Zwei gegenläufige Kurven prägen das epidemiologische Geschehen. Die Zahl der Neuinfektionen geht zurück, die Zahl der Todesfälle steigt. Durch die Latenz zwischen einer Ansteckung und ihrem letalen Ausgang sind die divergierenden Kurven logisch. Der Rückgang bei den Neuinfektionen ist bisher auch kein dramatisches Abfallen. Nach wie vor liegt der 7-Tages-Durchschnitt bei mehr als 6.000 Infektionen pro Tag. Er liegt damit zumindest an der Grenze dessen, was das Gesundheitssystem in Österreich im Notfall schultern kann - wenn nicht sogar darüber.

Dennoch lässt die Entwicklung den Schluss zu, dass bereits der Teil-Lockdown ab 3. November wirksam war und mit diesem eine Trendumkehr erreicht wurde. Ob allein damit die Inzidenz so weit hätte gedrückt werden können, damit das Contact Tracing wieder greift und langsam an Öffnungen gedacht werden kann, lässt sich jedoch nicht abschätzen.

Zu früh ist es nämlich noch für eine Beurteilung der Wirksamkeit der Anfang dieser Woche in Kraft getretenen Kontaktbeschränkungen in Schulen, im Handel sowie durch die Ausweitung der Ausgangsbeschränkungen. Auch bei diesen Maßnahmen ist mit einem Effekt erst nach zwei Wochen zu rechnen. Doch selbst wenn es Anfang Dezember zu einem starken Rückgang der Inzidenz kommen sollte, ließe sich daraus nicht automatisch schließen, dass dies nur durch den harten Lockdown möglich war. Die Wirkmechanismen sind komplex, für diese Frage benötigt es sehr genaue epidemiologische Analysen.


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Anders der Trend bei den Covid-Toten. Der 7-Tages-Durchschnitt stieg zuletzt auf 54,6 Sterbefälle pro Tag für den 16. November. (Durch Nachmeldungen sind die Werte für die Tage danach nicht aussagekräftig). Immerhin hat sich das tägliche Wachstum aber abgeschwächt. Die höchsten (durchschnittlichen) Zuwachsraten bei den Sterbefällen wurden Ende Oktober und in der ersten November-Woche verzeichnet. Das passt auch zum Verlauf der Infektionszahlen. Bei diesen wurden die höchsten Wachstumsraten ab Mitte Oktober registriert. Zwei Wochen später schlug sich das dann in den Sterbezahlen nieder.

Ein wichtiger Schlüssel, um das Virus unter Kontrolle zu bringen, ist das richtige Testen. Durch die Antigentests gibt es dafür eine wichtige Ergänzung. Die Regierung wird durch diese Schnelltests vermehrt zu Screenings greifen, also zu Massentests. Zunächst wird das in spezifischen Gruppen passieren, nämlich zuerst bei Pädagogen vor dem Neustart der Schulen am 5. und 6. Dezember. Unmittelbar danach sind Polizistinnen und Polizisten dran, allerdings auch Einwohner von Gemeinden mit besonders hoher Inzidenz.

Noch keine konkreten Pläne gab es am Freitag für den größten Brocken der Massentests, nämlich die Screenings der Gesamtbevölkerung. Mitgeteilt wurde nur, dass diese vor Weihnachten und im Neuen Jahr stattfinden, Gemeinden und Länder eingebunden werden sollen und das Bundesheer für Logistik und Organisation sorgen soll.

Derzeit kommen Schnelltests bei Screenings in Pflege- und Altenheimen zum Einsatz. Das Gesundheitsministerium verlangt seit dieser Woche einen Test alle sieben Tage für Mitarbeiterinnen. Von den georderten drei Millionen Tests wurden bereits 315.000 den Einrichtungen zur Verfügung gestellt.

Die ideale Teststrategie für Pflegeheime - in der Theorie

Wöchentliche Antigentests könnten für Pflegeheime allerdings einen suboptimalen Schutz darstellen. Zu diesem Schluss kommen Wissenschafter aus Wien um die Komplexitätsforscher Jana Lasser und Peter Klimek in einem gerade eben veröffentlichten Preprint. Grund dafür ist, dass der Zeitraum, in dem die Schnelltests verlässlich Infektionen erkennen, enger ist als bei anderen Testmethoden. Die Modellierungen zeigen auch, dass selbst kürzere Zeiträume, wie etwa alle drei Tage, nicht zu viel besseren Ergebnissen mit Schnelltests führen würden.

Anders bei PCR und RT-Lamp. Durch die hohe Sensitivität entdecken sie Infektionen früher, bei zwei Tests pro Woche wären die Ergebnisse dann gleich dramatisch besser, es gebe viel weniger Ausbrüche in Heimen. Wichtige Voraussetzung wäre, dass die Testergebnisse am selben Tag vorliegen müssten. Das wird beim PCR-Test nur schwer möglich sein. Beim realistischen Szenario von einem Tag bis zur Auswertung eines PCR-Tests wäre der Lamp-Test die beste Option, so die Forscher. In beiden Fällen könnte die Probenabnahme durch Gurgeln erfolgen, was deutlich verträglicher ist. Durch Poolen wäre es auch ressourcenschonend.

Der Nachteil beim Lamp-Test, der vom Vienna BioCenter entwickelt wurde: Es müsste eine eigene Analyse-Infrastruktur aufgebaut werden. Es sind zwar keine hoch spezialisierten Labors nötig, aber es wäre jedenfalls ein enormer Kraftakt, der wohl nur für große Betreiber von Pflegeheimen eventuell zu stemmen wäre. Das Papier der Wiener Forscher bietet aber jedenfalls eine evidenzbasierte Grundlage, die Teststrategie in den Pflegeheimen noch zu verfeinern.