Impfprogramme sind gesundheitspolitische Routine. Jedes Jahr wird ein Impfplan erstellt, das heißt der bestehende erweitert. Vor einigen Jahren ist die Pneumokokken-Impfung in das kostenlose Kinderimpfprogramm aufgenommen worden, begleitend gibt es immer wieder Kampagnen, um die Impfbereitschaft zu fördern. Beim Coronavirus ist so ziemlich alles anders.

"Wir laufen unter ganz anderen Taktungen", sagt Markus Zeitlinger, Leiter des Instituts für Klinische Pharmakologie an der Medizinischen Universität Wien. Ebenso schnell wie die Forschung in der Entwicklung der Impfstoffe gearbeitet hat und zudem die Zulassungsverfahren gestaltet sind, muss auch die Ausrollung von Impfplänen in den einzelnen Ländern und deren Umsetzung in kurzer Zeit passieren. Die Planungen sind auch überall angelaufen, obwohl noch viele Fragen zu klären sind. Im Gesundheitsministerium koordiniert der Corona-Sonderbeauftragte Clemens Martin Auer die Vorbereitungen.

"Es wird eine sehr dynamische Angelegenheit sein", sagt Zeitlinger. Noch ist kein Impfstoff zugelassen, es fehlen auch noch Daten über die Wirksamkeit in bestimmten Altersgruppen, auch darüber, wie viele Impfdosen in welchem zeitlichen Abstand für eine Grundimmunisierung nötig sind. "Das wird der Impfplan zu Beginn noch nicht alles abdecken können", sagt der Pharmakologe. Klar ist nur, dass bei praktisch allen Vakzinen innerhalb eines Monats etwa eine zweite Impfung nötig ist. Auch bei der FSME-Impfung (Zecken) verlangt die Grundimmunisierung zwei Impfungen.

Dieses Faktum zeigt unter anderem auch, welche Bedeutung die Kommunikation spielen wird. Von der Masernimpfung etwa ist bekannt, dass zwar 95 Prozent zur ersten Impfung gehen, aber nur 82 Prozent zur zweiten kommen. Anders als beim Coronavirus braucht es bei Masern allerdings nicht grundsätzlich zwei Impfungen, es kann nur sein, dass die erste einfach nicht wirkt.

SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner, in ihrer Zeit in der Wissenschaft auf Impfprogramme spezialisiert, hat am Wochenende einen 7-Punkte-Plan für die Corona-Impfung präsentiert, wobei einer dieser Punkte auch die Kommunikation betrifft. Es brauche transparente Infos über Nutzen, Wirksamkeit, aber auch über mögliche Risiken der Impfung. Vertrauen sei hier entscheidend, so Rendi-Wagner.

Unterschiedliche Wirksamkeit bei Älteren

Zu den Risiken zählen nicht nur Reaktionen und Nebenwirkungen, sondern auch die Nicht-Wirkung. Bei den Phase-3-Studien der Hersteller Pfizer/Biontech sowie Moderna wurde eine Wirksamkeit von mehr als 90 Prozent errechnet. AstraZeneca berichtete am Montag von ebenfalls 90 Prozent für eine Test-Gruppe, jedoch auch über nur 62 Prozent bei einer zweiten Gruppe, die zweimal die volle Impfdosis erhalten hatte. Die erste Gruppe hatte bei der ersten Verabreichung nur die halbe Dosis bekommen. Das erscheint widersprüchlich, könnte aber auch nur eine statistische Auffälligkeit sein.

Doch selbst 90 Prozent Wirksamkeit bedeuten, dass in einem von zehn Fällen eine Covid-Erkrankung passieren kann. Daraus folgt, dass vor allem zu Beginn des Impfprogramms, wenn der Immunstatus in der Bevölkerung noch gering ist, die Beachtung von Hygieneregeln unverändert Relevanz haben - und zwar auch für Geimpfte.

Es ist auch möglich, dass die Wirksamkeit vom Alter abhängt. Bei der Influenzaimpfung ist bei älteren Personen die Effektivität deutlich geringer. Ob dies auch bei Corona-Impfungen der Fall ist, muss noch evaluiert werden. Welche Präparate für welche Altersgruppe überhaupt zugelassen werden, muss auch noch beantwortet werden. Das hängt auch davon ab, welche Personengruppen in den Studien eingeschlossen waren. "Manche Firmen haben Ältere eingeschlossen, aber wir wissen nicht, wie viele es waren, und der Einschluss an sich sagt auch noch nichts über die Schutzwirkung aus", sagt Zeitlinger. Laut dem Infektiologen Herwig Kollaritsch, der auch Mitglied des nationalen Impfgremiums ist, deuten aber die ersten Daten für Pfizer/Biontech sehr wohl darauf hin, dass die Schutzwirkung auch für alte Menschen gegeben ist. Das wäre insofern wichtig, da es sich dabei um die Risikogruppe für Covid-19 handelt, die gleich zu Beginn immunisiert werden soll. Relativ klar ist, dass keine Kinder immunisiert werden, da nur eine einzige Studie Kinder unter 12 Jahren eingeschlossen hat.

Anders als etwa bei der FSME-Impfung (Zecken) steht aber nicht nur der persönliche Schutz im Vordergrund. Ein Ziel ist auch der Herdenschutz. Dafür muss aber die Impfung auch die Transmission verhindern, nicht nur die Erkrankung. Auch diese Frage ist noch nicht geklärt. Wenn ein Infektionsschutz vorliegt, könnten Bevölkerungsgruppen priorisiert werden, die sehr viele Sozialkontakte haben müssen. "Es wird am Anfang nur beschränkt Impfstoff geben, daher stellt sich auch die Frage, wie ich die größte Wirkung erziele", sagt Zeitlinger.

Logistik für Verteilung als Herausforderung

Dass Gesundheitspersonal auch zu den ersten Gruppen gehört, die Zugang zur Impfung erhalten, gilt als gesichert. Im Epidemiegesetz ist auch festgehalten, dass für diese Gruppe eine verpflichtende Schutzimpfung möglich ist. Eine Impfpflicht wird es aber nicht geben, und es könnte auch Auswahlmöglichkeiten geben, zumindest langfristig. Gerade zu Beginn wird aber der Impfstoff verwendet werden müssen, der vorrätig ist.

Die Logistik, um möglichst schnell die vorhandenen Präparate zu impfen, ist komplex. Einerseits dürfte zumindest der Pfizer-Impfstoff eine Lagerung bei -80 Grad verlangen. Der Großhandel rüstet dafür gerade die Infrastruktur auf. Man sei bei der Beschaffung früh dran gewesen und daher gerüstet, heißt es vom Großhandelsverband Phago.

Klar ist, dass es einen niederschwelligen Zugang geben muss. In Wien erhielt man bei der kostenlosen Grippeimpfung heuer per Telefon oder online einen Termin, geimpft wurde in den Bezirksämtern und sogar in einer Straßenbahn. So ähnlich wird es wohl auch bei Corona sein.