinz Faßmann als auch Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) zwar noch gegen eine baldige flächendeckende Schließung aller Schulen ausgesprochen. Vielmehr solle zunächst der Wechsel der Oberstufen in den Fernunterricht nach zwei Wochen evaluiert und erst dann über das weitere Vorgehen entschieden werden, hatte Faßmann am Donnerstag gemeint. So ganz sicher dürfte das Offenhalten aber nicht mehr sein. Denn laut Anschober will nun die Regierung am kommenden Freitag zusammentreten und über weitere nötige Schritte diskutieren.

Sollte sich die Lage in einem bestimmten Bereich dramatisch verändern, könnte man auch kurzfristig eingreifen, sagte Anschober. Nach einem dreistündigen Gespräch zum Thema Coronavirus mit den Vertretern der Parlamentsparteien am Montag sagte er: "Die nächsten Tage entscheiden darüber, ob die Infektionszahlen weiter steigen und auf unsere Intensivstationen große Probleme zukommen."

Die Neos haben bereits eine Petition für offene Schulen gestartet, und auch SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner hatte sich stets für diese ausgesprochen. Aus ökonomischer Sicht ziehen Schulschließungen jedenfalls "hohe individuelle und gesellschaftliche Kosten nach sich", hieß es in einem neuen Wifo-Positionspapier. Diese Kosten könnten direkt über Einkommenseinbußen entstehen oder indirekt etwa über steigende Gesundheitskosten wegen fehlender Bewegung oder psychischer Belastung. Besonders betroffen dürften jüngere Kinder sein, die noch umfassende Unterstützung beim "Erlernen von Lernen" benötigen.

Europa agiert uneinheitlich

Europaweit gibt es kein einheitliches Vorgehen, was die Frage des Offenhaltens beziehungsweise Schließens der Schulen betrifft. Die meisten großen Länder wie Deutschland, Frankreich, Spanien, Großbritannien oder Schweden haben die Schulen generell geöffnet, andere Staaten wie Tschechien, Slowenien oder Polen schlossen sie. Eine dritte Gruppe - darunter Österreich, Italien und Griechenland - differenziert nach Alter und ordnete den Fernunterricht für ältere Schüler an.