In der Abwahl Donald Trumps als US-Präsident sahen manche mehr als einen politischen Machtwechsel in der "größten Demokratie der Welt". Einigen Beobachtern galt das Wahlergebnis als eine Art Fanal, als Auftakt zum Abstieg des internationalen Rechtspopulismus, der sich in den vergangenen Jahren auch in zahlreichen Ländern Europas stark ausgebreitet hatte.

Sozialwissenschaftler stellten diese These bei einer Online-Diskussion am Mittwoch aber in Abrede. Zwar galt Trump als internationale Speerspitze des personenzentrierten Rechtspopulismus – und kommt seinen Nachahmern in Europa und der Welt künftig als Rollenmodell abhanden. Das Phänomen "Trumpismus" sei aber "Ausdruck tieferliegender gesellschaftlicher Veränderungen", sagte der Soziologe Wilhelm Heitmeyer von der Uni Bielefeld bei der Veranstaltung von "Diskurs. Das Wissenschaftsnetz". So hätte auch das Auftauchen des Ibiza-Videos zwar einen Rückschlag für die FPÖ bedeutet. Per se würde das aber nichts am Zug zu nationalen Strömungen in Österreich ändern, so Heitmeyer.

In der Analyse des Soziologen hat sich nach der Jahrtausendwende ein "autoritärer Kapitalismus" herausgebildet, der nicht nur staatliche Kontrollverluste, sondern auch gesellschaftliche Zerwürfnisse und soziale Desintegrationsprozesse mit sich brachte. Das habe das Erstarken nationalradikaler Strömungen in ganz Europa begünstigt. Die Abwahl Trumps werde demnach kaum etwas am Erfolg dieser Strömungen ändern. Vielmehr sei eine "Normalisierung negativer Auswirkungen auf die offenen Gesellschaften und liberalen Demokratien" zu beobachten. Das zeige sich etwa an der "restriktiven Verschiebung" beim Migrationsthema auch in nordischen Ländern wie Dänemark.

"Rechtspopulisten gelungen, soziale Frage zu besetzen"

Brigitte Aulenbacher, Professorin an der Johannes Kepler Universität Linz, verwies auf eine US-Studie, wonach Trump-Wähler und Anhänger der konservativen "Tea Party"-Bewegung besonders oft Angehörige der abgestiegenen Mittel- und Arbeiterschichten seien. Vom "amerikanischen Traum" – dem Versprechen, von Generation zu Generation durch Leistung aufsteigen zu können –, sähen sie sich abgehängt. Die Parole "Make America great again" habe ihnen da ein neues (nationalistisches) Aufstiegsversprechen angeboten.

Auch in Europa wurden seit den 1970ern sichere Beschäftigungsstandards aufgebrochen und zunehmend von prekären Arbeitsverhältnissen abgelöst, sagt Aulenbacher. Auch innerhalb der Mittelschichten in Österreich hätten damit verstärkt soziale Abstiegsängste um sich gegriffen. "Rechtspopulisten ist es gelungen, die soziale Frage zu besetzen", sagt die Soziologin. Die FPÖ und andere europäische Parteien hätten ein Vakuum sozialdemokratischer Politik genützt, indem sie die "soziale mit einer nationalen Frage" verbunden hätten.

Erzählung von zwei Lagern "zu vereinfachend"

Der öffentliche Ort für Gefühle, ungerecht behandelt zu werden, sei abhandengekommen, sagte Carina Altreiter von der Wirtschaftsuniversität Wien. Auf diese Lücke hätten rechtspopulistische Parteien erfolgreich abgezielt. Altreiter verwies auf eine empirische Studie der Uni Wien zur Spaltung in Österreich. Die Erzählung einer "gespaltenen" Gesellschaft sei hierzulande spätestens seit den großen Flucht- und Migrationsbewegungen 2015 und der Bundespräsidenten-Wahl 2016 zu einem medialen Dauerbegleiter geworden.

Das Bild, wonach sich in Österreich zwei unversöhnliche Lager gegenüberstünden, die in ihren jeweiligen Echokammern lebten und kaum noch zueinander in Kontakt stünden, sei zwar zurecht beunruhigend, so Altreiter, - aber auch zu vereinfacht. Vielmehr gebe es vielfältige Spaltungslinien. Laut der Studie sind es zentral drei verschiedene: erstens, Spaltungen entlang eines Leistungsprinzips (etwa arbeitende versus arbeitslose Menschen); zweitens, entlang nationaler bzw. ethnischer Zugehörigkeit ("innen versus außen"); drittens, entlang von sozialer Herkunft und Klassenlage ("oben versus unten").

Obwohl rechtspopulistische Parteien während der vergangenen Jahre vor allem zur Vertiefung der ethnischen und nationalistischen Spaltungslinien beigetragen hätten: Die "gespaltenen" Gruppen stünden sich höchstens an den Polen unversöhnlich gegenüber, sagt Altreiter. In der breiten Mitte würden sich "exkludierende und inkludierende Haltungen" dagegen stark vermischen.