Man schaut ein bisserl witzig aus, das hat etwas Außerirdisches an sich", sagt Anna Mayr über sich selbst in Schutzkleidung. Covid-19-Patienten ist natürlich trotzdem nicht zum Lachen zumute, wenn die Ärztin mit FFP-Maske, Schutzhaube, Brille, Kittel, Plastikschürze, Handschuhen, Überschuhen, bei körpernahen Behandlungen wie etwa Schleimabsaugen auch noch mit Vollvisier das Zimmer betritt. "Die Schutzkleidung verunsichert, für jene mit Demenz kann das sehr beunruhigend sein. Aber es muss halt leider sein."

Kein Arbeitstag ist wie der andere. Der Arbeitsalltag der 27-jährigen Anna Mayr, seit zweieinhalb Jahren Pulmologin, seit September in einer Covid-19-Station am Krankenhaus Floridsdorf, unterscheidet sich im Moment aber genauso wie jener von Johannes Hainzl (36), seit 13 Jahren diplomierter Gesundheit- und Krankenpfleger, der sonst als Demenzberater im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, nun seit zwei Wochen freiwillig auf der Covid-Station tätig ist, deutlich von jenem, den sie außerhalb der Pandemie hatten.

Hainzl beschreibt das Setting im Vergleich zur Akutgeriatrie, wo er sonst tätig ist, "ganz anders". Zur neuen Normalität gehört nun zeitintensives An- und wieder Ablegen der persönlichen Schutzausrüstung, erhöhte Hygienemaßnahmen, multiprofessionelles Planen des Tagesablaufes und der dazugehörigen Diagnostik, Eingriffe und Therapien und anderes mehr. All das bringe einen physisch oft an seine Belastungsgrenze, vor allem weil einem die FFP3-Atemschutzmaske bei körperlicher Anstrengung die Atmung erschwert: "Nichtsdestotrotz haben wir aber unseren Humor nicht verloren", sagt Hainzl.

Als weit anstrengender beschreibt Hainzl aber die psychische Belastung: "Als Pflegepersonen haben wir den persönlichen Druck, trotz der hohen Arbeitsbelastung, den Patienten das zu geben, was sie benötigten." Die Grundprobleme von sonst, vor allem zu wenige Pflegekräfte, die für zu viele Patienten verantwortlich sind, wirken nun verstärkt. Sie lassen sich nicht kurzfristig ändern.

Pfleger Johannes Hainzl (r.) und seine Kolleginnen versuchen ihre nun alltägliche Dienstkleidung auf der Isolierstation mit Humor zu nehmen. - © khbbwien
Pfleger Johannes Hainzl (r.) und seine Kolleginnen versuchen ihre nun alltägliche Dienstkleidung auf der Isolierstation mit Humor zu nehmen. - © khbbwien

In der akuten Situation geht es auch hier um Menschen mit Demenz, schließlich sind die 13 Personen, die Hainzl und Kolleginnen aktuell auf der 37 Betten großen Covid-19-Station versorgen - weitere drei sind in Intensivbehandlung, dort ist noch Platz für drei Personen -, meistens um die 80 Jahre alt. Für diese war es schon sonst schwierig, sich im Krankenhaus, wo alles fremd ist, zurechtzufinden. Jetzt aber treffen sie auf vermummte Personen und dürfen das Zimmer nicht verlassen. "Das Allerschwerste ist, zu Menschen, die die Situation nicht erfassen können, also vollverkleidet in Schutzausrüstung einen Zugang zu finden. Da bin ich selbst als ausgebildeter Demenzberater sehr gefordert", sagt Hainzl.

Maske und An- und Ausziehen als tägliche Konstante

Ein Schild mit "Achtung Covid-Station" empfängt Anna Mayr schon am Morgen um 8, egal ob ein siebenstündiger Tagesdienst oder ein 25-stündiger mit Nachschicht beginnt, an der Stationstüre, die sich nur mit Mitarbeiterkarte öffnet. Sie tritt schon mit FFP-Maske ein und wird sie den ganzen Tag über nicht mehr abnehmen, nur ausnahmsweise mal zum Trinken, auch das nur im Sozialraum der Station, sicher nicht in Besprechungen mit Oberärzten und Pflege.

Bei diesen geht es um den Zustand der Patienten, auch Entlassungen, die man vorbereite: "Weil auf die Bettenressourcen geachtet werden muss", sagt Mayr. Bei stabilen Werten - wenn sich der Patient wieder fit genug fühlt, bei einem CT-Wert über 30, also keine Ansteckungsgefahr für andere mehr besteht, die ersten Symptome länger als zehn Tage her sind und drei Tage keine Symptomatik ist - geht es nach Hause. Manche, die sich wieder selbst versorgen können und fit sind, können auch in Heimisolation entlassen, wenn noch nicht jeder Wert passt.

