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Europas Corona-Forscher verlangen radikale Umkehr

Gemeinsame Stellungnahme im Fachjournal "Lancet": Das Managen der Pandemie mit hohen Fallzahlen ist gescheitert.

von Simon Rosner

Der eine kommt gerade aus dem Lockdown, der andere geht schon wieder in den Lockdown. Das ist das Bild in diesem Herbst, nachdem im Frühling bei den Maßnahmen in Europa weitgehend Gleichklang geherrscht hat. Jetzt ist alles anders. "Es ist zu wenig koordiniert", sagt Gesundheitsökonom Thomas Czypionka vom IHS.

Gemeinsam mit einer Vielzahl anderer europäischer Wissenschafter hat Czypionka an einer Stellungnahme gearbeitet, die am Samstag in der Fachpublikation "Lancet" erscheint und eben ein gemeinsames europäisches Vorgehen einmahnt. Man bewege sich sonst in einem ewigen Kreislauf.

"Wir können die Fallzahlen in Österreich nur niedrig halten, wenn auch in Nachbarstaaten das Infektionsgeschehen gering ist", sagt Eva Schernhammer, Epidemiologin der MedUni Wien und eine von drei Co-Autoren der Stellungnahme aus Österreich. Das gilt freilich nicht nur exklusiv für Österreich. Auch wenn der Tourismus ruht, gibt es in Europa Reisetätigkeit und Grenzverkehr.

Die Initiative für die pan-europäische Stellungnahme kam von der deutschen Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut in Göttingen. Unter den Unterzeichnern findet sich das gesamte Who’s Who der Corona-Experten Europas, darunter die deutschen Virologen Christian Drosten und Sandra Ciesek, Isabella Eckerle aus Genf, Vertreter der führenden britischen Universitäten sowie auch Lothar Wieler vom Robert-Koch-Institut und auch Daniela Schmied von der Ages in Wien.

"Ziele zu wenig ambitioniert"

Die Wissenschafter verlangen aber nicht nur ein europaweit koordiniertes Vorgehen in der Pandemiebekämpfung, sondern auch eine viel stärkere Absenkung der Inzidenz in Richtung von nur 10 Fällen pro Million Einwohner pro Tag. Diesen Wert hatte Österreich zuletzt Mitte Juli. "Die Ziele sind zu wenig ambitioniert", sagt Czypionka. Auch der volkswirtschaftliche Schaden sei bei einer höheren Inzidenz größer, wenn ständig ein substanzieller Anteil der Bevölkerung behördlich in Quarantäne sei.

Nur wenn die Fallzahlen sehr niedrig seien, könne man einerseits vulnerable Bevölkerungsgruppen schützen, andererseits die Cluster durch Contract Tracing effektiv austrocknen. Wenn in ganz Europa die Ziele gemeinsam verfolgt werden, sei auch Reisetätigkeit möglich. "Das Virus stoppt nicht an den Grenzen", sagt Initiatorin Priesemann.

Die Wissenschaft fordert in dem Papier nicht weniger als eine radikale Umkehr der bisherigen Corona-Politik in Europa, die im Herbst darauf abzielte, dem Infektionsgeschehen erst dann mit harten Maßnahmen zu begegnen, wenn eine Überbelegung der Intensivstationen droht. Eine Kontrolle über das Virus sei dann aber nicht mehr möglich, so die Autoren. Die Folge: Betagte und Erkrankte könnten nicht mehr geschützt werden, Todeszahlen steigen dramatisch, mehrere Lockdowns sind nötig.

"Es gibt mehr Evidenz"

Bisher ist die Wissenschaft, die vielerorts der Politik beratend zur Seite stand, nicht so vereint mit derart offensiven Positionen an die Öffentlichkeit gegangen. "Es gibt jetzt mehr Evidenz, die teilweise aber nicht beachtet wird. Mit mehr Evidenz traut sich auch die Wissenschaft stärkere Empfehlungen zu", sagt Czypionka.

Im Herbst sind nun auch weitere Erkenntnisse gesammelt worden, etwa dass Teil-Lockdowns auf längere Sicht nicht funktionieren würden, wie Priesemann erklärt. Ganz Europa ist mit hohen Todeszahlen konfrontiert. Jeden Tag sterben in der EU etwa 3.500 Personen an einer einzigen Infektionserkrankung: Covid-19.

Das Ziel von nur 10 Fällen pro Million Einwohner pro Tag ist tatsächlich sehr ambitioniert. "Aber was gefehlt hat, war ein klares, gemeinsam formuliertes Ziel", sagt der Komplexitätsforscher Peter Klimek, der auch an dem Papier mitschrieb. Ein solches Ziel könnte auch die kollektive Mitwirkung der Bevölkerung wieder erhöhen, so die Hoffnung.

Sind die Fallzahlen niedrig, und zwar europaweit, müssten diese dann auch niedrig gehalten werden. "Bei lokalen Ausbrüchen muss man dann herzhafter reagieren", sagt Klimek. Auch die Testrate müsse bei niedriger Inzidenz konstant hoch bleiben.

Einen Tag nach dem Ende des Lockdowns in Österreich am 7. Dezember hatte in Deutschland ein Positionspapier der "Leopoldina"-Akademie für Aufsehen gesorgt, in dem renommierte Forscher einen Lockdown für Deutschland forderten. Mit etwas Verspätung griff die deutsche Politik die Forderung auf.



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