Rund 349.000 Personen oder 4,7 Prozent der Bevölkerung haben laut der ersten österreichweiten Sars-CoV-2-Antikörperstudie bis Ende Oktober eine Covid-19-Infektion durchgemacht. Das ergab eine Seroprävalenz-Studie der Statistik Austria, die von Bildungsminister Heinz Faßmann am Freitag präsentiert wurde. Da sich seither die Infektionszahlen aber dramatisch erhöht haben, ist mittlerweile von einem zweistelligen Wert auszugehen.

Die Blutabnahmen erfolgten Mitte November, gleichzeitig mit der damals auch durchgeführten Dunkelfeldstudie mit PCR-Test. Da jedoch die gesuchten Antikörper erst nach einigen Wochen nach der Infektion gebildet werden, lässt sich kein exakter Vergleichswert mit den offiziellen Zahlen definieren. Errechnet wurde von der Statistikbehörde eine etwa zweieinhalb Mal so hohe Dunkelziffer an durchgemachten Infektionen wie damals offiziell bekannt waren.

Blick in die Vergangenheit

Bei der bereits Ende November präsentierten Dunkelfeldstudie mit PCR-Tests kam ein ähnlicher Multiplikator heraus, nämlich der Faktor zwei, wobei sich die Konfidenzintervalle überlappen. Die Antikörperstudie blickt zudem in die Vergangenheit, da auch frühere Infektionen entdeckt werden. Beide Studien gemeinsam deuten darauf hin, dass es zwar eine Unterschätzung des Infektionsgeschehens gibt, diese aber nicht so hoch ist, wie noch im Frühjahr angenommen.

Für die Studie wurde bei 2.229 Personen über 16 Jahren Blut abgenommen, um die sogenannte Seroprävalenz zu bestimmen. Gegen eine Infektion mit dem Sars-CoV-2-Virus schützende, neutralisierende Antikörper wurden in insgesamt 92 Proben festgestellt.

Von einer vielfach erhofften Herdenimmunität, die der Virusverbreitung auf natürlichem Weg Einhalt gebieten würde, sei man mit 4,7 Prozent oder etwas darüber "noch weit entfernt", konstatierte der Virologe Lukas Weseslindtner von der MedUni Wien. Dazu bräuchte es eine Durchseuchungsrate von 60 bis 70 Prozent. Zu beachten ist, dass sich seit Anfang November die Zahl der offiziell bekannten Infektionen in etwa verdreifacht hat. Die Ages weist rund 311.000 Infektionen seit Beginn der Pandemie aus, Ende Oktober waren es noch rund 110.000. Entsprechend wird auch die Seroprävalenz gestiegen sein.

61 Prozent waren nicht zuvor positiv getestet worden

Interessant auch: Unter den positiv auf Antikörper getesteten Personen waren 61 Prozent vorher nicht im Epidemiologischen Meldesystems (EMS) registriert gewesen. 26 dieser 57 Studienteilnehmer berichteten über nur ein oder gar kein Covid-19-Symptom, der Großteil ging auch davon aus, nicht oder nur sehr unwahrscheinlich infiziert gewesen zu sei. Das zeige abermals, dass das "Virus relativ unbemerkt an einigen Personen vorbeigezogen" ist, sagte die Studien-Projektleiterin der Statistik Austria, Matea Paskvan.

Die Beantwortung der Fragebögen habe gezeigt, dass viele Fälle "sehr symptomarm" verliefen. Auch wenn damit nicht gesagt ist, dass diese Personen als "Superspreader" fungieren, gehe von ihnen eine Ansteckungsgefahr aus, so der Experten-Tenor. Im Zuge der mit mehreren Antikörper-Testverfahren - inklusive Neutralisationstests bei positiven Ergebnissen - akribisch durchgeführten Studie hat sich überdies gezeigt, dass bei nahezu allen im EMS gemeldeten Fällen auch neutralisierende Antikörper gefunden wurden, sagte Paskvan. Das war auch bei Personen so, die relativ milde Infektionen nachweislich bereits vor rund acht Monaten durchgemacht hatten.

Aus dem Vorhandensein der gezielt gegen das Sars-CoV-2-Virus gerichteten Antikörper lasse sich auch auf Immunität schließen, sagte Weseslindtner. Es habe sich zwar bei länger zurückliegenden Infektionen eine gewisse Abnahme gezeigt, ebenso hatten Menschen mit eher mildem Verlauf weniger Antikörper. Diese Werte seien aber im erwartbaren Bereich gelegen.

In der bundesweiten Antikörperstudien-Premiere ergab sich überdies ein West-Ost-Gefälle bei den bereits durchgemachten Infektionen. So lag die Seroprävalenz in Vorarlberg, Tirol, Salzburg und Oberösterreich mit 5,7 Prozent über dem für Wien, Niederösterreich und das Burgenland errechneten Wert von 3,8 Prozent. Für Kärnten und die Steiermark wurde fünf Prozent als wahrscheinlichster Wert ermittelt. (sir)