Der erste Tag des zweiten Corona-Lockdowns war nichts für schwache Nerven. Die kurzfristige Verhängung der Schließung des Großteils der Geschäfte und der Ankündigung von Heimunterricht auch an Pflichtschulen durch die türkis-grüne Bundesregierung mit Dienstag stellte Familien mit Schulkindern und die Schulleitungen gleichermaßen vor Herausforderungen. "Es haben die Eltern fast keine Zeit gehabt, das mit ihren Arbeitgebern abzuklären", nennt die Direktorin eines Gymnasiums in Wien im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" als Grund dafür, warum vor allem in manchen Volks- und Mittelschulen weit mehr Schüler als beim ersten Lockdown im Frühjahr in die Schulen gekommen sind.

Flexibilität und Improvisationstalent war nicht nur von berufstätigen Eltern gefragt, sondern vor allem auch von Schulleitern und Lehrern, weil erst im Laufe des Montags bei Müttern und Vätern die Information eingeholt werden konnte, welche Kinder am Dienstag in die Schule kommen werden. Umgekehrt wurde in einer Reihe von Pflichtschulen die von Bildungsminister Heinz Faßmann ausdrücklich angeführte Gelegenheit genützt, Schulkinder, die Probleme beim Lernen und mit digitalem Heimunterricht haben, ins Schulgebäude zu bestellen. In einer Mittelschule in Wien bildete die Gruppe an Schülern, die von der Schulleitung trotz Lockdown angehalten wurde, in die Schule zu kommen, die Mehrheit gegenüber jenen, die von ihren Eltern geschickt wurden.

Minister: Erster Tag im Lockdown gut abgelaufen

Flexibilität wird auch in den kommenden Tagen gefragt sein, weil an den Schulen noch mit unterschiedlicher Anwesenheit der Schüler gerechnet wird. "Für ein paar Tage organisiert man das schon. Ob man das drei Wochen schafft, ist die Frage", sagt die Wiener Direktorin. Schließlich soll es nach dem Plan der Regierung erst am 7. Dezember den nächsten regulären Schultag geben.

Im Bildungsministerium wurde am Nachmittag nach Rücksprache mit den Bildungsdirektionen der Bundesländer eine erste Bilanz gezogen. Der erste Schultag im Lockdown sei "gut abgelaufen", hieß es dort. Es waren rund 15 Prozent aller Schüler in den Schulen anwesend. Wenn es in einigen Klassen zu höheren Schülerzahlen gekommen sei, so sei das die Ausnahme gewesen. In Wien lag der Anteil der anwesenden Schüler mit insgesamt 15 Prozent im Bundesschnitt. In Ober- und Niederösterreich, wo die Corona-Zahlen zuletzt besonders hoch waren, kamen jeweils 25 Prozent der Mädchen und Burschen in die Schulen. In der Steiermark war der Anteil mit acht Prozent am niedrigsten. Dem Bildungsministerium war es wichtig zu bilanzieren: Ein Senken der Corona-Infektionszahlen könne so unterstützt werden. Für Minister Faßmann haben sich die Schulen "gut auf die neue Situation eingestellt. Ich weiß, dass dies ein hohes Maß an Flexibilität erfordert."

Das Lob des Bildungsministers hat seine Gründe, denn seit der kurzfristigen Ankündigung des Lockdowns am Wochenende mit Dienstag sind vor allem Direktorinnen und Direktoren, Lehrer und deren Vertreter unzufrieden bis empört über Regierung und Ressortchef. Schließlich mussten die Eltern informiert werden und mit den Pädagogen die Vorbereitungen auf Heimunterricht und Betreuung in der Schule gleichzeitig getroffen werden. Eine Anweisung des Bildungsministeriums, dass die Schuldirektoren bis Dienstagfrüh die Briefe an die Eltern an die Schulaufsicht übermitteln müssten, sorgte für Rumoren.

Protestschreiben an Bildungsministerium

In Wien deponierte die AHS-Direktoren ihre "Empörung" darüber in einem Schreiben an das Ressort. Der Zentralausschuss der Pflichtschullehrervertretung deponierte in einem Protestschreiben seine Verwunderung gegen diese Form des "Misstrauens" gegenüber Schulleitern.

In einem Antwortschreiben verteidigte der Generalsekretär des Bildungsministeriums, Gerald Netzer, diese Aktion. Man wisse, wie groß die Belastung an den Schulen sei, teilte er am Nachmittag mit. Er sei aber seit Sonntag mit Schreiben von Schulleitungen konfrontiert, in denen Eltern aufgefordert worden seien, "ihre Kinder unter gar keinen Umständen mehr in die Schulen zu schicken". Das wollte das Bildungsressort keinesfalls. Schließlich hatte die Bundesregierung zugesichert, dass es in Kindergärten wie Schulen jedenfalls eine Betreuung geben werde.

Was den Lehrergewerkschaftern wie der Vizevorsitzenden des Wiener Zentralausschusses der Landeslehrer, Karin Medits-Steiner, besonders sauer aufstößt, ist der Umstand, dass Faßmann seinerseits bei der Umsetzung seines Versprechens, alle Lehrer mit FFP2-Masken auszustatten, seit Wochen säumig sei. Auch personell gebe es keine zusätzliche Hilfe. Und für die von Faßmann am Sonntag in der "ZiB 2" angekündigte Abgeltung von Überstunden gebe es keine schriftlichen Informationen. Gleiches gelte für die versprochenen bis zu 1.800 Lehramtsstudenten.