Die ersten kleinen Stiche wurden einmal gesetzt. Österreich hat, wie alle anderen EU-Staaten, die erste Tranche des Corona-Impfstoffs von Biontech/Pfizer erhalten. Es waren nur rund 5.000 Dosen, damit wurden und werden dieser Tage einige Pflegeheime sowie Krankenhäuser versorgt. Wien hat zum Beispiel dem Personal der Covid-Stationen in der Klinik Favoriten die Corona-Impfung angeboten. Für die Grundimmunisierung bedarf es dann übrigens auch einer zweiten Teil-Impfung drei Wochen später. Doch was kommt jetzt? Vieles ist noch im Fluss und ungewiss. Eines ist aber fix: Behörden und die Bevölkerung müssen in Sachen Impfung sehr flexibel sein.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) hat am Montag erklärt, dass ab 12. Jänner begonnen wird, flächendeckend in Alters- und Pflegeheimen zu impfen. Das wird, verglichen mit dem organisatorischen Aufwand, der danach folgen wird, eine relativ einfache Übung werden. In allen Pflegeeinrichtungen wurden Impfbeauftragte installiert. Ihre Aufgabe ist es, den internen Bedarf zu erheben, zu informieren, Personal für die Durchführung zu organisieren, Termine festzulegen und die nötigen Impfdosen zu bestellen.

Die Bestellung wird von der Bundesbeschaffungsbehörde (BBG) abgewickelt, die Impfbeauftragten erhalten dafür einen Zugang zum E-Shop der BBG. Das notwendige Material, etwa Spritzen, wird mitgeliefert. Ab etwa Mitte Jänner dürfte dann auch ein zweiter Impfstoff der Firma Moderna zur Verfügung stehen. Die europäische Arzneimittelbehörde könnte am 6. Jänner ihre Empfehlung veröffentlichen, die Zulassung erfolgt dann wenige Tage danach.

Der Vorteil dieses Impfstoffs ist, dass er länger hält, wenn er aus dem Tiefkühler entnommen wird, nämlich bis zu 30 Tage. Das Präparat von Biontech/Pfizer muss innerhalb von fünf Tagen verbraucht werden. Das kann relevant werden, sollte etwa eine Person am vereinbarten Impftag nicht anwesend sein können. Ein Nachteil Modernas: In einem Fläschchen sind zehn Impfdosen enthalten, die innerhalb von sechs Stunden verbraucht werden müssen. Bei Biontech/Pfizer sind es fünf Dosen. Wenn aber in einem Heim zum Beispiel 61 Personen geimpft werden sollen, stellt sich die Frage: Was passiert mit dem Rest? Im Informationsschreiben des Ministeriums an die Impfbeauftragten heißt es: "Ein Verwurf an Impfstoff ist zu vermeiden, gegebenenfalls durch die Impfung von Personen mit geringerer Priorität."

Der Impf-Koordinator des Ministeriums, Clemens Martin Auer, hat wörtlich von einem "Pragmatismus" gesprochen. Ob der so weit geht, dass die noch daheim lebende Ehefrau eines stationär Gepflegten auch gleich mitgeimpft wird, bevor man die Impfung entsorgt? Ja, heißt es sinngemäß aus dem Ministerium. Auch das zu organisieren ist übrigens Aufgabe der Impfbeauftragten in den jeweiligen Einrichtungen.

Impfplan könnte angepasst werden müssen

Wie viele Impfdosen nach den Impfungen in den Pflegeheimen übrig sind, ist nicht sicher. Das hängt erstens davon ab, ob die Lieferzusagen genau eingehalten werden, und zweitens von der Impfwilligkeit. Letztere kann sich dynamisch entwickeln. Noch ist zwar die Skepsis vielerorts groß, doch das kann sich ändern. In den USA wurden schon rund zwei Millionen Menschen mit demselben Impfstoff wie in Österreich immunisiert, in Großbritannien auch bald eine Million. Je mehr Menschen weltweit diesen Impfstoff erhalten, und je mehr Wochen vergehen, desto größer wird - zumindest nach rationaler Denke - die Sicherheit. Wenn Nebenwirkungen auftreten, dann tun sie dies in der Regel innerhalb weniger Wochen nach der Impfung.

Hochpriorisiert sind im Impfplan auch Bedienstete im Gesundheitsbereich, die sehr exponiert arbeiten. Darunter fallen Covid-Stationen, aber auch die Notfallaufnahme, der Rettungsdienst sowie Personal, das Aerosolen besonders ausgesetzt ist, etwa Zahnärzte oder HNO-Ärztinnen. Auch das ist noch einfach zu organisieren. Dazu kommen aber auch bereits "Hochrisikogruppen", wie es im Impfplan formuliert, aber nicht näher ausgeführt wird. In den Empfehlungen des Nationalen Impfgremiums sind in Priorität 1 Personen "über 80 Jahre" genannt. Ob diese Gruppen noch vor März geimpft werden können, ist aber unklar.