Brille und Haube setzt Ärztin Anna Mayr zusätzlich zur FFP-Maske als Erstes auf. Kittel, Schürze und Handschuhe folgen, bevor sie ins Zimmer zu Covid-19-Patienten geht. - © B. Wachet
Brille und Haube setzt Ärztin Anna Mayr zusätzlich zur FFP-Maske als Erstes auf. Kittel, Schürze und Handschuhe folgen, bevor sie ins Zimmer zu Covid-19-Patienten geht. - © B. Wachet

Auf die Besprechung am Morgen folgen ein bis zwei Stunden Visite bei Mayrs aktuell 18 Patienten in Vollmontur. Im Laufe des Tages gibt es immer wieder Neuaufnahmen. Jede bedeutet wie bei jeder ärztlichen Hilfe zwischendurch wieder Schutzkleidung. Denn nach dem Kontakt mit Patienten muss diese direkt entsorgt werden. "Die darf man nicht in andere Bereiche bringen, weil potenziell infektiös", sagt Mayr. "Das ist aber managebar, das schafft man schon." Und: "Weit weniger anstrengend als die Arbeit auf der Intensivstation."

Patienten und Angehörigen Ängste abnehmen

Für die Ärztin ist es wichtig, den Patienten Ängste zu nehmen. Solche können Arzt-Patienten-Gespräche erschweren. Einfühlsamkeit ist das Stichwort: "Wir erklären deshalb genau, was mit ihnen passiert, worauf wir achten, auch dass sie jederzeit Hilfe erhalten, falls sich Werte verschlechtern, damit sie die Gewissheit haben, dass sie gut versorgt sind, auch wenn wir weniger häufig im Zimmer sind", sagt Mayr.

Denn es geht nicht nur darum, auf kritische Veränderungen von Blutdruck, Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung zu reagieren und Schmerzen, Husten und Durchfall zu lindern. Der subjektive Blick ihrer Patienten auf ihren Krankheitsverlauf ist für die Ärztin auch für medizinische Entscheidungen wichtig. "Wir fragen auch genau nach, wie anstrengend das Atmen ist. Das kann ein Hinweis dafür sein, ob jemand auf die Überwachungs- oder die Intensivstation muss und die Patienten maschinelle Unterstützung beim Atmen benötigen. Das ist bei Covid-Patienten das häufigste akute Problem."

Patienten Ängste nehmen könne man auch mit Ankerpunkten, erklärt Pfleger Hainzl. Er organisierte, dass ein Sohn für seine Mutter auf der Isolierstation beim Portier ein Handy abgibt. Beim Telefonieren müssten die Pflegekräfte den Älteren, insbesondere mit Demenz, zwar wieder in Vollmontur helfen. Das sei aber wichtig, weil sich eine Demenzerkrankung sonst verschlechtern könne.

Das sei zwar reversibel und mit Medikamenten verbesserbar. Man beuge aber vor, mit Fotos der Pflegepersonen ohne Schutzkleidung, von der Familie, vertrauten Gegenständen als Ankerpunkten. "Ganz wichtig ist es auch, über Emotionen mit den Patienten zu sprechen", sagt Hainzl. "Es ist aber auch ein Miteinander. Die Patienten versuchen uns zu unterstützen, indem sie ihre Vitalparameter selbständig messen und uns Werte wie Blutzucker, die Sauerstoffsättigung oder ihre Temperatur über die Rufanlage mitteilen."

Man bleibt an beiden Krankenhäusern auch in intensivem Kontakt mit den Familien: "Die Angehörigen kennen ja nur den Zustand davor, können sonst bei Besuchen selbst besser einschätzen, ob es dem Patienten besser oder schlechter geht", sagt Mayr. Weil Besuche auf Covid-19-Stationen nicht möglich sind, vermittle man telefonisch, wie es den Patienten geht. "Das ist natürlich schwieriger als von Auge zu Auge", sagt Mayr.

Der laufende Blick auf die Zahlen

Mayr war schon vor dem erneuten Lockdown vorsichtiger im privaten Umfeld, sie informierte Freunde und Verwandte, dass sie auf einer Covid-19-Station arbeitet. "Man meidet Gruppen mehr, trifft potenzielle Risikopatienten, Eltern, Großeltern weniger häufig oder mit extra großem Sicherheitsabstand." Im Lockdown trifft sie niemanden. "Es wäre schön gewesen, wenn es ohne Lockdown gegangen wäre, aber dass er jetzt in Kraft ist, war absolut sinnvoll, die Indikation war ja schon da", sagt Mayr.

Beide beobachten die Anzahl an Infizierten. Spitäler planen für die Zukunft Personal und Ressourcen voraus. Mayr: "Das Hauptproblem ist, dass die Betten ein enden wollendes Gut sind." Am Freitag sind laut Ages 3.910 Betten auf Covid-Normalstationen belegt, 3.628 sind noch verfügbar. 682 Covid-19-Patienten sind auf der Intensivstation, da gibt es 508 weitere Betten. Sechs Prozent der Infizierten mussten laut Gesundheitsministerium ins Spital, davon sind 0,89 Prozent auf Intensivstationen.

Beide hoffen, dass der Lockdown wirkt. Hainzl sagt: "Wir haben nicht Angst vor der zusätzlichen Arbeitsbelastung, viel mehr haben wir aber Angst vor der psychischen Überforderung, mit der wir vielleicht bald konfrontiert sein könnten" - nämlich, dass wir keine freien Covid-Betten zur Verfügung haben und Patienten triagiert werden müssen. Das kann bedeuten, dass ein Patient, der eine medizinische und pflegerische Versorgung benötigen würde, versterben muss, da kein Bett auf der Intensivstation für ihn verfügbar ist."