Die ersten Namen fallen, erste mögliche Verstrickungen zeigen sich: Zwei Tage nach der Großrazzia gegen mutmaßliche Einrichtungen der Muslimbruderschaft und Hamas in Österreich werden immer mehr Details bekannt. Vereine, Stiftungen und Wissenschaftler haben die Ermittler im Visier. Beschuldigt werden auch Personen aus dem Umkreis der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ).

Die Staatsanwaltschaft Graz ermittelt wegen des Verdachts der terroristischen Vereinigung, kriminellen Vereinigung, Terrorismusfinanzierung, staatsfeindlichen Verbindung und Geldwäsche. Laut einem Bericht des Ö1-"Morgenjournals" wurde bei der Razzia Bargeld in Höhe von 25 Millionen Euro beschlagnahmt. Bestätigen wollte das ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Graz gegenüber der "Wiener Zeitung" nicht.

70 Personen werden als Beschuldigte geführt, 30 wurden bereits einvernommen. Von diesen haben "fast alle" die Aussage verweigert, so der Sprecher. Zu den Aussagen der wenigen, die geredet haben, könne er keine Angaben machen. Festnahmen hat es laut dem Sprecher keine gegeben.

Das kollektive Schweigen der Beschuldigten passt zum Charakter der Muslimbruderschaft. Sie ist in Österreich offiziell auch gar nicht vertreten. Zwar gibt es europaweit zahlreiche Vereine, welche die Ideologie der Bruderschaft verbreiten. Sie wehren sich aber – auch mit rechtlichen Schritten – dagegen, offiziell der Organisation zugerechnet zu werden.

"Geheimhaltung wesentlich"

Intern besteht zwischen den Mitgliedern eine "extreme Bindung", sagt die Autorin Petra Ramsauer zur "Wiener Zeitung". Sie hat sich intensiv mit der Organisation befasst. Personen, die in die Bruderschaft aufgenommen werden, müssen einen langen und komplexen Aufnahmeprozess durchlaufen: "Ein wesentlicher Teil dabei ist die Geheimhaltung. Man möchte nicht als Muslimbruder genannt werden. Das ist Teil der DNA dieser Organisation."

Einblicke in die Organisation erhielt Ramsauer durch ihre Recherchen in Ägypten. Dort konnte sie auch mit einem Mann sprechen, der aus der Bruderschaft ausgetreten ist: "Das gibt es ganz selten." Demnach treffen sich die Muslimbrüder einmal wöchentlich und bereden dabei auch gezielt private Angelegenheiten: "Dadurch entsteht eine familiäre Struktur. Man darf dieses Kultelement, diese extreme, interne Bindung nicht unterschätzen."

Dass die Beschuldigten bei ihren Vernehmungen nicht aussagen, überrascht Ramsauer auch aus einem weiteren Grund nicht: "Das sind vielfach Juristen, elitäre Personen. Die sind schon andere Kaliber als der gewöhnliche Kleindschihadist."

Gegen welche mutmaßlichen Muslimbrüder in Österreich ermittelt wird, gibt die Staatsanwaltschaft Graz nicht bekannt. Sie hält fest, dass nicht gegen alle Beschuldigte wegen all der vorgeworfenen Delikte ermittelt wird. Medial kursieren aber bereits einige Namen.

Laut "Standard" zählt M., eine Führungskraft der Bruderschaft in Österreich, dazu. Er gehört einem Verein an, der 1999 in Wien und Graz gegründet wurde und ebenfalls im Zentrum der Ermittlungen steht. M. sprach vor einigen Jahren mit der "Wiener Zeitung": Er gab damals an, dass man die Ideologie der Bruderschaft unterstütze, aber keine organisatorische Verbindung zu ihr habe.

Schnittpunkte gab es aber. M. war laut "Standard" etwa Co-Organisator einer Vortagsreihe über den Islam an der Uni Graz im Jahr 2008. Ramsauer erklärt, dass die Hälfte der 14 Vortragenden damals aus dem Umfeld der Bruderschaft stammte. Auch ein hochrangiges Mitglied der globalen Muslimbruderschaft war zu Gast. Detail am Rande: Die Vortragsreihe wurde von der Stadt Graz, dem Land Steiermark und der Grünen Akademie gesponsert.

