Diesen Donnerstagabend beginnt das achttägige jüdische Lichterfest Chanukka, gleichzeitig bereiten sich die Christen im Advent auf die Ankunft Jesu zu Weihnachten vor. Dass Christen und Juden die gemeinsamen Traditionen und Vorstellungen in den Mittelpunkt ihrer komplizierten und für die Juden schicksalhaften Beziehungen stellen, ist relativ neu. Über Jahrhunderte betonte das christliche Abendland vor allem die scharfe Abgrenzung, die im Vernichtungsfeldzug der Nazis schließlich ihren Höhepunkt fand. Vor diesem Hintergrund hat die "Wiener Zeitung" mit Jaron Engelmayer, dem neuen Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG), und Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka gesprochen.

"Wiener Zeitung": Österreich möchte jüdisches Leben sichtbarer machen. Darin steckt auch ein Risiko, weil sich Attentäter, seien diese rechtsextrem oder islamistisch, immer wieder gezielt jüdische Ziele aussuchen.

Jaron Engelmayer: Das ist immer eine heikle Gratwanderung. Sicherheit muss gewährleistet sein, aber es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, dass jüdische Identität offen und ungefährdet gelebt werden kann. Ich schätze an Wien, dass Juden hier ihr Judentum offen zeigen können und dass es auch auf den Straßen für alle sichtbar ist. Sicherheit und Sichtbarkeit sicherzustellen, ist eine zentrale Aufgabe der IKG. Wenn man sich als Jude verstecken muss, zeigt das, dass in einer Gesellschaft eine schwierige Situation besteht.

Wolfgang Sobotka: Sicherheit für Juden oder ihre Sichtbarkeit: Das darf niemals die Alternative sein, weil es einer Kapitulation vor dem Antisemitismus gleichkommt. Wir wissen, dass dieser generell wieder ansteigt, deshalb ist das für das Parlament wie die Bundesregierung und auch die EU ein Anliegen, aktiv gegen Antisemitismus vorgehen. Dazu zählt natürlich auch die finanzielle Unterstützung der IKG. Wenn man den Antisemitismus bekämpft, geht es nie nur um die Ränder der Gesellschaft, sondern man muss sich um die Mitte kümmern. Es muss wieder ein Tabu sein, sich aus der Mitte mit den alten antisemitischen Stereotypen zu äußern. Jüdinnen und Juden gehören zu Österreich, sind Österreicher.

"Das Judentum gehört zu Österreich wie die Milch zur Melange", hat IKG-Präsident Oskar Deutsch einmal gesagt. Historisch betrachtet ist die Rede von der christlich-jüdischen Tradition Österreichs und Europas erst nach der Schoah entstanden. Davor hatten beide ausschließlich christliche Wurzeln, und theologisch hat sich die Kirche scharf abgegrenzt. Heute suchen beide Religionen nach dem Verbindendem.

Engelmayer: Wir dürfen uns wirklich freuen, in einem anderen, einem neuen Zeitalter zu leben. Eine wichtige Zäsur für die katholische Kirche war dabei das Zweite Vatikanische Konzil und die Erklärung "Nostra aetate" (lateinisch für "in unserer Zeit"; Anm.) von 1965, das die Beziehungen zwischen Juden- und Christentum auf neue Beine gestellt hat. Deswegen hat der Begriff "christlich-jüdisch" heute eine ganz andere Bedeutung als noch in der Vergangenheit. Trotzdem gehört das Judentum zur langen Geschichte Europas, die ersten Belege stammen aus dem frühen 4. Jahrhundert und wurden in Köln gefunden. Richtig ist aber: Einen richtigen Dialog auf Augenhöhe und gegenseitiges Vertrauen gibt es erst seit einigen Jahrzehnten.

Wirklich sichtbar zu sein, ist nicht nur eine Frage der Qualität, sondern auch der Quantität. Schätzungen zufolge leben heute rund 15.000 Juden in Österreich. Im Jahr 1938, vor dem Holocaust, waren es noch mehr als 200.000. Alle Kultusgemeinden zusammen kommen gerade einmal auf etwa 8.000 Mitglieder. Soll die jüdische Gemeinde wachsen und, wenn ja, wie?

