Als im Stift Heiligenkreuz im November ein kleines Corona-Cluster entstanden ist, hat sich Altabt Gregor Henckel-Donnersmarck, der mit 77 Jahren zur Risikogruppe gehört, aus Sicherheitsgründen in Selbstisolation begeben. Denn die Botschaft der Kirche lautet zwar: "Fürchtet euch nicht!" Aber man soll Gott auch nicht durch bewusstes Fehlverhalten auf die Probe stellen, wie er sagt. Im Interview spricht er über die Lehren aus nunmehr drei Lockdowns, warum er Europa an sich selbst zugrunde gehen sieht, aber seiner Meinung nach die Kirche auch ohne Frauenpriestertum und verheiratete Priester weiterbestehen wird.

"Wiener Zeitung": Was nehmen Sie als Katholik für Ihre Kirche aus diesem Jahr 2020 mit?

Gregor Henckel-Donnersmarck: Ich glaube, dass wir uns stärker darauf einstellen müssen, dass wir eben nicht alles können, wie es eine Mentalität der vergangenen Jahrzehnte war: "Wir können Krankheiten besiegen, technische Neuerungen durchsetzen, haben die tollste Kommunikation rund um den Globus." Aber hier wird jetzt eine Erfahrung spürbar, dass wir nicht alles können. Die falsche Reaktion darauf ist, der Regierung, den Wissenschaftern, den Medien, Bill Gates oder sonst wem die Schuld zuzuschieben. Für den Glauben hoffe ich, dass viele Menschen doch vielleicht etwas nachdenklicher werden und nicht nur im Konsum oder in der Spaßgesellschaft ihre Befriedigung finden wollen.

Hat das Mitmachen der Lockdowns in dieser Form - die Bilder vom Papst auf dem leeren Petersplatz oder vom leeren Stephansdom sind vielen lebhaft in Erinnerung - der Kirche gesellschaftlich geschadet? War sie zu obrigkeitshörig?

Ich glaube nicht. Ich sehe das als Akt der Solidarität und der Vernunft, dass man den Entscheidungen der Regierung zugestimmt hat. Obendrein ist es ja interessant, gerade wenn ich mit Ihnen als Medienvertreter spreche: Die Neuen Medien mit den Livestream-Möglichkeiten haben uns ein völlig neues Gefühl der Feier der Heiligen Messe gegeben. Dadurch kommt die Kirche mit Menschen und Familien in Berührung, die vielleicht jahrzehntelang keinen normalen Gottesdienst mehr besucht haben.

Die Einsamkeit der Osterfeier 2020 im Wiener Stephansdom - ein Sinnbild für den Zustand der Kirche? - © apa/Hans Punz
Die Einsamkeit der Osterfeier 2020 im Wiener Stephansdom - ein Sinnbild für den Zustand der Kirche? - © apa/Hans Punz

Verliert die Kirche da nicht jene, die bisher wenigstens zu Ostern und Weihnachten gekommen sind?

Die Spreu trennt sich doch schon seit Jahrzehnten vom Weizen. Es werden immer weniger Katholiken, immer weniger Kirchenbeitragszahler. Diese Tendenz gibt es seit vierzig, fünfzig Jahren. Man darf sie nicht wegleugnen und muss versuchen, pastoral darauf einzugehen. Aber es ist ein europaweiter Trend, dem wir uns stellen müssen. Gerade zu Weihnachten müssen wir trotzdem die Botschaft Jesu Christi neu und zentral verkünden. Denn so wichtig die Sonntagsmesse und die Liturgie zu Weihnachten ist - das Wichtigste ist der Glaube an Gott: Dieser eine große dreifaltige Gott ist vor etwa zweitausend Jahren Mensch geworden, einer von uns. Und unser Auftrag lautet, um den früheren Limburger Bischof Franz Kamphaus zu zitieren: "Mach es wie Gott - werde Mensch!" Ich finde diesen Satz wunderschön, weil er einerseits die Initiative Gottes von oben nach unten zeigt, und andererseits, dass wir, die ihr Menschsein ja doch immer wieder verfehlen und nicht so erreichen, wie wir es uns wünschen würden, von unten her versuchen, den menschgewordenen Gott in Jesus Christus zu kopieren und so unser Menschsein in eine neue, bessere Ebene zu heben. Das ist wichtiger als jede Krippe und jeder Christbaum, der ja noch dazu ein völlig sinnloses heidnisches Symbol ist. Wir müssen immer klar verkünden, worum es eigentlich geht.

