Ludwig Adamovich junior ist mittlerweile 88 Jahre alt. Der ehemalige Präsident des Verfassungsgerichtshofs (1984 bis 2002) beriet anschließend erst Bundespräsident Heinz Fischer und jetzt Alexander Van der Bellen. Nun hat er unter dem Eindruck der Pandemie ein schmales Buch geschrieben über das, was schiefläuft in Österreich, mitsamt einigen Verbesserungsvorschlägen. Die "Wiener Zeitung hat mit Adamovich darüber gesprochen.

"Wiener Zeitung": Als liberaler Wegweiser für unsere freiheitsliebende Gegenwart gilt der Grundsatz: Alles muss erlaubt sein, was nicht explizit verboten ist. In der Pandemie wird dieses Prinzip jetzt grundsätzlich in Frage gestellt, auch von Ihnen, wenn Sie schreiben: "Nicht alles, was wir tun dürfen, sollen wir auch tun."

Ludwig Adamovich: "Wo wir stehen." Wien, Verlag edition a, 127 Seiten, 16 Euro.
Ludwig Adamovich: "Wo wir stehen." Wien, Verlag edition a, 127 Seiten, 16 Euro.

Ludwig Adamovich:Mein Satz ist eine moralische Aussage, keine rechtliche, und ich halte ihn auch für richtig. Es gibt unzählige Handlungen, für die keine Rechtsvorschriften existieren, die aber besser trotzdem unterlassen werden sollten. "Erlaubt" ist hier der Schlüsselbegriff: Wenn etwas rechtlich erlaubt ist, ist das eine klare Sache, etwas anderes ist, ob etwas im Sinne einer moralischen oder gesellschaftlichen Konvention erlaubt ist.

Wie blicken Sie auf den erbitterten politischen wie juristischen Streit um jedes Detail der Maßnahmen gegen Covid-19?

Diese Diskussion ist schon verständlich, hier muss man einfach sehr genau auf die Details achten. Und ungeachtet der moralischen Komponente, wie man sich inmitten einer Pandemie verhalten sollte, muss man wissen, was der Gesetz- oder Verordnungsgeber ausdrücklich für unzulässig erklärt.

In Ihrem Buch schreiben Sie gegen Ende: "Die Mehrzahl der Politikerinnen und Politiker sind sehr kluge Leute, die gewissenhaft und ohne großes Aufsehen ihrer Arbeit nachgehen. Haben wir Vertrauen in sie." In der Realität werden Politiker oft generalisierend als opportunistische Egomanen, die quasi zu allem bereit seien, denunziert. Von einem Grundvertrauen in die Politik ist da oft wenig zu spüren. Was ist da schiefgelaufen?

Dieses Problem ist nicht von heute auf morgen entstanden. Aktuell sind die Wirkungen aufgrund der Corona-Krise nur dramatischer als früher. Es gibt in der Bevölkerung eine Stimmung, die a priori davon ausgeht, dass Regierung und Behörden darauf aus sind, die Menschen zu schikanieren und zu ärgern. Das bricht immer stärker in den verschiedensten Formen hervor, teils durch einfaches Nicht-Beachten von Regeln und Vorschriften, teils aber auch durch aktiven Widerstand, glücklicherweise bei uns noch nicht in einem Ausmaß, wie es kürzlich in Berlin geschah, wo die Polizei mit Wasserwerfen gegen Protestierende vorgehen musste, die gegen die Corona-Politik der Regierung demonstrierten. Das wächst sich zu einer sehr unangenehmen Situation aus, denn wenn nicht ein Mindestmaß an Vertrauen in die Politik besteht, dann wackelt schnell das ganze System.

Die Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker sind das eine, aber daneben gibt es eine erhebliche Zahl von Menschen, die entweder überzeugt sind, die ganze Politik sei korrupt, oder die glauben, ausschließlich der ideologische Gegner sei käuflich und verkommen. Haben Sie eine Erklärung für dieses Ausmaß an Aggressivität zwischen den Parteien, die sich mittlerweile in jeder öffentlichen Debatte gegenseitig Anstand und demokratische Gesinnung absprechen?

Das ist leider eine völlig richtige Beobachtung. Natürlich gehört es in einem System, das zwischen Mehrheit und Minderheit unterscheidet, dazu, dass die Opposition alles, was die Regierung macht, kritisiert. Die Frage ist nur, in welchem Ton und mit welchen Mitteln. Die jüngste Entwicklung verstärkt das ohnehin bestehende Misstrauen und ist alles andere als sympathisch. Politiker, die so agieren, haben allein die nächsten Wahlen im Kopf. Allerdings muss man auch klar sagen, dass es einige Vorgänge gegeben hat - Ibiza-Affäre, Verbindungen zur Glücksspielbranche und die parteipolitische Instrumentalisierung des Verfassungsschutzes -, die Material für ein solches Verhalten geliefert haben. Trotzdem darf man daraus nicht ableiten, dass die Politik im Ganzen korrupt und unfähig sei.

Sie bezeichnen sich als gläubigen Christen, als Katholiken, und das persönliche Gewissen des Einzelnen, das Sie als Beweis für die Existenz Gottes verstehen, ist für Sie der wichtigste moralische Kompass. Zumindest Ersteres ist heute ungewöhnlich.

Eben weil es aus der Mode gekommen ist, solches laut auszusprechen, habe ich es getan. Das Gewissen ist ein Thema, mit dem ich mich schon lange auseinandergesetzt habe, und zwar auf den verschiedensten Ebenen; das reicht von der tiefenpsychologischen bis zur moraltheologischen Ebene. Man kann das Gewissen bis zu einem bestimmten Grad erklären, aber der letzte Grund für seine Existenz bleibt dennoch unsicher. Und wenn man sagt, das Gewissen sei Gottes Stimme, dann handelt man sich - entgegen der scheinbaren Klarheit - etliche Probleme ein.

Warum gerade jetzt?

Weil ich überzeugt bin, dass das Gewissen gerade jetzt eine besondere Rolle spielt. Es gibt sicher viele, die von den Vorschriften zur Eindämmung der Pandemie genug haben; aber jemand, der ein bisschen denken kann, wird sich sagen, dass diese Maßnahmen ihren vernünftigen Sinn haben. Vor allem wird derjenige erkennen, dass es nicht nur um seine Person geht, sondern um seine Mitmenschen. Ich bin zwar kein Sozialforscher, aber hier liegt, so fürchte ich, einiges im Argen. Aber wer kümmert sich darum? Auch das ist ein wesentlicher Teil des Problems.

Sie äußern in Ihrem Buch die Erwartung, dass Österreich ein christlich geprägtes Land bleiben wird. Warum glauben Sie das angesichts der stetig sinkenden Zahl an Menschen, die sich zum Christentum bekennen?

Es ist eine gewisse Hoffnung, mehr nicht, eine Spekulation. Ich glaube eben, dass - zumindest versteckt - selbst in einer säkularisierten Gesellschaft immer noch christliche Ideen und Traditionen lebendig sind. Wenn man sich die Geschichte anschaut, dann zeigt sich, dass selbst die wildesten Revolutionäre, die gegen Missstände im Zusammenhang mit der Kirche aufgetreten sind, dann oft wieder nur, wenngleich in anderen Worten, christliches Gedankengut verkündet haben. Ausnahmen gibt es allerdings sehr wohl.