Laut dem "Kurier", der aus dem Ermittlungsakt zitiert, erhielt einer der im Mittelpunkt stehenden Vereine im Jahr 2015 auch zwei Millionen Euro aus Katar überwiesen. Das Geld sollte für die islamische Missionierung in Europa verwendet werden, mehrere Konten wurden eingefroren.

Großinvestor und Ex-Präsident

"Ö1" berichtet, dass ein Beschuldigter auch ein früherer Präsident der IGGÖ ist, dessen Stiftung durchsucht wurde. Außerdem betroffen sind laut dem Bericht ein Großinvestor, ein Ex-Kulturreferent der IGGÖ, ein Politikwissenschafter mit Schwerpunkt Islamophobieforschung sowie ein Funktionär des Islamischen Religionspädagogischen Instituts (IRPA), das zur IGGÖ gehört.

Das Institut ist für die Ausbildung der Religionslehrer an Pflichtschulen verantwortlich. In einer Studie der "George Washington Universität" aus dem Jahr 2017 heißt es, dass das IRPA aufgrund verschiedener Verbindungen zur Muslimbruderschaft "zweifellos unter deren Einfluss" stehe. Die IGGÖ wies das zurück.

In einer Aussendung erklärte die IGGÖ am Mittwoch, dass sie von den Behörden bisher nicht kontaktiert wurde. Daher könne man sich nicht zu den laufenden Ermittlungen äußern. Sobald die Behörden "Evidenzen vorlegen", werde man der Verantwortung als Religionsgemeinschaft nachkommen und reagieren.

"Null Verbindung zwischen Stiftung und Bruderschaft"

Der frühere Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ), Anas Schakfeh, hat am Mittwoch gegenüber der Nachrichtenagentur Apa betont, nichts mit der Muslimbruderschaft zu tun zu haben. Er wisse lediglich, dass in der nach ihm benannten Stiftung eine Hausdurchsuchung stattgefunden habe, sagte Schakfeh. Ansonsten kenne er in der Causa nur Gerüchte: "Es gibt null Verbindung zwischen der Stiftung und der Muslimbruderschaft."

Die in Wien registrierte "Gemeinnützige Privatstiftung Anas Schakfeh" war einer der Schauplätze einer am Montag durchgeführten Großrazzia von Justiz und Polizei gegen Muslimbrüder und Hamas. Schakfeh betonte gegenüber der Apa, dass er in der Causa bisher selbst nicht befragt wurde.

Gegründet wurde die seit 2010 im Firmenbuch registrierte Stiftung laut Schakfeh zum Ende seiner Amtszeit in der Islamischen Glaubensgemeinschaft. Eine Reihe von Geschäftsleuten sei damals an ihn herangetreten und habe eine Stiftung zur Förderung von Kultur und Dialog vorgeschlagen. Er selbst ist Mitglied des Beirats der Stiftung, der auch frühere Politiker wie Ex-Verteidigungsminister Werner Fasslabend (ÖVP) und der frühere EU-Abgeordnete Hannes Swoboda (SPÖ) angehören. Vorstandsmitglied ist Schakfeh nicht.

Die Stiftung führe Veranstaltungen durch, die "natürlich nichts" mit dem politischen Islam zu tun hätten, betont Schakfeh - unter anderem Buchpräsentationen und Dialogveranstaltungen. Weder wisse er von einer Verbindung der Stiftung zur Muslimbruderschaft, noch sei er selbst ein Anhänger der Organisation. "Ich war, als ich noch jung war, ein Fan von Nasser. Das war der Erzfeind der Muslimbruderschaft." Nach dem Tod des ägyptischen Diktators Gamal Abdel Nasser im Jahr 1970 habe er sogar eine Kondolenzveranstaltung in seinem damaligen Wiener Studentenheim organisiert. "Ich war nie Mitglied einer Partei - egal welcher."