In ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit hat sich die heutige SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner jahrelang mit Impfprogrammen auseinandergesetzt. Als Sektionschefin im Gesundheitsministerium hat die Tropenmedizinerin dann die nationalen Impfpläne in Österreich verantwortet. Und einen solchen fordert Rendi-Wagner nun auch speziell für Corona.

Seit Montag ist eine Impfung gegen das Coronavirus nicht bloß eine vage Hoffnung, sondern wirklich ein seriöses Versprechen durch die positiven Zwischenergebnisse von Pfizer/Biontech. Aber es gibt noch zu viele offene Fragen, die für die Erstellung eines Impfplans wesentlich sind. Rendi-Wagner erwartet noch andere Vakzine, ob diese für alle Bevölkerungsgruppen gleich wirksam sind, ob sie überhaupt für alle zugelassen werden, ist aber noch völlig unsicher. Die Grippe-Impfung sei etwa für die Risikogruppe der betagten Personen nicht sehr wirksam (weshalb es epidemiologisch sinnvoll ist, Kinder bei der Influenza zu impfen, da sie bei der Grippe sehr relevante Übertragungsfaktoren sind).

"Man muss rechtzeitig die Verfügbarkeit vorbereiten", sagt Rendi-Wagner bei einem Pressetermin in Wien. Wichtig sei eine zentrale Koordinierung, es dürfe nicht zu neun verschiedenen Impfplänen in Österreich kommen, also einem für jedes Bundesland. Grundsätzlich sei sie auch für eine Einheitlichkeit innerhalb Europas, immerhin gibt es zwischen den Mitgliedstaaten trotz Corona viel Bewegung. "Auf jedem EU-Ministerrat ist das diskutiert worden", sagt die frühere Gesundheitsministerin.

Was die EU immerhin geschafft hat, ist eine gemeinsame Beschaffung. Nur einen Tag nach dem Zwischenergebnis von Pfizer/Biontech meldete die EU-Kommission, dass sie einen Vertrag zur Lieferung abgeschlossen habe. Österreich wird nach Auskunft des Gesundheitsministeriums etwa zwei Prozent der zur Verfügung stehenden Impfdosen erhalten, das entspricht dem Anteil der österreichischen Bevölkerung in der EU.

Wie schnell entsprechende Mengen produziert werden können, ist zwar noch unklar, aber man kann davon ausgehen, dass zunächst nur wenige spezielle Gruppen geimpft werden können, etwa das Personal im Gesundheits- und Pflegebereich sowie, wenn die Impfung für sehr Betagte wirksam und verträglich ist, Bewohnerinnen und Patienten, da sie von der Krankheit Covid-19 besonders betroffen sind. Im Gesundheitsministerium bestätigt man, dass es einen zentralen Plan geben werde.

Da - im idealen Fall - in sehr kurzer Zeit sehr viele Menschen geimpft werden müssen, ist auch die Logistik und Organisation nicht trivial. Zumindest der Biontech-Impfstoff muss etwa bei -70 Grad Celsius transportiert und gelagert werden. Das schafft das Tiefkühlfach des Hausarztes nicht. Wenn es aber nur ein paar wenige, zentrale Impfstationen (etwa in den Landeshauptstädten) geben sollte, würde die Impfbereitschaft darunter leiden, sagt Rendi-Wagner sinngemäß.

Oberster Sanitätsrat soll
wieder besetzt werden

Die SPÖ-Chefin will die Zeit des Lockdowns dafür nützen, um auf eine langfristig wirksame Corona-Strategie umzustellen. Dafür soll etwa ein interdisziplinärer Expertenrat eingerichtet werden, der die Maßnahmen laufend evaluiert. Dafür sei auch ein professionelleres und personell stärkeres Contact Tracing notwendig. "Das ist der Schlüssel jeder Pandemiebekämpfung." Und zwar nicht nur, weil Infizierte dadurch schnell isoliert und Transmissionsketten unterbrochen werden können, sondern man bekäme auch bessere Informationen über Cluster, also wo genau sich das Virus besonders gut verbreitet, welche Settings riskant seien und welche Hygienekonzepte funktionieren. Aus diesen Erkenntnissen müsse man, so Rendi-Wagner, einen "Maßanzug für Prävention" schneidern. Der Oberste Sanitätsrat könnte als dieser Corona-Expertenrat fungieren, meint die SPÖ-Vorsitzende. Dieser sei zur Pockenepidemie im 19. Jahrhundert installiert worden, im Dezember 2019 wurde er nicht mehr nachbesetzt.

Rendi-Wagner ortet bereits eine langsame Trendumkehr bei den Infektionszahlen. Das Wachstum schwäche sich bereits leicht ab und könnte ein Hinweis auf die Wirksamkeit der kontaktbeschränkenden Maßnahmen sein, die noch im Oktober, vor dem Lockdown, in Kraft traten. Auch der Anstieg der Neuaufnahmen auf den Intensivstationen habe sich etwas eingebremst.

Voreilige Schließungen von Schulen lehnt Rendi-Wagner weiterhin ab, die epidemiologische Wirkung sei geringer als die Nebenwirkungen durch Bildungsverlust. "Das ist nicht verhältnismäßig und daher verfassungswidrig", sagt Rendi-Wagner, ergänzt aber: "Stand heute". Man habe in der Schule die Sicherheitskonzepte noch nicht ausgeschöpft, um das Übertragungsrisiko zu senken.

Der Hygiene-Facharzt der MedUni Wien, Hans-Peter Hutter, der mit Rendi-Wagner gemeinsam bei dem Pressetermin war, ist bei Schulschließungen ebenfalls sehr zurückhaltend. Zumal bei einer Wiederöffnung im Dezember wieder gleich Ferien kämen. "Und wir wissen nicht, was im Jänner sein wird", sagt er. "Wir haben noch ein großes Repertoire."(sir)