Sobotka: Sie soll wachsen, das ist unser Ziel. Deswegen hat der Nationalrat kürzlich ein neues Staatsbürgerschaftsgesetz beschlossen, das Nachfahren von Schoah-Opfern die Möglichkeit gibt, die Staatsbürgerschaft zu erwerben. Der schwere Fehler, die Menschen nicht gleich nach 1945 zur Rückkehr einzuladen, lässt sich nicht mehr gutmachen. Umso mehr bemühen wir uns jetzt, Österreich als sicheres Land für Juden zu präsentieren. Das ist Teil unserer historischen Erfahrung, das verlangt der Respekt vor den vielfachen und großen Leistungen jüdischer Mitbürger von vor 1938, zumal ich immer wieder beeindruckt bin über die Tatsache, dass sich auf der letzten Seite des Gebetsbuchs, des Siddur, ein Bekenntnis zum jeweiligen Land und seiner Verfasstheit wiederfindet, wo die Gemeinde lebt.

Engelmayer: Zu wachsen ist natürlich ein Ziel der IKG, die eine unglaublich lebendige, aktive und im deutschsprachigen Raum enorm attraktive Gemeinde in Relation zu ihrer geringen Mitgliederzahl ist. Hier hoffen wir auf positive Folgen des neuen Gesetzes, um wieder mehr jüdische Zuwanderung zu schaffen.

Donnerstagabend beginnt das traditionelle achttägige Lichterfest, Chanukka genannt. Die Christen feiern gleichzeitig den Advent in Vorbereitung auf die Geburt Jesu. Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen diesen beiden Festen?

Engelmayer: Dass Christen wie Juden ein Lichterfest im Winter feiern, kommt nicht von ungefähr: Wir Menschen suchen in dunklen Zeiten das Licht, wir sehnen uns nach Wärme und Geborgenheit im Familiären. All das kommt in beiden Festen zum Ausdruck. Der historische Hintergrund ist allerdings ein gänzlich anderer. Das Chanukka-Fest erinnert an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem vor mehr als 2.100 Jahren. Damals wehrten sich die Juden erfolgreich gegen die Unterdrückung ihres Glaubens durch die hellenistischen Herrscher. Zur Erinnerung daran zünden wir zu Chanukka Kerzen an.

Sobotka: Als einfacher Katholik bin ich natürlich einem Oberrabbiner nicht ebenbürtig, aber ich weiß, dass die Tradition des Adventkranzes wie auch des Weihnachtsbaums aus dem protestantischen Norddeutschland stammt. Im Advent bereiten sich die Christen auf die Ankunft Jesu vor. Bei diesem Treffen soll es aber um die verbindenden Symbole gehen, die die abrahamitischen Religionen miteinander teilen. Hier hat, wie bereits gesagt, das Zweite Vatikanum eine wichtige Rolle gespielt, und ich denke, dass die Kirche viele weitere Schritte setzen muss, um die weiter bestehenden Ressentiments zu überwinden und ein offenes Miteinander zu ermöglichen.

Weil Sie die abrahamitischen Religionen ansprechen: Dazu zählt auch der Islam, doch der fehlt heute. Warum?

Sobotka: Im Mittelpunkt stehen hier die Verbindungen zwischen Juden und Christen. Auch mit dem Islam gibt es einen intensiven Austausch, aber in einem anderen Rahmen und mit anderen historischen wie aktuellen Hintergründen und Notwendigkeiten.

Wie schwierig ein gemeinsamer Blick ist, zeigt auch die unterschiedliche Bedeutung von "niemals wieder": Für Juden ist es ein Bekenntnis zu Wehrhaftigkeit und Stärke, die Nachkommen der Täter-Generation verstehen es als Appell gegen Gewalt und Rassismus.

Engelmayer: "Niemals wieder" ist für mich mit Blick auf Gegenwart und Zukunft eine verbindende Forderung, dass wir alle gemeinsam aufgerufen sind, dass solche Gewaltverbrechen verhindert werden.

Sobotka: Ich stimme dem hundertprozentig zu.

Wie verändert die Pandemie die beiden Lichterfeste?

Sobotka: Die außergewöhnliche Situation hilft vielleicht, die ursprüngliche Intention des Advents als Zeit der Stille wieder stärker zu betonen. Aus meiner Wahrnehmung kommt das auch einem neuen Bedürfnis nach Einkehr entgegen. Gleichzeitig erleben wir eine durch Corona erneut gesteigerte Emotionalität auf allen digitalen Kanälen.

Engelmayer: Jüdische Feste leben von ihrer lebendigen Geselligkeit. Corona verhindert das heuer, aber in der Gemeinde wird an mehreren Konzepten gearbeitet, um das Fest dennoch zu begehen, und die größtenteils virtuell stattfinden werden. Dafür tritt der familiäre Charakter des Fests wieder stärker in den Vordergrund.