Selten zuvor waren die Infektionszahlen von so großer Bedeutung wie dieser Tage. Das hat damit zu tun, dass beständig hohe Fallzahlen von einer baldigen Überlastung der Krankenhäuser künden. Denn die Infektionen von heute sind die Spitalspatienten von morgen. Die Fallzahlen sind aber auch deshalb von so hoher Relevanz, weil sie eine Aussage über die Wirksamkeit der Maßnahmen ermöglichen. Von den Zahlen hängt daher ab, ob die Regierung weitere Kontaktbeschränkungen beschließen wird.

Doch ausgerechnet jetzt gibt es technische Probleme mit dem Epidemiologischen Meldesystem. Beim EMS handelt es sich um eine Datenbank, die von den Labors mit den Testergebnissen, positiven wie negativen, befüllt wird. Das ist zwar mittlerweile automatisiert, doch die Datenbank hatte zuletzt Schwierigkeiten, die große Menge an Daten zu verarbeiten. Laut dem Wiener Gesundheitsstadtrat Peter Hacker hat die Gesundheitsagentur Ages mitgeteilt, dass die Datenbank eigentlich darauf ausgelegt sei, 7.000 Salmonellenfälle im Jahr zu dokumentieren.

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Für die Labors gestaltete es sich daher schwierig, die Befunde einzuspeisen, es kam zu Überlastungen des Systems, darunter hat die Datenqualität gelitten. Die gröbsten Probleme sind aber behoben, wie Gesundheitsminister Rudolf Anschober erklärte und auch eine Rückfrage der "Wiener Zeitung" bei Labors ergab. Es kam zu etlichen Nachmeldungen.

Auf dem Dashboard der Ages wurden am Donnerstag deshalb 10.370 neue Meldungen eingetragen, 1.903 Infektionsfälle davon betrafen andere Tage als Mittwoch. Doch immerhin 8.469 Infektionen wurden für den Mittwoch ausgewiesen, das ist laut Dashboard der höchste je gemessene Tageswert. Die Zahlen vom Innenministerium, bei denen wiederum etliche Fälle enthalten sein dürften, die noch gar nicht ins EMS eingespeist waren, sind ähnlich hoch: 9.262.

Der Lockdown trat zehn Tage vor Mittwoch in Kraft, das ist genau jener Zeitraum, bei dem im Frühjahr die Fallzahlen in Österreich zu sinken begannen. Daraus lässt sich aber nicht schließen, dass die verordneten Kontaktbeschränkungen diesmal nicht funktionieren. Schon im März hat sich gezeigt, dass es unterschiedlich lange dauern kann. Österreich zählte damals zu jenen Ländern, bei denen der Lockdown schnell griff.

Mobilität geht zurück,
aber nicht so stark wie im März

Erst Wochen später und unter anderem durch Auswertung von Mobilitätsdaten zeigte sich, dass die Menschen im März schon vor Inkrafttreten der Maßnahmen ihr Sozialverhalten der Pandemie angepasst hatten. Diesmal dürfte der Mobilitätsrückgang weniger stark ausgeprägt sein, wie eine anonymisierte Auswertung von Google darlegt, vor allem bei Arbeitsstätten ist dies auffällig. Damals hatten allerdings auch alle Geschäfte und Friseure mit Tag eins des Lockdowns schließen müssen. Die Google-Daten decken sich auch mit jenen der Wiener Linien. Diese berichten von einem Fahrgastrückgang um 40 Prozent, im Frühling lag dieser Wert bei minus 80 Prozent.

Maßnahmen wirken nur bedingt aus sich heraus, entscheidend ist das Verhalten der Menschen. Im März waren Unsicherheit und Angst größer. Das könnte diesmal zu einem umgekehrten Effekt geführt haben. Statt die Maßnahmen vor ihrer Inkraftsetzung einzuhalten, könnte das letzte Wochenende vor dem Lockdown noch einmal ausgiebig für Sozialkontakte genutzt worden sein. Zumal Halloween war. Die Inkubationszeit von im Mittel fünf bis sechs Tagen ist zwar seither überschritten, doch es dauert oft einige Tage, bis erkrankte Personen einen Test nachfragen und dann auch das Ergebnis vorliegt. Zu bedenken ist auch, dass Infektionen selbst bei scharfen Kontaktbeschränkungen zumindest in der Familie noch weitergegeben werden können. Die Rekordzahlen vom Mittwoch könnte sehr wohl ein Halloween-Effekt sein.

Die Effektivität eines Lockdowns hängt, wie unter anderem Wissenschafter des Imperial College London gezeigt haben, wesentlich vom Zeitpunkt ab. Österreich dürfte, anders als im Frühling, diesmal eher spät dran gewesen sein, da zum Zeitpunkt des Lockdowns die Intensivstationen deutlich höher belastet waren. Auch in Tschechien war das der Fall, dort ist die Trendwende gelungen. Allerdings mussten in Tschechien auch Schulen und Geschäfte schließen. Der Lockdown kam beim Nachbarn in zwei Etappen am 14. (Schulen, Freizeit) und 21. Oktober (Geschäfte). Die 7-Tage-Inzidenz ging am 28. Oktober zurück, also nach 14 Tagen. Obwohl eine Woche der Rekord-Tageswert erreicht wurde, ist der allgemeine Abwärtstrend stabil.

Das macht die Einordnung der aktuellen Zahlen für die Bundesregierung schwierig. Der Lockdown könnte sich theoretisch bereits niederschlagen, dann wären die Maßnahmen nicht wirksam und es bräuchte Nachschärfungen. Mindestens genauso wahrscheinlich ist aber, dass die Kontaktbeschränkungen erst Anfang nächster Woche, also nach 14 Tagen, in den Infektionszahlen zu sehen sein werden.

Reagiert die Regierung nicht, hätte sie wichtige Zeit verloren. Würde sie aber neue Maßnahmen verkünden, vielleicht sogar einen Schulschluss, und dann fielen am Montag die Zahlen nach 14 Tagen wie erwartet, würde das auch Anlass für Kritik bieten. Genau das passierte in Irland. Nach einigen Kontaktbeschränkungen war die Insel am 21. Oktober in den Lockdown gegangen, wie sich später herausstellte, war der Höchstwert an Infektionen am Tag davor.