In Pflegeheimen gibt es potenziell 125.000 Impfkandidaten, dazu kommen 150.000 Personen aus dem übrigen Gesundheitswesen, wobei dies das gesamte Personal umfasst, nicht nur exponierte Bereiche. Dem stehen geplanterweise 700.000 Impfdosen für Jänner und Februar gegenüber. Das sollte sich also ausgehen, und möglicherweise bleibt noch Impfstoff übrig. Die ersten zwei verfügbaren Impfstoffe, die besonders tiefgekühlt gelagert werden müssen, sind für zentral durchgeführte Reihenimpfungen auch gut geeignet, nicht aber für den dezentralen Ansatz, den Österreich grundsätzlich verfolgt. Eine geöffnete Ampulle muss eben binnen Stunden verbraucht werden.

Die Grundidee der Regierung ist, möglichst niederschwellig die Impfung anzubieten, am besten über niedergelassene Allgemeinmediziner. Dadurch soll die Impfbereitschaft gefördert werden und auch gewährleisten werden, dass möglichst alle die zweite Impfung wahrnehmen. Bei der Masernimpfung ist das zum Beispiel nicht der Fall. Zwar haben von den Kindergartenkindern 95 Prozent die erste Impfung erhalten, die zweite aber nur mehr 82 Prozent.

Zulassung von AstraZeneca als wichtige Etappe

Dieses Konzept steht und fällt daher mit der Zulassung weiterer Impfstoffe, vor allem jenen von AstraZeneca. Auer plant mit Februar und auch Impfexperte Herwig Kollaritsch hält dies für realistisch, zumal Großbritannien bereits Anfang Jänner mit dem in Oxford entwickelten Impfstoff starten will. Noel Wathion, Chef der EU-Arzneimittelbehörde, hat allerdings erst am Dienstag bekräftigt, dass die EMA noch keine ausreichenden Daten hat und eine Zulassung im Jänner ausgeschlossen.

Sollten sich Zulassung und Lieferung von AstraZenaca verzögern, wird nicht nur weniger Impfstoff zur Verfügung stehen, man müsste wohl die dezentrale Strategie vorerst zurückstellen. Dann muss etwas umgeplant werden. Im ersten Quartal könnten in diesem Fall, und wenn Moderna und Pfizer die vereinbarte Menge liefern, aber dennoch eine halbe Million Menschen in Österreich geimpft werden. Das wären deutlich mehr, als für die Institutionen im Gesundheitswesen benötigt wird.

In Wien wird es, so viel ist sicher, Voranmeldungen geben. Die betroffenen Personengruppen werden Informationsschreiben erhalten, danach müssen sie sich eintragen, wobei es Online- und Offline-Optionen (Telefon) geben wird. Die heuer groß ausgerollte Grippeimpfung in Wien war dafür der Testlauf. Auch dafür musste man sich anmelden. Geimpft wurde unter anderem in Impfzentren und sogar in einer Impf-Straßenbahn. Auf diese Infrastruktur wird auch bei der Corona-Impfung zurückgegriffen.

In Wien werden auch Impfstraßen geplant

Dass organisatorisch auch in den Ländern recht rasch eine derartige Infrastruktur aufgebaut werden kann, haben die Massentests bewiesen. Impfstationen haben auch den Vorteil, dass der Verwurf möglichst gering gehalten wird. Geplant sind in Wien auch mobile Dienste für jene, die keine Impfstation besuchen können, was mit dem Impfstoff von Pfizer allerdings eine logistisch heikle Angelegenheit ist. Ist man einmal vorangemeldet, wird es recht kurzfristig Informationen geben, wann eine Impfung möglich ist. Das hängt von den Lieferungen ab, die wohl zizerlweise kommen werden. Auch die impfwillige Bevölkerung braucht anfangs ein hohes Maß an Flexibilität.

Während in den Städten Impfzentren gut errichtet werden können, ist das in ländlichen Regionen schwieriger. Eine Option wären hier die Bezirksstellen des Roten Kreuzes. Gespräche mit dem Gesundheitsministerium und den Behörden in den Bundesländern laufen, wird vom Roten Kreuz bestätigt. Und auch bei der Ärztekammer steht unmittelbar nach Neujahr ein Treffen mit dem Ministerium an. Denn auch wenn der Impfstoff von AstraZeneca erst in zwei Monaten oder noch später zur Verfügung stellen sollte, kommt den Hausärztinnen und -ärzten auch puncto Information und Aufklärung eine wichtige Rolle zu.