Am 7. Dezember sollen die Schulen nach dem Corona-Lockdown nach dem Plan der türkis-grünen Bundesregierung wieder geöffnet werden. Ein Schreiben einer Direktorin einer Mittelschule (MS) in Wien-Favoriten, der im aktuellen Newsletter der Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter (FSG) der Pflichtschulpersonalvertreter am heutigen Mittwoch abgedruckt wurde, schildert emotional die Situation an ihrer Schule seit dem Schulbeginn Anfang September. Der "Wiener Zeitung" liegt das Schreiben an Bildungsminister Heinz Faßmann vor und bringt dieses fast vollständig:

"Sehr geehrter Herr Bundesminister,

zunächst bedanke ich mich als Pädagogin für diese Möglichkeit recht herzlich - immerhin habe ich bei Teststationen 2 x 39 € bezahlt, um meine Familie zu schützen, denn ich versehe als Schulleiterin nach wie vor täglich mit 63 Jahren und 92-jähriger Mutter, die ich jeden Tag bei mir habe, Dienst wie vorgesehen!

Dennoch muss ich als Schulleiterin einer MS in Wien Favoriten Folgendes anbringen: Bis dato waren an meinem Standort seit Schulbeginn 5 Klassen und ca. 18 Lehrpersonen in Quarantäne - keine einzige Lehrperson hat das Virus an den Standort gebracht, es waren Kinder - zum Teil asymptomatisch, aber auch mit Symptomen an die Schule geschickt. (...) Verzeihen Sie meinen Unmut. Ich kann es nicht mehr hören, dass die Schulen sicher sind und von Kindern KEINE Gefahr ausgeht.

Wenn Kinder nun nicht getestet werden, sondern nur Lehrpersonen: Wer schützt uns? Wie erfüllen Dienstgeber ihre Sorgfaltspflicht gegenüber unseren Pädagog/en/innen?

Ich schätze mich glücklich über Lehrpersonen an meinem Standort zu verfügen, die bereits seit September daran arbeiten, die Kinder auf Homeschooling vorzubereiten. Nebenbei gesagt, haben wir 70 Laptops an unsere 376 Kinder ausgegeben. Den Großteil haben wir von unserem Budget angeschafft (und dies schon lange, bevor Geräte Ihrerseits bereitgestellt wurden). Und meine Pädagog/en/innen erreichen sogar Kids, die als Schulverweigerer gelten… die, die nicht arbeiten wollen, erreichen wir auch im Präsenzunterricht nicht!

Und ganz persönlich gesagt:

Ich fürchte mich vor einem Start am 7.12., wenn er ähnlich wie im September ablaufen sollte - ohne Maske, 25 Kinder auf 65 Quadratmeter plus oft 2 Lehrpersonen; 4. Klassen, in denen 20 Prozent über 80 Kilogramm haben, dicht gedrängt aneinander… und Lehrer/innen ohne FFP-2-Masken, die bis heute noch nicht geliefert wurden!

Ich fürchte mich dieses Leid nochmals in meinem Lehrkörper zu erleben, vor der Angst von Kolleg/en/innen, die wie ich alte Eltern betreuen oder Partner in Risikogruppen haben! Und ich frage mich: Sind wir Pädagog/en/innen Gottes vergessene Kinder… oder vor einem NEIN des Dienstgebers!

Ich würde mich glücklich schätzen, wenn mal erwähnt würde, wie viele Pädagog/en/innen in dieser so schwierigen Zeit leisten, wie sie Kinder und Eltern gleichermaßen betreuen anstatt nur zu hören, wie sehr Eltern durch Homeoffice und Kinderbetreuung belastet sind.

Ich würde mich freuen, wenn Sie realisieren, dass Lehrer/innen seit jeher im Homeoffice sind - für die gibt es keine adäquaten Arbeitsplätze an den Schulen, geschweige denn eigene PCs…und Vorbereitungen passieren ausschließlich zu Hause, neben der Versorgung der eigenen Kinder und Familien!

Und noch persönlich gesagt:

Ich würde mich freuen, wenn man auch uns Leiter/innen den Rücken stärken würde anstatt ausgegebene Elternbriefe einzusammeln - meinen habe ich nämlich bereits am 15.11. nach der Pressekonferenz ausgesendet, weil die Eltern völlig verunsichert waren… und auch alle Lehrer/innen wissen wollten, wie es weitergehen wird.

Und last but noch least würde mich freuen, wenn dieses Schreiben den Adressaten auch wirklich erreicht - nicht nur physisch, sondern auch emotional!

Mit dennoch freundlichen Grüßen aus der Kanzlei!"