Sie sind also zuversichtlich, dass heuer nicht nur Altes verloren gegangen ist, sondern auch Neues entstanden?

Wir sind als Christen von Beruf Hoffnungsträger. Daher ist für uns die Corona-Krise sehr bedauerlich, und wir kämpfen auch dagegen an, aber Christoph Kardinal Schönborn hat immer wieder richtig gesagt: Die Hoffnung stirbt nie.

Ihr Mitbruder, Missio-Nationaldirektor Pater Karl Wallner, hat im "Wiener Zeitung"-Interview mit Blick auf andere Kontinente einen "weichgespülten" Katholizismus hier bei uns kritisiert. Ihm ist die Kirche in Europa zu ängstlich. Teilen Sie diese Ansicht?

Ich war selbst Missio-Direktor und verstehe ihn. Wenn man erlebt, wie die Kirche in Afrika, Asien und Teilen Lateinamerikas wächst - wir haben ja global einen Zuwachs an Katholiken -, da spielen diese miesen Zahlen in Europa insgesamt keine Rolle. Aber wir sind hier etwas erschlafft. In Österreich, habe ich das Gefühl, ist das noch relativ harmlos im Vergleich etwa zu Deutschland mit dem sogenannten Synodalen Weg. Europa geht unter - aber an seiner eigenen Schwierigkeit. Die Kirche braucht sich meiner Ansicht sehr wenig zu verändern, wenn sie sich auf ihre zentralen, wichtigen Botschaften konzentriert und sie verkündet. Sie muss weder Priester heiraten lassen noch Frauen weihen. Die Evangelische Kirche hat genau dieselben Probleme wie wir, obwohl sie beides kennt. Diese Randthemen sind für das eigentlich Entscheidende im Glauben belanglos.

Die Botschaft der Kirche in der Corona-Krise lautet: "Fürchtet euch nicht!" Man soll aber auch nicht Gott auf die Probe stellen und sich bewusst falsch verhalten.

Gregor Henckel-Donnersmarck

Viele Katholiken an der Basis würden sich aber mehr Reformen von Papst Franziskus wünschen.

Lächerlich. Der Papst ist katholisch. Dass eine bestimmte veröffentlichte Meinung gesagt hat: "Aha, jetzt ist ein neuer Papst da, der muss ja etwas ändern", das ist reines Wunschdenken von außen. Meiner Ansicht nach geht es darum, dass die Kirche eine Botschaft verkünden muss, ob gelegen oder ungelegen. In der Corona-Krise lautet sie: "Fürchtet euch nicht!" Man soll aber auch nicht Gott auf die Probe stellen und sich bewusst falsch verhalten.

Skandalfrei ist der Vatikan aber nicht.

Ich glaube, dass der Papst vernünftigerweise sehr kritisch gegenüber Missbräuchen und Vergehen von Kardinälen im Vatikan ist. Man sollte das aber auch nicht verallgemeinern. Ich habe einige Jahre in Rom gelebt und mit vatikanischen Stellen und deren Chefs zu tun gehabt. Dort sind hochqualifizierte Leute total unterbezahlt - vielleicht ist das ein Grund für finanzielle Missbräuche. Aber ich habe ganz großartige Leute kennengelernt und glaube, dass es nicht sinnvoll ist, hier "den Vatikan" pauschal zu kritisieren.

