Die Bundesregierung hat am Mittwoch erstmals die Möglichkeit eines dritten Lockdowns in den Raum gestellt. Konkret sagte Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) nach dem Ministerrat in Bezug auf die Beteiligung der Bevölkerung an den Massentests: "Wenn wir die Testrate nicht erhöhen, dann wird es wieder notwendig sein, drastische Maßnahmen zu setzen."

Der ursprüngliche Plan der Regierung sieht für die Weihnachtszeit einerseits Lockerungen vor, um Familientreffen zu ermöglichen, andererseits wird es Reisebeschränkungen geben. Während die Verordnung für eine Quarantänepflicht bei der Einreise nach Österreich in dieser Woche vorliegen soll, gab sich Gesundheitsminister Rudolf Anschober zögerlich bei der Ausgestaltung der "Weihnachts-Verordnung". Man müsse die Entwicklung abwarten.

Die Fallzahlen sind nach wie vor rückläufig, und Anschober rechnet auch mit einem nachziehenden Lockdown-Effekt von etwa zehn Tagen. Der Sieben-Tage-Durchschnitt fiel am Mittwoch auch wieder unter 3.000 Neuinfektionen pro Tag. "Es ist aber noch viel zu hoch", so Anschober. Pro Woche sterben rund 650 Personen an Covid-19, damit sorgt eine einzige Infektionserkrankung für mehr als ein Viertel aller Sterbefälle - nicht entdeckte Covid-19-Fälle noch nicht eingerechnet.

Zusätzlich Druck kommt auch durch die jüngste Entwicklung in Deutschland, das trotz einer geringeren Inzidenz, als sie in Österreich vorliegt, Schritte in Richtung Lockdown vornimmt. Kanzlerin Angela Merkel will nach einem Appell der Wissenschaft die Schulferien verlängern sowie die Weihnachtszeit für weitere Kontaktbeschränkungen nutzen.

In Österreich ist dagegen vorgesehen, dass der Schulunterricht bis zum 23. Dezember läuft, dadurch wäre eine freiwillige Selbstisolation vor den Feierlichkeiten, mutmaßlich auch mit Großeltern, für viele Familien nicht möglich.

Ein weiteres Indiz, dass die Regierung in Österreich womöglich ihren erst in der Vorwoche präsentierten Plan für die Lockerungen adaptieren wird, lieferte am Mittwoch auch Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), der in einer Aussendung den Aufruf der deutschen Wissenschafter als "für Österreich hilfreich" bezeichnete.

Der weitere Plan der Bundesregierung sieht vor, dass nach dem Ende der Ferien sowohl die Reisebeschränkungen als auch die Sperre der Gastronomie aufgehoben werden. In der Presseunterlage des Bundeskanzleramts vor einer Woche zu den geplanten Öffnungsschritten war der Bereich der Gastronomie mit dem Vermerk "abhängig vom Infektionsgeschehen" versehen.

"Wer testet, schafft Sicherheit"

Eine Hoffnung bleibt aber der Massentest, der in Wien noch bis zum 13. Dezember läuft und am kommenden Wochenende in allen anderen Bundesländern stattfindet. Nur Tirol und Vorarlberg haben bereits getestet. Die Beteiligung dort war zwar höher als in Wien, aber dennoch weit unter den rund 50 Prozent, die von Wissenschaftern aus Harvard als kritischer Wert gesehen wird, um durch ein solches Screening eine signifikante Reduktion der Infektionen auszulösen.

Umso eindringlicher waren die Appelle und Bitten der Bundesregierung am Mittwoch für eine rege Beteiligung. "Wer testet, schafft Sicherheit und leistet einen Beitrag, damit es keinen weiteren Lockdown gibt", sagte Nehammer. Anschober ergänzte: "Es muss uns doch Wert sein, eine halbe Stunde Zeit dafür zu nehmen."

Eine wirkliche Nachhaltigkeit von solchen Massentests wird von Wissenschaftern jedoch skeptisch gesehen, wenn sie nicht regelmäßig, in kurzen Abständen, wiederholt werden. Das ist auf Ebene der gesamten Bevölkerung aber nur in der Theorie möglich. In der Slowakei gehen die Zahlen einige Wochen nach den Massentests auch wieder deutlich nach oben.

Eine zweite Screening-Runde wird es in Österreich nach den Ferien, sagte Anschober, der genaue Zeitplan werde noch mit den Bundesländern abgestimmt. Bei sehr reger Beteiligung könnten im Idealfall aber doch einige Tausend Infizierte gefunden werden, oftmals noch ehe sie das Virus an andere Personen weitergeben. Bisher waren es laut Anschober 2.000 Infizierte. Der Effekt wäre, ähnlich wie in der Slowakei, nur kurzfristig, aber gerade rechtzeitig für die Weihnachtszeit. Logisch ist: Je niedriger die Inzidenz rund um den Heiligen Abend ist, desto weniger Familien-Cluster wird es über die Feiertage geben.