Die Datenbank wissenschaftlicher Studien und Artikel über Covid umfasst bereits mehr als 70.000 Einträge. Und täglich kommen neue Arbeiten hinzu. Schritt für Schritt erweitert sich das Wissen über das Virus und seine Eigenschaften. So manche Vermutung stellt sich als Irrtum heraus, andere Hypothesen finden dagegen Bestätigung oder werden in neuen, größeren Studien noch ergänzt und präzisiert.

Bereits Ende März hat eine Arbeit aus Oxford für Aufmerksamkeit gesorgt, und sie gewinnt in diesen Wochen, in denen fast in ganz Europa die bittere Erkenntnis reift, dass es kontaktbeschränkender Maßnahmen bedarf, um die zweite Welle zu kontrollieren, wieder an Bedeutung. Die Hoffnung, dass man mit Maskenpflicht, Hygieneregeln und einigen Beschränkungen bei Veranstaltungen sowie manuellem Contact Tracing durch den Winter kommt, erfüllte sich nicht. Zwar hat es in Österreich Probleme beim Contact Tracing gegeben, doch die zweite Welle hat nahezu alle Länder Europas erfasst.


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Im Frühling haben die Epidemiologen aus Oxford Berechnungen angestellt, aus denen sie den Schluss gezogen haben, dass die "Epidemie höchstwahrscheinlich nicht eingegrenzt werden kann, wenn man nur symptomatische Personen isoliert", da die meisten Übertragungen vor Symptombeginn geschehen. Die Forscher folgerten daraus: "Manuelles Contact Tracing ist zu langsam."

Derartige Tracing-Apps sind zwar seither fast überall entwickelt worden (in Österreich die "Stopp-Corona"), deren Akzeptanz liegt jedoch fast überall unterhalb der Schwelle der Wirksamkeit. Nur in Finnland hat mittlerweile die Hälfte der Bevölkerung die App heruntergeladen. Das Virus hat sich jedoch in seinen Eigenschaften nicht verändert. Nach wie vor geht die Wissenschaft von der großen Relevanz von präsymptomatischen Personen aus.

Durch die Entwicklung von Antigen-Schnelltests ist für dieses ganz wesentliche Problem in der Pandemiebekämpfung nun eine weitere Lösungsoption gegeben. Bei diesen Tests liegen Ergebnisse in wenigen Minuten vor. Sie sind nicht so genau wie die laborbasierten PCR-Analysen, erkennen jedoch sehr zuverlässig Infizierte mit hoher Virusmenge, wie das auch bei Personen kurz vor Symptombeginn der Fall ist.

Pilotprojekt in Niederösterreich

In Niederösterreich haben die Sozialpartner im Raum Mödling bereits ein Pilotprojekt lanciert, bei dem Betriebe kostenlos zu Antigentests kommen. Ab 130 Mitarbeitern werden Teststationen errichtet und Abstriche von geschultem Personal genommen. Nach ersten positiven Erfahrungen wurde das Projekt in der Vorwoche auf ganz Niederösterreich erweitert, die Nachfrage ist groß. Erste Daten daraus sind für Freitag avisiert, jeden Tag seien aber einige "Funde" dabei, also positive Testergebnisse von an sich symptomlosen Personen, wie es von den Projektbetreibern heißt.

Die Sozialpartner waren am Mittwoch auch bei einem Treffen im Bundeskanzleramt zu den geplanten Massentests geladen. Der erste Einsatz soll demnach bereits Anfang Dezember erfolgen, nämlich für alle Pädagoginnen und Pädagogen. Wobei der Test freiwillig sein muss, wie Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl sagte. "Diese Tests müssen auch zeitnah wiederholt werden." Bei dem Treffen sei dies auch Konsens gewesen, so Anderl.

Eine immense logistische Herausforderung stellen Massentests für die Gesamtpopulation dar. Man rechnet dabei mit einer Beteiligung von etwa 50 Prozent. Sie sollen kurz vor Weihnachten stattfinden. Die Sozialpartner könnten dabei insofern eine Rolle spielen, da die Tests auch in den Betrieben durch Betriebsärzte vorgenommen werden könnten. Dabei seien allerdings rechtliche Fragen noch zu klären, sagt Anderl.

Hohe Zahl an Sterbemeldungen

Dass die Tests sehr niederschwellig angeboten werden müssen, um eine große Mitwirkung zu erreichen, ist aber klar. Das Bundesheer wurde schon vorab gebeten, der Regierung bis Freitag ein Konzept vorzulegen, danach wird es weitere Gespräche über die Umsetzung geben. Sehr dezentral wäre die Nutzung von Wahllokalen, wie dies auch bei der Massentestung in der Slowakei der Fall war. Wie viel eine solche (mehrfache) Abklärung eines Gutteils der Bevölkerung durch Antigentests epidemiologisch tatsächlich bringt, ist aber noch unsicher. Zahlreiche Fragen, etwa welche Rolle falsche Ergebnisse spielen und wie mit diesen umgegangen werden sollte, sind noch offen. "Ganz wichtig wird die Kommunikation sein", sagt die Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl.

Am Mittwoch war der Durchschnitt der Neuinfektionen weiter rückläufig, jedoch nur leicht. Erstmals wurden auch mehr als 100 Todesfälle gemeldet. Allerdings handelte es sich in 71 Fällen um Nachmeldungen vorangegangner Tage, so viele gab es bisher noch nie. Die Frage ist, ob dies nur ein Daten-Ausreißer war. Wenn der Anteil der Nachmeldungen relativ konstant ist, wäre in den kommenden Tagen doch mit einer deutlichen Zunahme der Sterbefälle zu rechnen.