Franziskus hat vor einer Woche seinen 84. Geburtstag gefeiert. Trauen Sie ihm zu, dass er noch durchsetzen kann, was er sich vorgenommen hat, oder wird er letztlich scheitern?

Erstens: Woher wissen Sie, was er sich vorgenommen hat? Zweitens: Er wird nicht scheitern, weil die Kirche nicht untergeht. Sie gehen alle davon aus, dass er wie ein Ministerpräsident auf vier Jahre gewählt ist, und dann ist er gescheitert und muss in die Verbannung gehen. Nein! Der Papst führt als Nachfolger Petri das Schiff der Kirche seit mehr als zweitausend Jahren, und es wird einen Nachfolger geben, und es wird die Kirche bestehen. Dass Europa an sich selbst zugrunde geht, ist kein Grund für die Kirche, zugrunde zu gehen. Europa pflanzt sich ja nicht fort. Ein Großteil der Migrationskrise kommt aus dem Vakuum, das dadurch entsteht. Das sagt aber kein Mensch.

Was kann die Kirche da tun?

Die Kirche ist kein gesellschaftspolitischer Faktor. Sie muss aus dem Glauben eine Alternative bieten. Wir sehen uns in der Situation, dass die christlichen Werte ursprünglich unsere staatlichen Gesetze geprägt haben. Das aber hört auf. Die Kirche tut gut daran, wenn sie sagt: "Der Staat erlaubt euch zwar, ungeborene Menschen umzubringen, die Ehe mehrmals zu schließen oder jetzt auch Alte und Kranke zu töten - wir aber sagen euch: Das ist Sünde." Die Kirche muss prophetisch wie Johannes der Täufer, der im Advent im Vordergrund steht, ihre Botschaft in die Gesellschaft hineinrufen.

Die Kirche tut gut daran, wenn sie sagt: "Der Staat erlaubt euch zwar, ungeborene Menschen umzubringen, die Ehe mehrmals zu schließen oder jetzt auch Alte und Kranke zu töten - wir aber sagen euch: Das ist Sünde."

Gregor Henckel-Donnersmarck

Auch die Orden haben Nachwuchssorgen, wobei Heiligenkreuz hier eine Ausnahme bildet.

Und wir wissen selbst nicht, warum wir hier gegen den Trend schwimmen. Es gibt momentan sogar zwei Neugründungen: eine im Ruhrgebiet, die 1988 begonnen hat, mit 15 Mitbrüdern und gut läuft; und seit zwei Jahren eine in Neuzelle in Brandenburg, wo sechs Mitbrüder ein Kloster wieder aufbauen - allerdings sechs Kilometer vom ursprünglichen Kloster entfernt, das 1817 im Zuge der Säkularisierung aufgehoben wurde und nicht mehr nutzbar ist. In dieser Gegend, über die die Reformation, der Dreißigjährige Krieg, die Säkularisierung, die Nazis und die Kommunisten hergefallen sind, besteht eine gewisse unvoreingenommene Neugier, die sich in einer positiven Grundstimmung auswirkt. Auch in der Dritten Welt sind die Klöster übrigens nicht in einer solchen Krise wie in Österreich. Es gibt aber auch erstaunlich viele Eintritte ins Wiener Priesterseminar. Zwar nicht so viele wie vor Jahrzehnten, aber doch mehr als in den vergangenen zwanzig Jahren. Es gibt also Gruppen, vor allem im städtischen und intellektuellen Milieu, wo der Glaube wieder wächst.

Werden Sie und Ihre Mitbrüder sich gegen Corona impfen lassen?

Ich selbstverständlich. Der Herr Abt wird sicher keinen Zwang ausüben, aber er hat bisher sehr für die Tests geworben. Und als Corona bei uns in Heiligenkreuz ausgebrochen ist, sind auch alle sofort zur Testung gegangen. Er wird sie sicher auch zur Impfung motivieren, um ein weiteres Kloster-Cluster zu verhindern.